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Die Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin behandelt die klinische Praxis und deren angrenzende Felder im Sinne translationaler Forschung, die den Einfluss von körperlicher Aktivität, Bewegung, Training und Sport sowie Bewegungsmangel von gesunden Personen und Patienten aller Altersgruppen erforscht. Dies umfasst die Auswirkungen von Prävention, Diagnose, Therapie, Rehabilitation und körperlichem Training sowie das gesamte Feld der Sportmedizin und sportwissenschaftliche, physiologische und biomechanische Forschung.

Die Zeitschrift ist die führende und meistgelesene deutsche Zeitschrift für die gesamte Sportmedizin. Sie richtet sich an alle Ärzte, Physiologen und sportmedizinisch/sportwissenschaftlich interessierte Wissenschaftler aller Disziplinen sowie an Physiotherapeuten, Trainer, Praktiker und Sportler. Die Zeitschrift ermöglicht allen Wissenschaftlern online Open Access zu allen wissenschaftlichen Inhalten und viele Kommunikationsmöglichkeiten.

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Neuroplastizität und Sport
EDITORIAL
Universum, Gehirn und Geist

Universum, Gehirn und Geist

Universe, Brain and Mind

Laudatio zum 90. Geburtstag von Univ.-Prof. mult. Dr. med. Dr. h.c. mult. Wildor Hollmann, emeritierter Lehrstuhlinhaber für Kardiologie und Sportmedizin, Köln, Ehrenpräsident des Weltverbandes für Sportmedizin und der Deutschen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention

„Die Reihenfolge in der Entwicklung des Universums waren Information und Energie, aus Energie wurde Materie und dann kam es zu immer höheren, aus einfachen Formen zu immer komplexeren größeren Gebilden. Es entstand in Verbindung mit Quantenvorgängen, …, diese kleinsten Teilchen gehorchen eigenen Gesetzen, die größtenteils normaler menschlicher Logik widersprechen und deswegen völlig unverständlich sind und hier auch einen Ansatz bieten zur Annäherung an die Schöpfungsgeschichte. Dann dauerte es nach dem Urknall etwa 380 000 Jahre bis Materie und Licht sich voneinander trennten. … Bis dahin war es, wie der Schöpfungsbericht sagt, Finsternis und dann im Schöpfungsbericht am dritten Tag schuf Gott Licht und am vierten Tag trennte er Licht von der Finsternis und genauso sieht es … heute die Wissenschaft.“

Dieses Zitat und dieser weite Blick sind charakteristisch für Wildor Hollmann und weisen ihn als „Universalgelehrten“ aus. Schon wenn man in das Inhaltsverzeichnis seines großen Werks „Sportmedizin“ blickt, startet dieses mit der Entwicklung des Universums und umfasst dann Geist, Körper und Funktionen. Fast berühmt ist seine propädeutische Vorlesung, die er in der Deutschen Sporthochschule Köln für die Studierenden zum Thema „Universum und Geist“ seit Jahrzehnten hält.Was zeichnet den „Universalgelehrten“ aus? Das Werk und die Verdienste sind wichtig, viel wichtiger aber ist die Persönlichkeit. Die Persönlichkeit wird laut Cicero durch ihre Tugenden geprägt: Gerechtigkeit, Mäßigung, Tatkraft und Weisheit, die wir alle Wildor Hollmann zuschreiben. Er würde aber die christlichen Tugenden Glaube, Liebe und Hoffnung als wichtig dieser Liste hinzufügen. Was macht aber die große Persönlichkeit aus? Die Basis der Wissenschaften sind Menschlichkeit und Bildung, beides bedeutet humanitas, aber es bedarf doch etwas mehr – Leidenschaft, Begeisterung und Geistesschärfe.

„Ist es der Geist, der den Körper antreibt, oder ist es das Gehirn, das den Geist unterhält?"

