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Die Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin behandelt die klinische Praxis und deren angrenzende Felder im Sinne translationaler Forschung, die den Einfluss von körperlicher Aktivität, Bewegung, Training und Sport sowie Bewegungsmangel von gesunden Personen und Patienten aller Altersgruppen erforscht. Dies umfasst die Auswirkungen von Prävention, Diagnose, Therapie, Rehabilitation und körperlichem Training sowie das gesamte Feld der Sportmedizin und sportwissenschaftliche, physiologische und biomechanische Forschung.

Die Zeitschrift ist die führende und meistgelesene deutsche Zeitschrift für die gesamte Sportmedizin. Sie richtet sich an alle Ärzte, Physiologen und sportmedizinisch/sportwissenschaftlich interessierte Wissenschaftler aller Disziplinen sowie an Physiotherapeuten, Trainer, Praktiker und Sportler. Die Zeitschrift ermöglicht allen Wissenschaftlern online Open Access zu allen wissenschaftlichen Inhalten und viele Kommunikationsmöglichkeiten.

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Sportmedizin
ORIGINALIA
WIRBELSÄULENFORM UND RÜCKENBESCHWERDEN

Wirbelsäulenformkennziffern als Indikatoren für Beschwerden des unteren Rückens

Spine Shape Parameters as Indicators for low Back Pain Disorders

ZUSAMMENFASSUNG

Mit  dem  Ziel,  Zusammenhänge  zwischen  klinischen  Beschwerden  des  unteren Rückens  und  der  Wirbelsäulenform  zu  identifizieren,  wurden  im  vorliegenden Beitrag  beschwerdefreie  Vergleichspersonen  (n=192)  und  eine  heterogen zusammengesetzte Gruppe von Rückenschmerzpatienten (n=213) verglichen.
Die Rückenschmerzpatienten wurden für differenzierte Analysen nach Geschlecht und Rückenschmerzsyndromen klassifiziert. Für Rückenschmerzpatienten konnte die Bedeutsamkeit der Beckentorsion und der Lotabweichung faktorenanalytisch verifiziert werden. Rumpfvorneigung und Lotabweichung waren hochsignifikant größer als in der Vergleichsgruppe (p<.001). Bei Iliosakralschmerzpatienten konnten Beckenstellungskennziffern als Indikatorvariablen identifiziert werden. Die  Beckentorsion  war  tendenziell  größer  als  bei  Vergleichspersonen  (Frauen:η²=0,06) und die Lordose ausgeprägter als bei LWS-Patienten (Frauen: η²=0,08; Männer: η²=0,12).  Für  LWS-Patienten  war  die  Ausprägung  des  Kyphosewinkels faktorenanalytisch bedeutsamer als die des Lordosewinkels. Lordosewinkel waren tendenziell kleiner als in der Vergleichsgruppe (Männer: η²=0,07).
Die nur befriedigende Aufklärung der Gesamtvarianzen (Faktorenanalysen) und die lediglich mittelstarken Effekte der univariaten Vergleiche werden vornehmlich auf die Stichprobenheterogenität zurückgeführt.

Schlüsselwörter: Wirbelsäulenform, Indikatoren, Rückenschmerzen

SUMMARY

This study works on an approach to find associations between spine shape parameters and back pain syndromes. A cross sectional analysis revealed significant differences  between  a  group  of  volunteers  (n=192)  and  a  sample  of  back  pain patients (n=213) for trunk inclination and trunk imbalance (p<.001) and verified the enhanced role of trunk imbalance and pelvis torsion for back pain patients. For specific questions, patients were subdivided into sacroiliac and lumbar back pain syndromes. The enhanced role of pelvis position parameters could be identified in sacroiliac pain syndromes. Furthermore, sacroiliac patients had larger lumbar angles than lumbar pain patients (females: η²=0, 08; males: η²=0, 12). For lumbar pain syndromes, thoracic angles were more important than lumbar angles. Male patients showed smaller lumbar angles compared to the volunteers (η²=0,07). The moderate effect size in univariate comparisons and the moderate total variance explained in multivariate analysis was due to the heterogeneous sample composition.

