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Die Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin behandelt die klinische Praxis und deren angrenzende Felder im Sinne translationaler Forschung, die den Einfluss von körperlicher Aktivität, Bewegung, Training und Sport sowie Bewegungsmangel von gesunden Personen und Patienten aller Altersgruppen erforscht. Dies umfasst die Auswirkungen von Prävention, Diagnose, Therapie, Rehabilitation und körperlichem Training sowie das gesamte Feld der Sportmedizin und sportwissenschaftliche, physiologische und biomechanische Forschung.

Die Zeitschrift ist die führende und meistgelesene deutsche Zeitschrift für die gesamte Sportmedizin. Sie richtet sich an alle Ärzte, Physiologen und sportmedizinisch/sportwissenschaftlich interessierte Wissenschaftler aller Disziplinen sowie an Physiotherapeuten, Trainer, Praktiker und Sportler. Die Zeitschrift ermöglicht allen Wissenschaftlern online Open Access zu allen wissenschaftlichen Inhalten und viele Kommunikationsmöglichkeiten.

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Sportmedizin
ÜBERSICHT
MARATHON UND STÜTZ- UND BEWEGUNGSAPPARAT

Schadet Marathonlaufen dem Stütz- und Bewegungsapparat?

Is Marathon Running Detrimental to the Musculoskeletal System?

Hochschulambulanz der Universität Potsdam, Zentrum für Freizeit-, Gesundheits- und Leistungssport

ZUSAMMENFASSUNG

Marathon-  und  Langstreckenläufe  sind  populär  und  werden  aufgrund  belegter, positiver Effekte auf die Lebensqualität und das Risiko von Herz-Kreislauferkrankungen  zunehmend  propagiert.  Als  Folge  einer  Zunahme  an  Läufern  steigt  die absolute  Zahl  an  Patienten  mit  belastungsabhängigen  Beschwerden  des  Stütz- und Bewegungsapparates ebenfalls an. Es wird von einer Inzidenz von bis zu 70% ausgegangen.  In  der  Ätiologie  laufspezifischer  Beschwerden  wird  zwischen  internen und externen Einflüssen differenziert, wobei eine multifaktorielle Genese angenommen wird. Als gesichert gilt ein Zusammenhang zwischen Beschwerden und  dem  Laufumfang  (>60km/Wo),  dem  Trainingsalter  und  zurückliegenden laufspezifischen Pathologien. Eine Kausalität zwischen Laufbelastungen und einer akuten Schädigung bzw. der Entwicklung einer symptomatischen Knie- oder Hüftgelenksarthrose konnte bisher nicht abschließend belegt werden. Die überwiegende Mehrzahl der Beschwerdebilder betrifft die Achillessehne, die Knieregion, die untere LWS, die Plantaraponeurose oder die vordere Schienbeinkante. Der  Schweregrad  ist  meist  gering.  Therapeutisch  und  präventiv  werden  unterschiedliche, meist konservative Konzepte verfolgt, die i.d.R. zu einer restitutio ad integrum führen. Auf Basis der derzeitigen Datenlage kann davon ausgegangen werden, dass Laufbelastungen einem Stütz- und Bewegungsapparat ohne Vorerkrankungen nicht nachhaltig schaden. Voraussetzung ist allerdings eine sukzessive, angepasste Steigerung des Laufumfangs, eine begleitende Kräftigung und ein sensomotorisches Training.

Schlüsselwörter: Laufsport, Verletzung, Überlastungsreaktion, Tendinopathie, Arthrose.

