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Die Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin behandelt die klinische Praxis und deren angrenzende Felder im Sinne translationaler Forschung, die den Einfluss von körperlicher Aktivität, Bewegung, Training und Sport sowie Bewegungsmangel von gesunden Personen und Patienten aller Altersgruppen erforscht. Dies umfasst die Auswirkungen von Prävention, Diagnose, Therapie, Rehabilitation und körperlichem Training sowie das gesamte Feld der Sportmedizin und sportwissenschaftliche, physiologische und biomechanische Forschung.

Die Zeitschrift ist die führende und meistgelesene deutsche Zeitschrift für die gesamte Sportmedizin. Sie richtet sich an alle Ärzte, Physiologen und sportmedizinisch/sportwissenschaftlich interessierte Wissenschaftler aller Disziplinen sowie an Physiotherapeuten, Trainer, Praktiker und Sportler. Die Zeitschrift ermöglicht allen Wissenschaftlern online Open Access zu allen wissenschaftlichen Inhalten und viele Kommunikationsmöglichkeiten.

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Sportmedizin
EDITORIAL

Regeneration im Leistungssport

Recovery in Competitive Sports

Während der Fußball-WM 2010 wird gewiss erneut die Diskussion  über  den  Regenerationsbedarf  von  Leistungssportlern aufkommen. Im Fußball sind Klagen über eine zu hohe Beanspruchung der Spieler am lautesten, auch wenn Trainings- und Wettkampfstrukturen  in  anderen  Sportarten  belastender  sein  mögen. Ungeachtet  solcher  Differenzen  zwischen  Disziplinen  hat  sich  in der leistungssportlichen Betreuung offenbar die Ansicht durchgesetzt, dass in einer optimierten Erholung der Schlüssel zu künftigen Zuwächsen  der  Leistungsfähigkeit  steckt.  Unterstützend  wirken entsprechende  Äußerungen  von  Athleten  und  nicht  zuletzt  eine mittlerweile auf diesen Sektor abzielende Industrie. Schließlich lassen sich unschwer Verdienstmöglichkeiten vorstellen, die entweder in einer Messung der Erholtheit oder in Maßnahmen zur Regeneration stecken.
Aus  dieser  Konstellation  ergeben  sich  für  die  Sportmedizin verschiedene Erfordernisse: die Fortentwicklung und Evaluation diagnostischer Verfahren und interventioneller (regenerationsförderlicher) Maßnahmen sowie eine interdisziplinäre Herangehensweise.

Erholtheitsdiagnostik
Auch  wenn  verschiedene  diagnostische  Methoden  ansatzweise (oft in unteren Klassen) evaluiert worden sind, hat sich bislang kein zuverlässiges Instrument zum Monitoring der „Erholtheit“ herausgestellt (1, 2). Dies liegt auch daran, dass die Definition eines solchen Konstrukts problematisch und vielschichtig ist. Der logische „Goldstandard“ für Erholtheit ist das Ergebnis einer möglichst guten Wettkampfsimulation, solches Vorgehen stößt aber verständlicherweise  wegen  der  zwangsläufig  erforderlichen  maximalen Belastungen  auf  wenig  Akzeptanz.  Zudem  steht  beispielsweise für  Spiel-und  Rückschlagsportarten  kein  valider  Wettkampftest zur  Verfügung  (zur  Standardisierung  üblicher  Feldtests  im  Fußball  vgl.  (10)).  Verschiedene  Verfahren,  die  einzelne  Ebenen  der Erschöpfung zu erfassen versuchen (z. B. Herzfrequenzvariabilität, Hautwiderstandsmessungen  und/oder  Atemrhythmik),  erweisen sich  bislang  in  der  Praxis  nicht  als  hinreichend  zuverlässig,  um für  einen  einzelnen  Sportler  (Es  geht  hier  nicht  um  Mittelwertsunterschiede!) eine Diagnose des Regenerationsstatus und damit der momentanen Belastbarkeit zu stellen. Angesichts der weitreichenden Konsequenzen einer Feststellung „nicht belastbar“, die bis zu Trainings- und Wettkampfpause gehen können, ist für eine Anwendung im Leistungssport ein besonders hoher Anspruch an die Gütekriterien solcher Diagnoseverfahren zu stellen.
Und diesen erfüllen bestenfalls wenige Parameter, die nur einen  Teilbereich  der  physischen  Beanspruchung  abbilden  und  zudem  nur  auf  der  Basis  individuell  gewonnener  „Normalwerte“  interpretationsfähig sind. Selbst die häufig zum Trainingsmonitoring verwendeten Harnstoff- und Creatinkinase (CK)-Daten unterliegen vielen Einschränkungen (9). Zwar besteht für ihren Einsatz eine relativ umfangreiche Erfahrung in der Sportmedizin, doch ein seriöser Umgang  mit  derartigen  Messresultaten  sollte  zu  einer  gewissen Zurückhaltung in ihrer Interpretation führen. Diese Erörterungen legen nahe, dass vermehrt vermeintlich etablierte, aber auch „innovative“ Instrumente zur Messung der Erholtheit einer wissenschaftlichen  sportmedizinischen  Evaluation zu unterziehen sind.