Key Words: spine shape, indicators, low back pain

EINLEITUNG

Rückenschmerzen werden zu über 80% als unspezifisch qualifiziert, weil keine direkte Ursache ermittelt werden kann (14). In der Bewegungstherapie und Funktionsdiagnostik wird jedoch ein immanenter Zusammenhang zwischen Haltungskennziffern (Wirbelsäulenform, Beckenstellung) und klinischen Beschwerden, vermittelt durch Muskelfunktionskennwerte (Kraft, Beweglichkeit, muskuläre Balance)  angenommen  (2, 10, 20).  Für  Trainingsinterventionen  in der Behandlung von Rückenbeschwerden, die an der Muskelfunktion ansetzen, konnten nicht nur eine wirksame Schmerzreduktion (613),  sondern  auch  begleitende  Haltungsmodulationen  in  der thorakalen Aufrichtung (5), in der lumbalen Aufrichtung (17) oder in positiven Modulationen skoliotischer Wirbelsäulenformkennziffern belegt werden (16).
In  der  sportmedizinischen  Nachwuchsathletenbetreuung  werden  gesundheitliche  Risiken  beschrieben,  die  explizit  mit  Auffälligkeiten des Achsenskeletts und der Statik der unteren Extremität vergesellschaftet sind (X- und O-Beinstellungen, Senk-, Spreiz- oder Knickfussstellungen,  Hypo-  und  Hypermobilität,  Hyperkyphosen, Flach- und Hohlrundrücken, Skoliosen und Haltungsschwächen) (9).
Manualmedizinische  Befunde  liefern  weitere  Hinweise  für einen  direkten  Zusammenhang  zwischen  Rückenschmerzsyndromen  und  Form-  und  Stellungsvarianten  des  Achsenskeletts. Vermittelt  durch  asymmetrische  Bandscheibenbeanspruchungen führen Hyperkyphosen zu keilförmigen Wirbelkörperumbildungen und langfristig zu chronischen Rückenschmerzen (22). Strukturelle Läsionen (Discopathien) bzw. ligamentäre und primär muskuläre Überlastungen bei Beschwerden des unteren Rückens gehen häufig mit Zwangshaltungen einher, die nachhaltig als Abflachung der Lendenlordose beobachtbar sein können. Lumbosakrale bzw. iliosakrale Beschwerden unterschiedlicher Genese sind häufig mit sakraler Nutation und Auffälligkeiten der Beckenstatik im Sinne einer Verwringung und Schiefstellung assoziiert (12, 21).
In der vorliegenden Arbeit soll untersucht werden, ob Kennziffern  der  Wirbelsäulenform  und  Beckenstellung  auch  in  einem unmittelbaren  Zusammenhang  mit  klinischen  Rückenschmerzsyndromen  stehen.  Vor  dem  Hintergrund  einleitend  skizzierter sportmedizinischer,  orthopädischer  und  manualmedizinischer Beobachtungen  werden  folgende  Erwartungen  abgeleitet,  die zunächst beschwerdeübergreifend sowie in einem weiteren Schritt beschwerdeklassifiziert  und  geschlechterdifferenziert  überprüft werden:

Annahme 1:  Es  gibt  Wirbelsäulenformkennziffern,  die  auf  systematische Unterschiede zwischen Rückenschmerzpatienten und einer beschwerdefreien Vergleichsgruppe hinweisen.

Annahme 2:  Es  gibt  Zusammenhänge  zwischen  Beschwerdebildern des unteren Rückens und der Ausprägung definierter Wirbelsäulenformkennziffern:     

  • Für     isolierte     lumbal     begründete     Beschwerden     desunteren Rückens wird eine Abflachung des lumbosakralen Übergangs angenommen (2.A).     
  • Für    isolierte    iliosakral    bzw.    lumbosakral    begründete Beschwerden des unteren Rückens werden in Relation zu lumbal begründeten Beschwerden größere Lordosewinkel vermutet (2.B).     
  • Für    isolierte    iliosakral    bzw.    lumbosakral    begründeteBeschwerden des unteren Rückens werden auffällige Beckenstellungskennziffern erwartet (2.A).