SUMMARY

Marathon running is still popular mostly due to positive effects on life style and cardiovascular health. However, due to the increasing number of active runners, running injuries and overuse of the musculoskeletal system have to be taken into account. Regarding predictive variables for an incidence of up to 70% of runners suffering from running related injuries, recent data differentiate between internal and external factors whereas a multifactorial background is assumed. There is evidence that a mileage of more than 40miles/week, insufficient running experience and former running injuries increase the risk for subsequent injuries. Most of the pathologies are located at the Achilles tendon, the knee area, the lower back, the plantaraponeurosis and the shin. Severeness of the injuries is mostly low. There is no evidence for acute damage after a marathon run as well as no final evidence for the development of hip or knee osteoarthritis. Prevention and therapy leads to restitutio ad integrum in the majority of cases. Based on recent investigations we can summarize that running is not detrimental to a healthy musculoskeletal system. A slow and adjusted increase in weekly running mileage as well as an additional strength and sensory motor training is required to avoid overuse injuries.

Key words: Running, injury, overuse, tendinopathy, osteoarthritis

EINLEITUNG UND HINTERGRUND

Laufsport  erfreut  sich  nach  wie  vor  einer  uneingeschränkten  Popularität  (4).  Aktuelle  Daten  zeigen  eine  Zunahme  des  Anteils  von Laufsportlern an der Gesamtbevölkerung auf rund 15% bis 25% (4, 20). Darüber hinaus kann eine Zunahme der weiblichen Läuferinnen auf mittlerweile rund 40% der Laufsportler verzeichnet werden (20). Dem Marathonlauf  kommt  dabei  ein  erhöhtes  Interesse  zu,  was  letztlich auch durch die Vielzahl der Marathonveranstaltungen in Deutschland belegt  werden  kann.  Betrachtet  man  die  Anzahl  derjenigen  Läufer und Läuferinnen, die einen Marathonlauf in Rahmen einer offiziellen Veranstaltung abgeschlossen haben, zeigt sich für die Jahre 2003- 2008 eine nahezu konstante Zahl um 130.000 Athleten pro Jahr (www.marathon.de).
Die absolute Anzahl an Beschwerden des Stütz- und Bewegungsapparates  hat  zwar  zugenommen,  jedoch  sind  das  relative  Verletzungsrisiko und der Schweregrad im Vergleich zu anderen Sportarten gering.  Meist  handelt  es  sich  um  Überlastungsbeschwerden  mit  geringem  bis  mittlerem  Beschwerdegrad,  allerdings  bei  häufig  längerer Dauer (6, 16, 17, 24). Akute Verletzungen treten sehr selten auf. Nguyen et al. untersuchten die Notwendigkeit der Inanspruchnahme medizinischer Hilfe während eines Marathonlaufs an insgesamt 4.837 Läuferinnen und Läufern (18). Sie konnten zeigen, dass medizinische Hilfe in rund 2/3 der Fälle am Ende des Rennens erforderlich ist und dies mehrheitlich bei Erstabsolventen. In der Summe ergaben sich 251 Behandlungsfälle,  die  meist  (34%)  muskuloskelettale  Beschwerden  betrafen. 26% der Athleten erhielten eine Medikation z.B. aufgrund von Kopfschmerzen, 19% wurden aufgrund von Schwindel und Dehydratation, 11% aufgrund von Hautverletzungen behandelt (18). Alonso et al. analysierten die Beschwerde- und Verletzungsrate während der IAAF Leichtathletik-Weltmeisterschaften 2007 in Osaka (1). Erfasst wurden Verletzungen  und  Beschwerden  aller  Disziplinen.  Auffällig  war,  dass bei einer Beschwerdehäufigkeit von insgesamt 192 Fällen an 1660 Athleten  aus  49  Nationen  (97/1000  akkreditierten  Athleten)  neben  dem Zehnkampf v.a. die längeren Laufdisziplinen (10000m-Lauf der Frauen, 3000m-Hindernislauf  der  Frauen,  Marathon  der  Männer)  betroffen waren (1). 80% der Fälle betrafen die untere Extremität und wurden meist als Überlastungsfolge (overuse injury) dokumentiert (1).
Die Frage nach möglichen (ggf. dauerhaften) Schädigungen des Stütz- und  Bewegungsapparats  durch  hochumfängliche  Laufbelastungen wird seit geraumer Zeit diskutiert. Häufig wird dabei  - unter der Annahme repetitiver Mikrotraumata für Knorpel, Knochen, Sehnen und Bänder - angeführt, dass die erhöhte, wiederholte Last über die Toleranzgrenze  der  Strukturen  hinaus  geht.  In  diesem  Zusammenhang sind insbesondere Risiken für mögliche, degenerative Gelenkschädigungen sowie irreversible Sehnenpathologien zu diskutieren. Darüber hinaus ist zu differenzieren, ob der Marathonlauf per se ein erhöhtes Schädigungspotenzial  birgt  oder  ob  laufspezifische  Pathologien  auf dem  Boden  einer  bereits  vorliegenden  Schädigung  entstehen.  Unberücksichtigt  bleibt  dabei  allerdings  einerseits  die  mittlerweile  gut nachgewiesene hohe Adaptation aller Gewebestrukturen durch körperliche  Aktivität  und  andererseits  der  in  der  Regel  unkomplizierte Verlauf  und  Schweregrad  laufspezifischer  Beschwerden.  Schließlich muss berücksichtigt werden, dass die Mehrzahl der Fälle einer konservativen Therapie bis zur restitutio ad integrum zugänglich ist.