Regenerationsfördernde Maßnahmen
Ein  Mangel  an  etablierten  und evaluierten  Verfahren,  um  den Regenerationsstatus zu messen, hat  dazu  beigetragen, dass  verschiedene  –  teilweise  obskure –  Methoden  zur  Unterstützung der Erholung angeboten werden (1),  die  selbstverständlich  mit wissenschaftlich/sportmedizinisch  klingenden  Argumenten angepriesen  werden.  So  lässt sich im Fußball feststellen, dass von Ernährungsberatern in letzter Zeit sehr stark diverse Supplementierungen  propagiert  werden.  Dies  ergibt  sich  teilweise  aus der ungünstigen Konstellation, dass sie fürchten müssen, als überflüssig angesehen zu werden, sobald die sportgerechte Ernährung einmal  auf  die  Beine  gestellt  und  vom  Verein  „institutionalisiert“ ist. Sportmedizinisch geschulte Mannschaftsärzte mit praktischer Erfahrung im Leistungssport und dementsprechend guten Kenntnissen über sportgerechte Ernährung könnten an mancher Stelle Abhilfe schaffen.
Insgesamt gilt für das weite Feld der regenerationsfördernden Maßnahmen, dass zwar grundsätzlich Wirksamkeitsnachweise zu fordern sind, diese aber angesichts der fehlenden etablierten Diagnostika (s. o.) schwierig sind. Insofern muss auf der Basis der verfügbaren Kenntnisse und wissenschaftlich-kritischer Einschätzung der  Plausibilität  vorgegangen  werden.  Ein  solcher  Ansatz  wurde kürzlich für die Applikation von Kälte im Rahmen einer durch das Bundesinstitut  für  Sportwissenschaft  geförderten  Untersuchung verfolgt (5). Vielversprechend erscheint aber auch die Prüfung bestimmter  Trainingsformen  mit  regenerativem  Ansatz,  die  bislang gewiss zu kurz gekommen ist (4, 6, 7).