METHODE

Probanden: Insgesamt wurden 405 Personen (♀: n=208,  ♂: n=197) untersucht. Als Vergleichsgruppe (VG) wurden freiwillige, beschwerdefreie Probanden  akquiriert  (n=192;  ♀:  n=79,  Alter  26,5  ±4,7  Jahre;  ♂:  n=113, Alter  27,6  ±4,4  Jahre),  deren  physiologische  Wirbelsäulenformvariationsbreite weder durch Wachstum und Reifung (Alter > 19 Jahre) noch  durch  degenerative  Veränderungen  (Alter  ≤  40  Jahre)  beeinflusst sein sollte und die anamnestisch langfristig keine relevanten Rückenprobleme aufwiesen.
Die untersuchten Patienten (n=213, Alter 49,3 ±14,7 Jahre) hatten sehr individuelle, chronisch rezidivierende Krankengeschichten, häufig  multifokale  Beschwerden  und  schon  mehrere  Therapieversuche. Ein Teil der Patienten wies isolierte Beschwerden des unteren Rückens  auf,  die  aufgrund  fachärztlicher  Diagnosen  und  der  aktuellen Schmerzcharakteristik subdifferenziert werden konnten:

  1. isolierte, lokal begrenzte Beschwerden des iliosakralen Übergangs mit oder ohne regionale Ausstrahlung (kurz: ISG) (n=38; ♀: n=23, Alter 52,7 ±11,3 Jahre;  ♂: n=15, Alter 38,0 ±15,7 Jahre) mit den korrespondierenden ICD-10-Diagnosen: Beinlängendifferenz, Skoliose, Lumbago/ Ischialgie, muskuläre Insuffizienz, Osteochondrose, Beckenschiefstand.
  2. isolierte,  abgrenzbare  Lendenwirbelsäulenbeschwerden  mit oder ohne Radikulärsymptomatik (kurz: LWS) (n=34;  ♀: n=15, Alter 47,7 ±15,2 Jahre;  ♂: n=19, Alter 47,3 ±15,1 Jahre) mit den korrespondierenden Diagnosen: Spondylolisthesis, Spondylolyse, Discus prolaps, Lumbago/ Ischialgie, muskuläre Insuffizienz, Osteochondrose.
  3. mehrfach  lokalisierte  und  nicht  genau  abzugrenzende  Beschwerden (kurz: Multi) (n=141;  ♀: n=91, Alter 50,4 ±14,8 Jahre;  ♂: n=50, Alter 50,6 ±14,3 Jahre) mit den oben genannten Diagnosen.Starke Schmerzen (CR10 Schmerz-Score ≥ 5) zum Zeitpunkt der Untersuchung führten zum Ausschluss der betroffenen Patienten.

Messverfahren:
Die Wirbelsäulenform und Beckenstellung wurden mit Hilfe des Formetric®-Systems (Diers, Schlangenbad) analysiert (Abb. 1), wobei die Rückenoberflächenform  über  ein  Projektor-Kamera-System  rekonstruiert wurde (Auflösung: 7.500 Pkt./ cm²; Rekonstruktionsfehler: < 0,2 mm) (8). Die Reliabilität und Merkmalsvariabilität wurden überprüft (118).  Die  Kennziffern  des  Formetric®-Systems  (Tab.  1)  wurden  der statistischen Analyse als abhängige Variablen zugeführt. Die Schmerzintensität  wurde  mit  Hilfe  des  CR10-Schmerzscores  nach  Borg  (4) quantifiziert und die Lokalisation graphisch dokumentiert (19).