EPIDEMIOLOGIE UND RISIKOFAKTOREN HÄUFIGER KRANKHEITSBILDER IM LAUFSPORT

Sowohl  für  die  prognostische  Beurteilung  möglicher  (dauerhafter) Beschwerden und deren Verläufe, als auch für eine effiziente Therapie und Prävention spielt die Kenntnis beschwerdeauslösender Faktoren  eine  zentrale  Rolle.  Allerdings  ist  die  Datenlage  diesbezüglich derzeit lückenhaft. Somit basiert die überwiegende Anzahl an Erklärungsansätzen auf Empirie und weniger auf kontrollierten Daten im Längsschnitt. Zum Großteil liegt dies nicht an fehlenden oder nicht nachweisbaren Effekten, sondern häufig an einer Einschränkung der Untersuchungsqualität, zumindest nach den derzeitig gültigen Kriterien der evidenz-based medicine.
Laufspezifische  Beschwerden  können  an  multiplen  Lokalisationen der unteren Extremität und des lumbosakralen Übergangs auftreten. In der Regel handelt es sich dabei um Überlastungsreaktionen. Häufig sind Tendinopathien, unspezifische, untere Rückenbeschwerden,  patello-femorale  Beschwerden,  periostale  Stressreaktionen  sowie  eine  Reihe  seltener  auftretender  Krankheitsbilder  (vgl.  Tabelle 1;  6, 16, 24).  Wenngleich  der  Schweregrad  der  Pathologien  gering  ist, müssen  rund  30- 75%  aller  Läufer  im  Verlauf  ihrer  Karriere  (meist) mit  Überlastungsbeschwerden  rechnen  (3).  Verschiedene  Autoren befassten  sich  in  der  Vergangenheit  mit  der  Analyse  möglicher  beschwerdeprädisponierender Faktoren und differenzierten hierbei zwischen intrinsischen (den Läufer betreffenden) und extrinsischen (die Laufumgebung betreffenden) Faktoren (2, 3, 6, 24). Als gesichert für ein erhöhtes  Beschwerderisiko  gelten  das  Vorhandensein  einer  Vorverletzung, ein geringes Trainingsalter und ein hoher Laufumfang über rund 60 Trainingskilometer pro Woche. Van Middelkoop et al. evaluierten vor bzw. im Laufe des Rotterdam-Marathons die Häufigkeit von Beschwerden während des Laufes. Von insgesamt 1500 Befragten antworteten 694, wovon 165 Beschwerden angaben. Insgesamt 17 dieser Läufer mit Beschwerden (10,3%) beendeten schließlich den Marathon nicht (25). 3 Monate nach dem Wettkampf beklagten lediglich noch 42 Patienten Beschwerden bei Belastung, 27 hatten eine ärztliche Behandlung  in  Anspruch  genommen.  Bezüglich  einer  Therapie  gaben 40 Athleten an physiotherapeutisch behandelt worden zu sein (insgesamt 218 Behandlungen). In der Summe ergab sich somit ein weiterer Beleg für den geringen Beschwerdegrad und einen unkomplizierten Verlauf bei geringen sozialen und klinischen Konsequenzen (25).
