Bewegung als potenzieller Schutzfaktor bei präklinischem Alzheimer
Die Alzheimer-Krankheit beginnt oft Jahrzehnte vor dem Auftreten erster Symptome. In dieser präklinischen Phase sammeln sich Amyloid-Beta-Plaques im Gehirn an, gefolgt von einer allmählichen Ausbreitung des Tau-Proteins – vor allem im medialen Temporallappen. Letzteres gilt als entscheidender Kipppunkt für die spätere kognitive und funktionelle Verschlechterung. Eine aktuelle prospektive Studie zeigt nun: Körperliche Aktivität hat zwar keinen Einfluss auf die Amyloid-Last, sehr wohl aber auf die Geschwindigkeit der Tau-Akkumulation – und damit auf das Risiko eines klinischen Fortschreitens (1).
Untersucht wurden 296 ältere Erwachsene (davon 175 Frauen) ohne kognitive Einschränkungen aus der Harvard Aging Brain Study. Die körperliche Aktivität wurde über Schrittzähler erfasst; die Teilnehmer im Mittel über knapp sieben Jahre hinweg jährlich neuropsychologisch getestet. In einem Teilkollektiv erfolgte zusätzlich eine wiederholte Bildgebung mittels PET zur Erfassung von Amyloid und Tau. Als kognitive Endpunkte dienten der Preclinical Alzheimer’s Cognitive Composite 5 (PACC5) und der Clinical Dementia Rating Sum of Boxes (CDR-SOB).
Ein zentrales Ergebnis: Höhere körperliche Aktivität war bei Personen mit erhöhter Amyloid-Last nicht mit einer geringeren Amyloid-Akkumulation, wohl aber mit einer signifikant langsameren Zunahme von Tau im inferioren Temporallappen assoziiert. Diese Region ist stark mit Gedächtnisprozessen verknüpft und früh von der Alzheimer-Pathologie betroffen. Der beobachtete Zusammenhang war robust gegenüber Alter, Geschlecht, Bildung und anderen Kovariaten.
Die verlangsamte Tau-Akkumulation wiederum vermittelte den Zusammenhang zwischen körperlicher Aktivität und besserer kognitiver sowie funktioneller Entwicklung. Ein Mediationseffekt konnte sowohl für die kognitive Leistung (PACC5) als auch für die alltagspraktische Funktion (CDR-SOB) nachgewiesen werden. Die Effekte waren dabei spezifisch für die Subgruppe mit erhöhter Amyloid-Last – bei Amyloid-negativen Personen ergab sich kein signifikanter Zusammenhang.
Schon moderate Bewegung wirkt – Schwelle bei 5000 bis 7500 Schritten
Die beobachteten Effekte waren dosisabhängig: Teilnehmer mit 5001 bis 7500 Schritten täglich zeigten deutlich günstigere Verläufe als inaktive Personen mit weniger als 5000 Schritten. Eine weitere Steigerung auf über 7500 Schritte brachte dagegen keinen zusätzlichen Nutzen. Diese Sättigung spricht für eine potenzielle Schwelle, ab der Bewegung ihre maximal präventive Wirkung entfaltet. Für die Praxis ergibt sich daraus eine konkrete Zielgröße – auch für bislang inaktive Personen.
Die Autoren heben hervor, dass diese Erkenntnisse für Präventionsstrategien bedeutsam sind: Da Tau-Pathologie eine zentrale Rolle beim Übergang in die symptomatische Phase spielt, könnten gezielte Bewegungsinterventionen im präklinischen Stadium dazu beitragen, den Krankheitsverlauf abzumildern oder zu verzögern. Besonders wirksam könnte dieser Ansatz bei bislang inaktiven, aber Amyloid-positiven Personen sein – etwa im Rahmen zukünftiger Interventionsstudien.
Die Studie belegt damit klar: Körperliche Aktivität kann über einen pathophysiologisch plausiblen Mechanismus – die verlangsamte Tau-Akkumulation – zu einer verzögerten kognitiven und funktionellen Verschlechterung beitragen. Entscheidend ist dabei nicht die sportliche Intensität, sondern die Regelmäßigkeit. Schon moderate tägliche Bewegung könnte ausreichen, um einen relevanten Beitrag zur Alzheimer-Prävention zu leisten.
■ Hutterer C
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Quellen:
Yau WY W, Kirn DR, Rabin JS et al. Physical activity as a modifiable risk factor in preclinical Alzheimer’s disease. Nat Med. 2025; 31: 2446 2455. doi: 10.1038/s41591-025-03955-6