Statistik:
Stichproben wurden non-parametrisch (Median, 75% Quartil / 25% Quartil) beschrieben. Für univariate Analysen der Patientengesamtstichprobe  wurde  der  U-Test  (Mann/Whitney)  gerechnet.  Es  galten übliche  Signifikanzgrenzen:  signifikant  bei  p  ≤  .05  [*]  und  hochsignifikant  bei  p  ≤  .01  [**]  bzw.  höchstsignifikant  bei  p  ≤  .001  [***]. Fragestellungen unter Einbeziehung der Kennziffern Beckentorsion, Beckenneigung  und  Lordosewinkel  wurden  geschlechterdifferenziert  bearbeitet.  Für  univariate  Analysen  der  Patiententeilstichproben wurde der punktbiseriale Korrelationskoeffizient (rpbis) und die korrespondierende  Effektstärke  (η²)  errechnet.  Zur  Einordnung  der Effektstärke (η²) wurde auf die Konvention nach Rasch et al. (15) zurückgegriffen:  η² ≥ 0,01 schwach,  η² ≥ 0,06 mittel und  η² ≥ 0,14 stark. Multivariat wurden Faktorenanalysen (Hauptkomponentenmethode mit  Kaisernormalisierung  und  Varimaxrotation)  (SPSS  12.0)  durchgeführt.  Für  Analysen  mit  reduziertem  Stichprobenumfang  wurde die Anzahl der Variablen reduziert (NVariablen = maximal 1/3 NPersonen).  Faktorladungsstärke  und  Gesamtvarianzaufklärung  wurden in Anlehnung an Bös et al. (3) interpretiert.

ERGEBNISSE

Faktorenanalytisch  wurden  für  die  Vergleichsgruppe  vier  voneinander unabhängige Faktoren zur Beschreibung der Wirbelsäulenform extrahiert, die die Gesamtvarianz zu 66,4% erklärten (Faktorladungskoeffizienten  der  Wirbelsäulenkennziffern:  Tab.  2  links):

  • Faktor    I    determiniert    durch    Beckenneigung    (BNG)    und    Lordosewinkel (Lw-max, Lw-T12) benannt als ‚Rumpfaufrichtung lumbosakral’, 
  • Faktor     II     determiniert     durch     Kyphosewinkel     (Kw-max,     KwT12) benannt als ‚Rumpfaufrichtung thorakal’, 
  • Faktor     III     determiniert     durch     mittlere     Wirbelrotation     (Rotrms) und mittlere Wirbelkörperseitneigung (Seit-rms) benannt als ‚Skoliosekennziffern’,
  • Faktor    IV    determiniert    durch    Rumpfneigung    (RNG)    und    Beckenhochstand (BHS) benannt als ‚Rumpfaufrichtung sagittal mit Becken frontal’.

Für  die  Gesamtheit  der  Rückenpatienten  wurde  zusätzlich  zu den  vier  benannten  Faktoren  ein  weiter  Faktor  ermittelt,  der  die Bedeutsamkeit  der  Beckentorsion  im  Zusammenwirken  mit  der Lotabweichung (Ladung auf Faktor IV: BTS 0,79 x Lot 0,60) für Rückenpatienten (Tab. 2 rechts) heraus stellte (Annahme 1). Die Gesamtvarianz wurde hier zu 74,1% erklärt.

Für die Parameter Rumpfneigung und Lotabweichung wurden univariat hochsignifikante Unterschiede zwischen der Vergleichsgruppe (VG) und der Gesamtgruppe der Patienten (Patges) ermittelt (Annahme 1) (Abb. 2):

  • Rumpfneigung    [mm]:    Patges    Median:    19    (75%-Quartil:    32    /25%-Quartil: 8) vs. VG Median: 2 (75%-Quartil: 20 / 25%-Quartil: -2); Z=-5,66; p<.001.
  • Lotabweichung    [mm]:    Patges    Median:    10    (75%-Quartil:    16    /25%-Quartil: 6) vs. VG Median: 6 (75%-Quartil: 10 / 25%-Quartil: 3); Z=-5,53; p<.001.

Multivariat wurden für die Frauen der Vergleichsgruppe drei voneinander unabhängige Faktoren zur Beschreibung der Wirbelsäulenform extrahiert, die die Gesamtvarianz zu 69,4% erklärten (Faktorladungskoeffizienten der Wirbelsäulenkennziffern: Tab. 3):

  • Faktor     I     determiniert     durch     Kyphosewinkel     (Kw-max)     undLordosewinkel (Lw-max) benannt als ‚Rumpfaufrichtung thorakolumbal’,
  • Faktor     II     determiniert     durch     Beckenhochstand     (BHS)     undBeckentorsion (BTS) benannt als ‚Beckenstellung’, 
  • Faktor    III    determiniert    durch    Lotabweichung    (Lot)    benanntals ‚Rumpfaufrichtung frontal’.