Van Gent et al. publizierten 2007 eine Übersicht zu Inzidenzen und  Determinanten  laufspezifischer  Beschwerden  (24).  Nach  Sichtung von insgesamt 1113 Titeln bzw. Abstracts wurden 172 relevante Artikel extrahiert, wovon schließlich 17 (13 prospektive und 4 retrospektive Kohortenstudien) mit insgesamt 12850 Läufern in den Überblick eingeschlossen wurden. Die Wettkampfstrecke der eingeschlossenen Läufer war überwiegend der Marathonlauf. Es ergab sich eine Inzidenz  laufspezifischer  Beschwerden  je  nach  Autor  und  Methode zwischen  19,4  und  79,3%  (Oberschenkel  3,4- 38,1%,  Knie  7,2- 50%, Unterschenkel 9- 23,2%, Fuß und Zehen 5,7- 39,3%). Die Angaben zur Notwendigkeit einer Medizinischen Therapie der Beschwerden variierten zwischen 6,2 und 17,9% (24). Uneinheitlich zeigten sich die Ergebnisse bezüglich der Analyse beschwerdeauslösender Faktoren, die von den Autoren in die Bereiche „systemisch“, „Training“, „Gesundheit“ und „Lebensstil“ eingeteilt wurden. Steigendes Alter sowie anthropometrische Daten lassen kein einheitliches Bild einer evidenzbasierten Beurteilung zu; eine in der Biomechanik häufig diskutierte Ausrichtung der Skelettachsen (so genanntes Alignment) wird als nicht relevant eingestuft. Ebenso haben Untergrund, Tageszeit, Streckenprofil und  Laufgeschwindigkeit  offensichtlich  keinen  Einfluss  auf  das  Risiko  von  Laufbeschwerden.  Als  evident  werden  dagegen  ein  hoher Laufumfang (>60km/Woche bei Männern) und bereits vorhandene Beschwerden in der Vorgeschichte eingestuft. Lebensstilfaktoren wie Alkoholgenuss, Rauchen und die parallele Ausübung anderer Sportarten sind von eher untergeordneter Bedeutung (24).
Laufanfängern bzw. Läufern mit geringer Lauferfahrung wird ein höheres Beschwerderisiko beigemessen (4). Buist et al. untersuchten 532  Laufanfänger  im  Alter  zwischen  18  und  65  Jahren,  die  sich  mit einem  13-wöchigen  Trainingsprogramm  auf  einen  4-Meilen-Lauf vorbereiteten.  Das  Trainingsprogramm  der  Läufer  bestand  aus  wöchentlich  3  Einheiten  kombiniertem  Lauf-  und  Gehtraining  (selbst gewähltes Tempo, Strecke der Wahl). Die Ergebnisse ergaben 33 Beschwerdefälle pro 100 Trainingsstunden (20,6/100 Läufer). Für Laufanfänger fand sich v.a. ein Zusammenhang zu Vorverletzungen, bei Männern  zum  BMI  und  zuvor  ausgeübter  Sportart.  Interessant  ist zudem, dass die Vorerfahrung in Sportarten mit axialer Belastung des Stütz- und Bewegungsapparats als Prädiktor für eine reduzierte Beschwerderate nachgewiesen werden konnte.