Interdisziplinarität
Nach  kritischer  Betrachtung  der  Studienlage  ist  momentan  festzuhalten, dass sportmedizinische Parameter und/oder Methoden allein nicht durchweg als die effektivsten in Diagnostik und Förderung der Regeneration zu bezeichnen sind. Beispielsweise psychometrische Instrumente erweisen sich in wissenschaftlichen Studien  als  durchaus  tauglich  für  das  Monitoring  von  Beanspruchung (3, 8). Auch wenn auf diese Weise wohl eine etwas andere Ebene abgebildet wird, als es Laborwerte und ergometrische Messungen vermögen, muss diesem Ansatz Potenzial zugebilligt werden.
Allerdings ist fraglich, inwieweit Fragebögen an ihre Grenzen stoßen, wenn es im Leistungssport um Nominierungen geht und Sportler ahnen, was hinter den Fragen und/oder anzukreuzenden Adjektivlisten  steht.  Sportpsychologische  Interventionen  sind ebenfalls bedenkenswert, wenn es um Stressbewältigung, schnelle Erholung oder Fokussierung geht. Insofern steht es jedem im Leistungssport tätigen Sportmediziner gut an, ein gewisses psychologisches Rüstzeug zu besitzen, zumindest aber die Nachbardisziplin nicht  zu  ignorieren,  sondern  Ansprechpartner  für  Probleme  zu kennen, die allenthalben auftauchen – nicht zuletzt im Bereich der Messung und Förderung von Regeneration.
Insbesondere  im  professionellen  Fußball  wird  eine  hohe  Beanspruchung der Spieler auch durch verschiedene nicht-physiologische Faktoren hervorgerufen, die sich aus der starken Publizität der  Sportart  und  der  zeitlchen  Struktur  des  Spielplans  ergeben: häufige  Reisen,  ein  Leben  in  Hotels,  Ansprüche  der  Sponsoren, Pressetermine etc. Derzeit existiert kein einfaches Instrument, um all diese Aspekte gesammelt abzubilden. Dennoch kann ein Schrotschussverfahren  im  Sinne  einer  ausufernden  Diagnostik  oder  ein inflationärer Einsatz ungeprüfter Methoden zur Regenerationsunterstützung  nicht  befürwortet  werden.  Manchmal  wäre  schlicht etwas  Demut  am  Platze,  indem  man  ehrlich  auf  den  Mangel  an aussagekräftigen Methoden verweist.
Abhilfe kann nur Forschung im Leistungssport schaffen, somit auch  unter  Beteiligung  von  Leistungssportlern.  Auf  dieser  Ebene könnten jedoch manche Vereine und Verbände noch „nachlegen“. Denn  ein  Verweis  auf  gestörte  Trainingsabläufe  und/oder  hohen Aufwand  für  eine  Studienteilnahme  läuft  dann  ins  Leere,  wenn innovativer Input aus der Wissenschaft ausbleibt und man daher hinter andere Vereine oder Nationen zurückfällt.
An mangelndem Forschungsinteresse liegt es nicht, vielmehr in  einigen  leistungssportlichen  Bereichen  an  fehlender  Offenheit für  die  Wissenschaft  oder  an  der  Angst,  eigene  Vorgehensweisen durch externe Wissenschaftler hinterfragen zu lassen.

LITERATUR

  1. Barnett A: Using recovery modalities between training sessions in elite athletes: does it help? Sports Med 36 (2006) 781-796.
  2. Bleakley CM, Davison GW: What is the biomechanical and physiological rationale for using cold-water immersion in sports recovery? A systematic review. Br J Sports Med 44 (2010) 179-187.
  3. Coutts AJ, Wallace LK, Slattery KM: Monitoring changes in performance, physiology, biochemistry, and psychology during overreaching and recovery in triathletes. Int J Sports Med 28 (2007) 125-134.
  4. Faude O, Meyer T, Urhausen A, Kindermann W: Recovery training in cyclists: ergometric, hormonal and psychometric fidings. Scand J Med Sci Sports 18 (2009) 433-441.
  5. Faude O, Wegmann M, Krieg A, Meyer T: Kälteapplikation im Spitzensport - Eine Bestandsaufnahme der wissenschaftlichen Evidenz. Sportverlag Strauss, Köln 2010.
  6. Greenwood JD, Moses GE, Bernardino FM, Gaesser GA, Weltman A: Intensity of exercise recovery, blood lactate disappearance, and subsequent swimming performance. J Sports Sci 26 (2008) 29-34.
  7. Meyer T, Faude O, Urhausen A, Scharhag J, Kindermann W: Diffrent effcts of 2 regeneration regimens on immunological parameters in cyclists. Med Sci Sports Exerc 36 (2004) 1743-1749.
  8. Steinacker JM, Lormes W, Kellmann M, Liu Y, Reissnecker S, Opitz-Gress A, Baller B, Günther K, Petersen KG, Kallus KW, Lehmann M, Altenburg D: Training of junior rowers before world championships. Effcts on performance, mood state and selected hormonal and metabolic responses. J Phys Fit Sports Med 40 (2000) 327-335.
  9. Urhausen A, Kindermann W: Biochemical monitoring of training. Clin J Sport Med 2 (1992) 52-61.
  10. Faude O, Schlumberger A, Fritsche T, Treff G, Meyer T: Leistungsdiagnostische Testverfahren im Fußball - methodische Standards. Dtsch Z Sportmed 61 (2010) 129-133.
 
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