Für weibliche LWS-Patienten wurden zwei voneinander unabhängige Faktoren ermittelt (erklärte Gesamtvarianz 67,2%):

  • Faktor    I    determiniert    durch    Lotabweichung    (Lot),    Rumpfneigung (RNG), Beckenhochstand (BHS) benannt als ‚Rumpfaufrichtung frontal & sagittal und Beckenstellung frontal’, 
  • Faktor     II     determiniert     durch     Kyphosewinkel     (Kw-max)     benannt als ‚Rumpfaufrichtung thorakal’.

Gegenüber  dem  Vergleichsgruppenfaktorenmodell  verlor  der  Lordosewinkel seine relevante Ladung für die ehemals thorakolumbale Rumpfaufrichtung (Faktor II) (Tab. 3 Mitte), die sagittale Aufrichtung bei  LWS-Patientinnen  wurde  vornehmlich  thorakal  bestimmt  (Annahme 2.A Frauen). Für weibliche ISG-Patienten wurden ebenfalls zwei  voneinander  unabhängige  Faktoren  ermittelt  (erklärte  Gesamtvarianz 60,1%):

  • Faktor    I    determiniert    durch    Beckentorsion    (BTS),    Kyphosewinkel  (Kw-max)  und  Lordosewinkel  (Lw-max)  benannt  als ‚Beckenverwringung und Rumpfaufrichtung thorakolumbal’,
  • Faktor     II     determiniert     durch     Beckenhochstand     (BHS)     undLotabweichung (Lot) benannt als ‚Becken- und Rumpfaufrichtung frontal’.

Gegenüber dem Vergleichsgruppenfaktorenmodell wirkte die Beckentorsion bei ISG-Patientinnen nicht mehr auf die ehemals unabhängige Beckenstellung, sondern auf die thorakolumbale Rumpfaufrichtung  (Faktor  I).  Die  Auslenkung  des  Rumpfes  in  der  Frontalebene wurde bei ISG-Patientinnen durch die frontale Beckenstellung mitbestimmt (Faktor II) (Tab. 3 rechts) (Annahme 2.C Frauen).
Für die Männer der Vergleichsgruppe wurden multivariat drei voneinander unabhängige Faktoren zur Beschreibung der Wirbelsäulenform  extrahiert,  die  die  Gesamtvarianz  zu  66,9%  erklärten. Das  Faktorenmodell  entspricht  dem  der  Frauenvergleichsgruppe (Faktorladungskoeffizienten der Wirbelsäulenkennziffern: Tab. 4):

  • Faktor    I    determiniert    durch    Rumpfneigung    (RNG)    und    Kyphosewinkel (Kw-max) benannt als ‚Rumpfaufrichtung thorakal / sagittal’, 
  • Faktor     II     determiniert     durch     Beckenhochstand     (BHS)     undBeckentorsion (BTS) benannt als ‚Beckenstellung’, 
  • Faktor    III    determiniert    durch    Lotabweichung    (Lot)    benanntals ‚Rumpfaufrichtung frontal’.

Für männliche LWS-Patienten wurden drei voneinander unabhängige Faktoren ermittelt (erklärte Gesamtvarianz 70,3%):

  • Faktor    I    determiniert    durch    Rumpfneigung    (RNG)    und    Lordosewinkel  (Lw-max)  benannt  als  ‚Rumpfaufrichtung  lumbal  / sagittal’,
  • Faktor     II     determiniert     durch     Beckenhochstand     (BHS)     undBeckentorsion (BTS) benannt als ‚Beckenstellung’,
  • Faktor    III    determiniert    durch    Kyphosewinkel    (Kw-max)    benannt als ‚Rumpfaufrichtung thorakal’.

Im  Gegensatz  zum  Vergleichsgruppenfaktorenmodell  determiniert der Kyphosewinkel bei LWS-Patienten einen eigenständigen Faktor (Faktor III). Der Lordosewinkel determiniert bei LWS-Patienten zusammen mit der Rumpfneigung die kombinierte sagittale Rumpfaufrichtung (Faktor I) (Tab. 4 Mitte) (Annahme 2.A Männer).