Fredericsson beschreibt in seiner Übersicht aus dem Jahre 2007, dass davon auszugehen ist, dass 2/3 aller Läufer Beschwerden entwickeln können, die zu einer Reduktion der Laufbelastung führen. Marathonläufer sind davon besonders betroffen; ältere, erfahrene Läufer sind deutlich weniger verletzt (6). Verglichen mit anderen Sportarten ist die Verletzungs- und Beschwerderate im Laufsport dennoch sehr gering und zeichnet sich zudem durch einen geringen Schweregrad der  Pathologien  aus.  Als  prädisponierende  Faktoren  diskutieren  die Autoren ebenso eine positive Vorgeschichte bezüglich laufspezifischer Beschwerden und eine zu schnelle Steigerung des Laufumfangs (>40 Meilen/Woche; relatives Risiko 2,88).
Hesar et al. untersuchten den Einfluss ganganalytischer Faktoren auf mögliche Beschwerden der unteren Extremität an 131 Gesunden während einer Trainingsperiode von 10 Wochen mit 3 Trainingseinheiten pro Woche (8). Erfasst wurden laufspezifische Überlastungsbeschwerden  bei  27  Probanden.  Auf  Basis  plantarer  Druckverteilungsmessungen werteten die Autoren eine geringere Pronation des Rückfußes während des Aufkommens und einen lateral ausgerichteten  Abrollvorgang  als  Risikofaktoren  für  Überlastungsbeschwerden. Azevedo  et  al.  fanden  an  21  Läufern  mit  einer  Tendinopathie  der Achillessehne  ein  reduziertes  Bewegungsausmaß  des  Kniegelenkes und eine reduzierte Aktivität des M. tibialis anterior (vor Bodenkontakt) bzw. der Mm. rectus femoris und gluteus medius (nach Bodenkontakt).  Die  Autoren  folgern,  dass  Läufer  mit  einer  Tendinopathie der Achillessehne eine veränderte Kniekinematik und eine reduzierte muskuläre  Aktivität  aufweisen  (2).  Rehabilitationsprogramme  und mögliche Konzepte der Schuh- und Einlagenversorgung sollten dies berücksichtigen.
Eine  bedeutsame  Pathologie  im  Laufsport  ist  das  sogenannte mediale Tibiakantensyndrom. Hubbard et al. untersuchten mögliche Risikofaktoren  für  das  Auftreten  dieser  Pathologie  an  146  Athleten während  einer  Laufsaison  (9).  Insgesamt  entwickelten  29  Athleten während  des  Beobachtungszeitraums  Beschwerden  im  Bereich  der medialen  Tibiakante.  In  der  retrospektiven  Betrachtung  der  Fälle zeigte sich schließlich eine Häufung bei Athleten mit einem Trainingsalter  unter  5  Jahren  und  bereits  zurückliegenden  Stressfrakturen oder medialem Tibiakantensyndrom. Raissi et al. untersuchten den Einfluss der Beinachse auf ein mögliches Auftreten medialer Schienbeinkantenbeschwerden (19). Sie fanden die Beschwerden bei rund 20% der Athleten über einen Beobachtungszeitraum von 17 Wochen, sahen allerdings keinen Zusammenhang zu den erfassten Variablen der Beinachse.

