Bouldern-Psychotherapie und WISE-Therapie als innovative Depressionsbehandlung
Menschen mit Depressionen warten häufig monatelang auf einen Therapieplatz. Gruppenbasierte Angebote zur Depressionsbehandlung könnten dazu beitragen, diese Versorgungslücke zu verkleinern. Eine randomisiert kontrollierte Studie aus Erlangen zeigt nun, dass sowohl die neu entwickelte WISE-Therapie als auch die Bouldern-Psychotherapie depressive Symptome im ambulanten Setting wirksam lindern können (1).
An der einfach verblindeten Studie nahmen 128 Erwachsene mit einer Major Depression teil. Sie wurden zufällig einer von drei Gruppen zugeteilt. 44 Patienten erhielten die WISE-Therapie, 40 nahmen an einer Bouldern-Psychotherapie teil. Die Kontrollgruppe von 44 Personen wurde nach der üblichen Standardversorgung behandelt. Beide Interventionen umfassten zehn wöchentliche Gruppensitzungen von jeweils zwei Stunden. Der Schweregrad der Depression wurde mithilfe der Montgomery-Asberg-Depressions-Rating-Skala vor und nach der Intervention sowie nach einem Jahr erfasst.
Bei der WISE-Therapie (What’s Important Schedule and Engage) steht die Frage im Zentrum, welche Aktivitäten für das eigene Leben wirklich bedeutsam sind. Die Teilnehmenden lernen, diese gezielt zu planen und dauerhaft in den Alltag zu integrieren. Grundlage ist das Eisenhower-Prinzip, das helfen soll, wichtige langfristige Ziele nicht zugunsten kurzfristig dringender Aufgaben zu vernachlässigen. Ergänzt wird das Konzept durch Elemente der kognitiven Verhaltenstherapie und Strategien zur Entscheidungsfindung.
Die Bouldern-Psychotherapie verbindet psychotherapeutische Inhalte mit Klettereinheiten in Absprunghöhe. Im Fokus stehen unter anderem Achtsamkeit, Selbstwirksamkeit, der Umgang mit Ängsten sowie soziale Interaktion. Die körperliche Aktivität dient dabei nicht allein als Bewegungstraining, sondern als therapeutisches Medium, um psychologische Inhalte unmittelbar erlebbar zu machen.
Beide Interventionen reduzierten die depressiven Symptome signifikant stärker als die Standardversorgung. Nach Abschluss der Depressionsbehandlung verbesserte sich der MADRS-Wert in der WISE-Gruppe um durchschnittlich 5,5 Punkte und in der Bouldern-Gruppe um 4,2 Punkte gegenüber der Kontrollgruppe. Die Ansprechraten lagen bei 35,3 Prozent beziehungsweise 29,7 Prozent, verglichen mit 21,1 Prozent unter Standardversorgung. Eine Remission erreichten 17,6 Prozent der Patienten unter WISE-Therapie, 13,5 Prozent im Boulder-Arm und nur 2,6 Prozent in der Kontrollgruppe. Zusätzlich verbesserten sich unter beiden Interventionen Angstsymptome, Kohärenzgefühl, Selbstwirksamkeit und Achtsamkeit während körperlicher Aktivität. Schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten nicht auf.
Die Autoren sehen beide Konzepte als praktikable Ergänzung der ambulanten Depressionsbehandlung. Während die WISE-Therapie insbesondere durch höhere Remissionsraten überzeugt, bietet die Bouldern-Psychotherapie einen weiteren Beleg dafür, dass körperliche Aktivität sinnvoll in psychotherapeutische Konzepte integriert werden kann. Gerade vor dem Hintergrund begrenzter Therapiekapazitäten könnten beide Gruppenangebote dazu beitragen, mehr Patienten zeitnah evidenzbasiert zu versorgen.
■ Hutterer C
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Quellen:
Kornhuber J, Lewczuk P, Siegmann EM, Schneider S, Eversmann L, et al. WISE-Therapy (What's Important: Schedule and Engage) and bouldering psychotherapy for depression: A randomized clinical trial. BMC Med. 2026; 24: 332. doi:10.1186/s12916-026-04918-5