Dieser fast unauftrennbare Antagonismus im menschlichen Wesen und diese wissenschaftliche Fragestellung haben sein Werk in den letzten beiden Jahrzehnten immer mehr geprägt und damit auch seine Neugier auf das, was die Welt antreibt. Dadurch kann man sein Spätwerk auch als einen Versuch einer modernen Hermeneutik der Integration von Geist, Geistwissenschaften, Theologie und Naturwissenschaft verstehen. Während die „klassische“ Hermeneutik eine geisteswissenschaftlich geprägte Erfassung der Welt ist, stellen neue naturwissenschaftliche Erkenntnisse neue Anforderungen an das Weltbild. Wenn in der Moderne Martin Heidegger den Begriff der „Geworfenheit“ des Menschen prägt, Hans-Georg Gadamers darüber hinaus eine „Integration aller Erkenntnis der Wissenschaft in das persönliche Wissen des Einzelnen“ definiert und Karl-Otto Apel von einer Synergie von „erklärenden“ Naturwissenschaften und „verstehenden“ Geisteswissenschaften spricht, kann man Hollmann eine „integrative Hermeneutik“ zuschreiben.

„Die alten Griechen Aristoteles, Platon, Sokrates … haben einstmals vor 2300 – 2500 Jahren gesagt: Der Geist prägt den Körper. Das können wir heute bestätigen. Wir kennen die biochemischen Wege und die physikalischen Voraussetzungen für die Richtigkeit dieser Feststellung. Wir haben aber darüber hinaus festgestellt, dass ganz bestimmte chemische Substanzen im Körper vermehrt produziert werden müssen, um dann im Gehirn Veränderungen auszulösen.... Diese Veränderungen sind u.a. Neubildungen von Neuronen, Spines und von Blutgefäßen im Gehirn. Das geschieht durch jeden Gedanken, durch jede Bewegung... Körperliche Bewegung lässt im Gehirn auch die Zahl der Dendriten zunehmen, jener Dornen, die maßgeblich das Kurzzeitgedächtnis prägen.“

Wo viele akademische Kollegen und Ärzte nur die Erkrankungen sahen, hat er den Blick auf Prävention gerichtet und ist dabei auf die Bedeutung der Bewegung für die Gesundheit gestoßen. Begünstigt war dieses Denken durch seinen Lehrer Knipping, Direktor der medizinischen Universitätsklinik Köln. Nach dem Desaster des Zweiten Weltkriegs mussten die Chancen genutzt werden, der Gesellschaft neue Orientierungen zu vermitteln. Hier hat Hollmann erkannt, welche Möglichkeiten sich in Köln durch die Verbindung der Medizinischen Universitätsklinik Köln mit der Sporthochschule Köln auftaten. Neue Untersuchungsmethoden, Stoffwechselmessungen und Ergometrie, einem leistungsfähigem Team und begeisterten Studierenden, so hat er maßgeblich auch dazu beigetragen, dass es die Deutsche Sporthochschule in Köln in der heutigen Form gibt. Er hat zahlreiche begeisterte und leistungsfähige Kollegen des In- und Auslandes nach Köln geholt und diese Hochschule mit geprägt.
Seine breitbasige wissenschaftliche Neugierde verband ihn mit verschiedenen wissenschaftlichen Einrichtungen, so mit dem Forschungszentrum Jülich. Schon vor 30 Jahren wandte er sich mehr und mehr den Neurowissenschaften zu.
90 Jahre Hollmann heißt auch Gestaltung dieser Zeitschrift als Hauptschriftleiter über fast vier Dekaden und Beiträge über sechs Dekaden. Wir danken ihm für die Prägung einer ganzen Generation von Sportmedizinern und Sportwissenschaftlern. Die Bedeutung von körperlicher Bewegung als Gesundheitsbegriff war sein primäres Anliegen.
Mit diesem Heft können wir nicht komplett die Persönlichkeit eines „Universalgelehrten“ und großen Arztes erfassen, sondern uns nur annähern. Wir haben drei Arbeitsgruppen gebeten, das Thema der Neuroplastizität aus ihrer Sicht darzustellen und einen Weg dorthin zu zeigen, wohin sich Wildor Hollmanns forschender Blick richtet.

Jürgen Steinacker, Ulm

Prof. Dr. Jürgen M. Steinacker,
Sektion Sport- und Rehabilitationsmedizin,
Universitätsklinikum Ulm,
Leimgrubenweg 14, 89075 Ulm
juergen.steinacker@uniklinik-ulm.de
 
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