AKUTE BELASTUNGSREAKTIONEN UND DEGENERATIVE GELENKVERÄNDERUNGEN

Für die Diskussion einer möglichen Schädigung des Stütz- und Bewegungsapparats  durch  Marathonläufe  ist  es  notwendig  sowohl die aktuelle Belastung direkt nach dem Lauf zu erfassen, als auch längerfristige  Veränderungen  insbesondere  des  Gelenkknorpels zu  analysieren.  Die  aktuelle  Belastung  durch  einen  Marathonlauf wurde insbesondere für das Kniegelenk untersucht (22, 23). Durch MRT-Aufnahmen  vor  dem  Lauf  konnten  (im  Vergleich  zu  einer Kontrollgruppe)  die  bereits  bestehenden  Pathologien  erfasst  und deren  Progredienz  durch  Kontrollaufnahmen  nach  dem  Lauf  dokumentiert werden.
Hagemann  et  al.  evaluierten  in  ihrer  MRT-Studie  mögliche Kniepathologien nach einem Ultramarathon und diskutierten die Frage,  ob  die  Belastung  vorbestehende  Pathologien  exazerbieren ließ (7). Eingeschlossen wurden 10 randomisiert ausgewählte Athleten, die einen Marathon an 5 aufeinanderfolgenden Jahren absolvierten.  MRT-Aufnahmen  des  Kniegelenkes  wurden  48h  vor,  48h nach und einen Monat nach dem Marathon durchgeführt. In allen gescannten Kniegelenken konnte vor dem Rennen eine vermehrte Flüssigkeitsansammlung nachgewiesen werden, welche sich bei 5 der  Probanden  nach  dem  Rennen  erhöhte.  Auffällig  war  darüber hinaus eine Erhöhung der Signalintensität der Patella- und Quadricepssehne bei 6 Läufern. Die überwiegende Mehrzahl der Befunde war einen Monat nach dem Marathon rückläufig oder nicht mehr vorhanden.  Vorbekannte  Beschwerden  wurden  durch  den  Lauf nicht  beeinflusst.  Es  ergab  sich  kein  Hinweis  für  Knochen-  oder Knorpelläsionen. Zu vergleichbaren Ergebnissen kamen SchuellerWeidekamm  et  al.  in  ihrer  Untersuchung  an  22  nicht-professionellen Marathonläufern (22). Ebenfalls anhand vor und nach dem Lauf durchgeführter MRT-Aufnahmen konnten sie zeigen, dass der Marathon keine ernsthaften Schädigungen von Knorpel, Knochen, Sehnen und Bändern auslöst (22). Evident war lediglich eine leichte Zunahme der intraartikulären Flüssigkeit des Kniegelenkes. Stahl und  Mitarbeiter  verglichen  Knie-MRTs  von  Marathonläufern  vor und  nach  einem  Wettkampf  mit  einer  Kontrollgruppe  bestehend aus körperlich aktiven Probanden (23). Da die Läufer im Vergleich zu  den  Kontrollpersonen  eine  gering  höhere  Rate  an  Knorpelabnormalitäten  aufwiesen,  wurde  den  Athleten  ein  gering  höherer jedoch  nicht  statistisch  signifikanter  MRI-Score  für  Kniegelenkpathologien zugewiesen. Der Marathonlauf per se führte nicht zu einer Veränderung der bildgebenden Befunde.
Häufig kontrovers diskutiert wird die Frage nach einem erhöhten  Arthroserisiko  durch  Laufbelastungen  (11, 12, 13, 21, 26)  (Tab. 2).  Verschiedene  Arbeiten  konnten  hierzu  allerdings  zeigen,  dass Laufbelastungen per se ein nur geringes Risiko für die Entwicklung einer Hüft- oder Kniegelenksarthrose bergen, sofern keine Vorverletzungen an den betroffenen Gelenken bestehen (5). Kettunen et al. untersuchte eine hohe Zahl an ehemaligen Athleten mit einem Wettkampfniveau  auf  internationaler  Ebene  bezüglich  einer  späteren Entwicklung einer Knie- und/oder Hüftgelenksarthrose (10). Sie fanden mit zunehmendem Alter ein höheres Risiko bei einem BMI >25, Vorverletzungen und einer zusätzlichen, hohen körperlichen Berufsbelastung (10). Im Vergleich mit anderen Sportarten ergab  sich  für  den  Langstreckenlauf  sowohl  bezüglich  Knie-  als auch  Hüftgelenksbeschwerden  eine  odds  ratio  unter  1.0.  Kujala et  al.  führten  eine  Nachuntersuchung  ehemaliger  Eliteathleten (2448  männliche  Athleten,  die  Finnland  in  den  Jahren  1920- 1965 an  Olympischen  Spielen,  Welt-  oder  Europameisterschaft  oder anderen internationalen Wettkämpfen vertraten) durch und analysierten die Anzahl an Probanden, die aufgrund einer Arthrose in einem Krankenhaus behandelt wurden (12). Die Ergebnisse zeigen, dass  im  Vergleich  zu  einer  Kontrollgruppe  –  betrachtet  über  alle Sportarten  –  etwa  3x  so  viele  ehemalige  Athleten  aufgrund  einer Arthrose  (v.a.  Hüft-  und  Kniegelenksarthrose)  behandelt  wurden. Der Vergleich der Sportarten ergab allerdings, dass Laufsport eine deutlich  geringere  Behandlungsrate  aufwies  und  insbesondere posttraumatische Arthrosen zu berücksichtigen waren (12).