Für  männliche  ISG-Patienten  wurden  ebenfalls  drei  voneinander unabhängige Faktoren ermittelt (erklärte Gesamtvarianz 74,5%):

  • Faktor    I    determiniert    durch    Rumpfneigung    (RNG)    und    Beckenhochstand (BHS) benannt als ‚Rumpfaufrichtung sagittal mit Becken frontal’,
  • Faktor     II     determiniert     durch     Lordosewinkel     (Lw-max)     undLotabweichung  (Lot)  benannt  als  ‚Rumpfaufrichtung  lumbal / frontal’,
  • Faktor    III    determiniert    durch    Beckentorsion    (BTS)    und    Kyphosewinkel (Kw-max) benannt als ‚Beckenverwringung und Rumpfaufrichtung thorakal’.

In  Relation  zum  Vergleichsgruppenfaktorenmodell  wurde  die Rumpfaufrichtung  bei  ISG-Patienten  mehr  durch  den  Beckenhochstand mitbestimmt als durch die Kyphose (Faktor I) und die Beckentorsion wirkte nicht mehr innerhalb des unabhängigen Faktors Beckenstellung, sondern im Verbund mit dem Kyphosewinkel (Faktor III) (Annahme 2.C Männer).
Im Vergleich mit den LWS-Patienten wirkte der Lordosewinkel bei den ISG-Patienten nicht auf die sagittale Aufrichtung, sondern auf die frontale Rumpfaufrichtung (Faktor II) (Tab. 4 rechts) (Annahme 2.C Männer).
Ein  Zusammenhang  mittlerer  Effektstärke  zwischen  iliosakralen  Beschwerden  und  auffälligen  Beckenstellungsparametern wurde für weibliche ISG-Patienten in der Beckentorsion ermittelt (η²=0,06) (Annahme 2.C Frauen); für den Beckenhochstand lagen keine Gruppenzugehörigkeitseffekte vor:

  • Beckenhochstand    [mm]:    ISGges:    4    (8    /    1)    vs.    VG:    4    (7    /    2);rpbis=0,04 (η²=0,00).
  • Beckentorsion    [°]:    ISG♀: 2 (5 / 1) vs. VG♀: 2 (3 / 1); rpbis=0,24 (η²=0,06).
  • Beckentorsion    [°]:    ISG♂: 3 (5 / 2) vs. VG♂: 2 (4 / 1); rpbis=0,09 (η²=0,01).

Für  die  Zuordnung  eines  abgeflachten  lumbosakralen  Übergangs bei lumbal begründeten Beschwerden des unteren Rückens wurde für die LWS-Patienten in der Kennziffer Beckenneigung ein mittelstarker univariater Effekt ermittelt (Annahme 2.A Männer):

  • BNG    [°]:    LWS♂: 16 (18 / 12) vs. VG♂: 19 (22 / 14); rpbis=0,26 (η²=0,07).

Im  Lordosewinkel  zeigten  sich  sowohl  für  Männer  als  auch  für Frauen nur schwache Effekte:

  • Lw-max    [°]:    LWS♀: 40 (44 / 30) vs. VG♀: 43 (48 / 36); rpbis=0,14 (η²=0,02).
  • Lw-max     [°]:     LWS♂:  33  (36  /  26)  vs.  VG♂:  35  (39  /  32); rpbis=0,20 (η²=0,04).

Für  die  Differenzierung  lumbaler  und  iliosakraler  Beschwerden des unteren Rückens anhand der Lordosierung wurden sowohl für Frauen (Lw-max:  η²=0,08) als auch für Männer (Lw-T12:  η²=0,12) mittelstarke  univariate  Effekte  in  den  Lordosewinkeln  ermittelt (Annahme 2.B):

  • Lw-max    [°]:    ISG♀: 44 (50 / 38) vs. LWS♀: 40 (44 / 30); rpbis=0,28 (η²=0,08).
  • Lw-T12     [°]:     ISG♂:  32  (37  /  27)  vs.  LWS♂:  27  (31  /  23); rpbis=0,35 (η²=0,12).


DISKUSSION

Die untersuchten Patienten mit Beschwerden des unteren Rückens unterschieden  sich  von  einer  beschwerdefreien  Vergleichsgruppe durch  eine  signifikant  ausgeprägtere  sagittale  Vorneigung  (RNG) und Oberkörperauslenkung in der Frontalebene (Lot). Dabei stellte die Beckentorsion (BTS) im Verbund mit der Lotabweichung einen zusätzlichen unabhängigen Faktor zur Beschreibung der Wirbelsäulenform von Rückenschmerzpatienten dar (Annahme 1).
Röntgenologisch  abgesicherte  Befunde  aus  der  Manualmedizin  unterstreichen  die  Rolle  der  frontal-transversalen  Beckenverwringung  für  Rückenpatienten  (12).  Die  Rumpfneigung  und Lotabweichung  werden  als  Bruttokriterien  der  Wirbelsäulenform in  der  Sagittal-  und  Frontalebene  interpretiert,  weil  sie  Lordose-, Kyphose- und Skoliosewinkel integrieren (Abb. 1). Die ausgeprägte Rumpfneigung  bei  Rückenschmerzsyndromen  kann  aber  auch durch das höhere Lebensalter der Patientengruppe und die damit einhergehende fortgeschrittene degenerative Kyphosierung erklärt werden  (22).  Die  signifikant  ausgeprägtere  Lotabweichung  der Patientengruppe stand jedoch in einem direkten Zusammenhang mit der Beckentorsion, der eine entscheidende Rolle für die Pathogenese  von  Rückenschmerzsyndromen  zugeschrieben  wird  (12, 21).  Außerdem  wird  die  Relevanz  der  Kennziffern  Rumpfneigung und Lotabweichung indirekt durch Trainingsstudien mit Rückenpatienten gestützt, wobei infolge des Trainings insbesondere diese integrativen Kennziffern positiv moduliert werden (16, 17). Bei der Verwendung der Rumpfneigung als Indikatorvariable für trainingsinduzierte Veränderungen bei Rückenbeschwerden muss allerdings berücksichtigt werden, dass eine sagittale Aufrichtung der Wirbelsäule durch verringerte Kyphosewinkel neutralisiert werden kann durch eine gleichzeitige Lordosierung (5).
Eine  tendenziell  flache  Lordose  als  Hinweis  auf  lumbal  begründete Beschwerden des unteren Rückens (Annahme 2.A) konnte  durch  die  vorliegenden  Ergebnisse  nur  unbefriedigend  bestätigt  werden.  Lediglich  bei  Männern  wurden  mittelstarke  Effekte (η²=0,07)  für  eine  steilere  Beckenneigung  als  Indiz  für  eine  abgeflachte Lordose gefunden. Inhaltliche Hinweise auf lumbal begründete  Beschwerden  des  unteren  Rückens  wurden  multivariat  eher der Ausprägung Brustkyphose als der Lendenlordose zugewiesen. Röntgenologische Befunde bei lumbalen Beschwerden mit Radikulärsymptomatik  beschreiben  zwar  eine  Lordoseabflachung  durch eine systematische Retroposition des lumbosakralen Übergangs in Verbindung mit einer Ventralisierung des thorakolumbalen Übergangs. Der Befund kann aber auch andersartig begründet sein und genauso bei anderen Beschwerdebildern auftreten (12).
Eine im Vergleich mit lumbal begründeten Rückenbeschwerden deutlichere Lordosierung bei iliosakral begründeten Beschwerden (Annahme 2.B) wurde durch mittelstarke univariate Effekte für eine  größere  Ausprägung  der  Lordose  bei  ISG-Patienten  gestützt (η²=0,08  bis  0,12).  Faktorenanalytisch  wurde  die  Ausprägung  des Lordosewinkels  bei  LWS-  und  ISG-Patienten  unterschiedlichen Komponenten  zugeordnet.  Die  ausgeprägtere  Lordosierung  kann durch  den  Pathomechanismus  von  ISG-Dysfunktionen  erklärt werden, bei dem die multifaktoriell begründete einseitige Beckenfehlstellung zu einer sakralen Nutation führt, die sich durch die gelenkigen Verbindungen auf die Stellung der unteren Lendenwirbelkörper auch im Sinne einer verstärkten Lordosierung auswirkt (12, 21). Rasterstereographische Funktionsaufnahmen zur Analyse der Skelettgeometrie  untermauern  nicht  nur  die  Interdependenz  der Beckenstellungsparameter  untereinander,  sondern  auch  die  Einflüsse auf die Stellung der lumbalen Wirbelkörper bei funktionellen oder  anatomischen  Beckenschiefständen  und  orthopädischen Ausgleichsmaßnahmen (7).
Für  einen  inhaltlichen  Zusammenhang  zwischen  Beckenstellungskennziffern  und  iliosakral  bzw.  lumbosakral  begründeten  Beschwerden  des  unteren  Rückens  fanden  sich  faktorenanalytisch Hinweise  (Annahme  2.C).  Beckenhochstand  und  -torsion  laden  bei ISG-Patienten nicht wie bei beschwerdefreien Personen auf einen unabhängigen Faktor ‚Beckenstellung’, sondern auf die frontale Oberkörperstellung und die sagittale bzw. die thorakolumbale Aufrichtung. Zu den typischen Schmerzlokalisationen und regional glutealen oder inguinalen Ausstrahlungen unterschiedlich begründeter ISG-Dysfunktionen kann es durch die gelenkige Verbindung der Beckenschaufeln zur Wirbelsäule nicht nur zu einer asymmetrischen sakralen Nutation und einer Beckenverwringung mit einer Rotation, Seitneigung und Lordosierung der unteren Lendenwirbel kommen, sondern auch zu lumbal lokalisierten Schmerzsyndromen bei ISG-Patienten (21).
Die  vorliegenden  Ergebnisse  decken  sich  mit  den  Erfahrungen physiotherapeutischer  Diagnostik.  Auffällige  Haltungsbefunde  müssen  nicht  zwingend  beschwerderelevant  sein  (19).  So  konnte  der angenommene  Zusammenhang  zwischen  Beckenschiefstand  und iliosakralen Beschwerden nicht bestätigt werden. Die Beckenstellung wird isoliert über den einseitigen Beckenhochstand nur unzureichend operationalisiert,  weil  die  Beckentorsion  und  die  Lendenwirbelkörperstellung  als  permanent  wirksame  Covariablen  (712)  in  univariaten Analysen ausgeklammert werden. Univariate Analysen müssen daher kritisch betrachtet werden (7, 11).
Methodenkritisch  muss  angemerkt  werden,  dass  der  Altersunterschied  zwischen  Vergleichs-  und  Patientengruppen  als  intervenierende  Variable  nicht  kontrolliert  werden  konnte.  Die  lediglich befriedigende Varianzaufklärung (3) der multivariaten Analysen von 60 bis 75% wird einerseits durch die Variationsbreite physiologischer Wirbelsäulenschwingungen (11, 12) und andererseits durch die Heterogenität der anfallenden Stichproben trotz der differenzierenden Beschwerdegruppenklassifizierung erklärt.