SCHLUSSFOLGERUNGEN

Auf  Basis  derzeitiger  Publikationen  ist  nicht  davon  auszugehen, dass  Marathonbelastungen  ein  gesundes  muskuloskelettales  System nachhaltig schädigen. Nachgewiesen werden konnte bisher, dass durch die Belastung von einem begrenzt zunehmenden intraartikulären Flüssigkeitsgehalt und einer höheren Sehnenbelastung auszugehen ist. Beide Befunde sind jedoch bereits nach kurzer Zeit rückläufig;  ob  eine  nachhaltige  Adaptation  an  Laufbelastungen ohne  Flüssigkeitsansammlung  und  Sehnenbelastung  möglich  ist, bleibt offen und ist durch weitere Längsschnittuntersuchungen zu klären.  Unter  Einbeziehung  bekannter  Prädiktoren  ist  einer  positiven  Vorgeschichte  bezüglich  laufspezifischer  Beschwerden  bzw. Vorschädigungen  dagegen  eine  höhere  Bedeutung  beizumessen. Somit  kommt  der  Sekundärprävention  (z.B.  durch  regelmäßiges Krafttraining und sensomotorisches Training) bei bekannten Laufbeschwerden  ein  hoher  Stellenwert  zu.  Unter  diesem  Gesichtspunkt  ist  auch  die  Frage  nach  möglichen  degenerativen  Gelenkveränderungen  durch  Marathonlaufen  zu  diskutieren.  Kann  bei Gesunden  davon  ausgegangen  werden,  dass  kein  erhöhtes  Risiko besteht (demgegenüber aber eine Reihe von präventiven orthopädischen und kardiovaskulären Effekten nachgewiesen ist), kann auf dem Boden einer Vorschädigung in Kombination mit einem hohen Laufumfang (>60 Trainingskilometer/Woche) im Einzelfall ein erhöhtes relatives Risiko nachweisbar sein (Tab. 3).

Im Vergleich verschiedener Studien ist die oft unterschiedliche Definition laufspezifischer Beschwerden (Ausmaß, Lokalisation) zu beachten. Unterschiedliche Angaben für die Inzidenz sind meist dadurch bedingt, dass verschiedene Klassifikationen und Definitionen für  eine  Laufsportverletzung  verwandt  werden.  Darüber  hinaus werden die Untersuchungen meist in verschiedenen Studiendesigns (z.B.  prospektiv,  retrospektiv)  an  unterschiedlichen  Populationen durchgeführt (z.B. Freizeitläufer, Spitzensportler, Laufanfänger) und auf  unterschiedliche  Bezugsgrößen  (Trainingsbelastung,  Beobachtungszeitraum und follow-up) bezogen. Eine abschließende Bewertung scheint demnach derzeit schwierig (Tab. 3).
Auf Basis der aktuell verfügbaren Daten ist zumindest davon auszugehen, dass die positiven Effekte von Laufsport im Allgemeinen und dem Marathonlauf im Speziellen, bei weitem das Risiko einer Schädigung des Stütz- und Bewegungsapparates überwiegen.

Angaben zu finanziellen Interessen und Beziehungen, wie Patente, Honorare oder Unterstützung durch Firmen: Keine.

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Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. Frank Mayer
Hochschulambulanz der Universität Potsdam
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Am Neuen Palais 10
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E-Mail: fmayer@uni-potsdam.de
 
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