SCHLUSSFOLGERUNGEN

In  erster  Näherung  konnten  Wirbelsäulenformkennziffern  ermittelt werden,  die  im  sportmedizinischen  und  orthopädischen  Screening als Hinweise für eine Differenzierung klinischer Rückenschmerzsyndrome  herangezogen  werden  dürfen.  Es  besteht  jedoch  dringlicher Forschungsbedarf  für  Folgeuntersuchungen,  die  ein  differenziertes, diagnoseklassifiziertes  Normensystem  mit  Morbiditätswahrscheinlichkeiten für Wirbelsäulenformvarianten erarbeiten (20, 23).

Danksagung
Dank  gilt  den  Kooperationsprojektpartnern:  Diers  International GmbH,  Orthopädiepraxis  Buchholz  &  Partner  in  Hamburg,  Institut für  Sportmedizin  e.V.  an  der  Universität  Hamburg  (Ltg.:  Prof.  K.-M. Braumann und Prof. R. Reer).

Angaben zu finanziellen Interessen und Beziehungen, wie Patente, Honorare oder Unterstützung durch Firmen: Keine.

LITERATUR

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Korrespondenzadresse:
Dipl. Sportwiss. Jan Schröder
Fakultät für Bewegungswissenschaft
Abteilung Bewegungs- und Trainingswissenschaft
Universität Hamburg
Feldbrunnenstraße 70
20148 Hamburg
E-Mail: klaus.mattes@uni-hamburg.de
 
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