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Fortsetzung Telemedizinische Assistenzsysteme in Rehabilitation und Nachsorge

Wirksamkeit und Evidenz telemedi­zinischer Assistenzsysteme

Neben einer Reihe von angenehmen Aspekten für Patienten und dem Wunsch von Ärzten und Therapeuten, Patienten nach einer Reha nicht nur mit einem Blatt Papier und guten Wünschen zu entlassen, sondern sie auch in der Häuslichkeit weiter zu begleiten, ist natürlich auch für TA die Wirksamkeit nachzuweisen. Dafür hat Prof. Völler in Zusammenarbeit mit Prof. Frank Mayer, Leiter des Zentrums für Sportmedizin, Freizeit-, Gesundheits- und Leistungssport an der Universität Potsdam, und dem Fraunhofer FOKUS eine Wirksamkeitsstudie für die Deutsche Rentenversicherung durchgeführt (2). Zuerst entwarfen die Wissenschaftler 38 Bewegungs-, Balance- und Kräftigungsübungen, die auf die Praktikabilität evaluiert und in das telemedizinische System implementiert wurden.

Das Projekt ReMove-It untersucht ein telemedizinisch assistiertes System zur Bewegungstherapie an Patienten, die eine Hüft- oder Knie-TEP erhalten haben. 110 Patienten nahmen an der Studie teil. Zu Beginn und nach drei Monaten wurden funktionelle Tests, ein 6-Minuten-Gehtest, der Timed »Up and go«-Test, Treppensteigen und biomechanische Messungen vorgenommen. Daneben wurde der WOMAC Score (Western Ontario and McMaster Universities Osteoarthritis Index) erhoben. Die Interventionsgruppe führte das telemedizinisch assistierte Training durch, die Kontrollgruppe erhielt konventionelle Nachsorgemethoden (z. B. IRENA).

Die Teilnehmer der Interventionsgruppe erhielten einen Mini-PC, auf dem die auszuführenden Übungen sowie die Trainingsumfänge gespeichert waren. Der PC wurde an den Fernseher angeschlossen und mit dem Internet verbunden. Zudem platzierten die Teilnehmer eine 3D-Kamera vor dem Fernseher. Bei der Ausführung der Übungen vor dem Fernseher bekamen sie in Echtzeit über eine farbliche Codierung eine Rückmeldung über die Qualität der Bewegungsausführung und konnten sich selbst korrigieren. Einmal wöchentlich kontrollierte ein Arzt und/oder Physiotherapeut die Daten und passte gegebenenfalls den Trainingsplan (Typ und Umfang der Übungen) an.

© Matthias Heyde/Fraunhofer FOKUS

Nach drei Monaten hatten sich beide Studiengruppen deutlich gegenüber den Werten nach der stationären Reha verbessert. Die Ergebnisse der Interventions- und Kontrollgruppe unterschieden sich aber nicht. Allerdings lag die Rate der beruflichen Wiedereinsteiger in der Interventionsgruppe mit 66 Prozent aus unbekannten Gründen weit über der Kontrollgruppe (48 Prozent). Prof. Völler schließt daraus: »Die Untersuchung zeigt, dass eine telemedizinische Versorgung als komplementäres Angebot bei der Versorgung von Patienten mit Eingriffen an der unteren Extremität seine Berechtigung hat.« Ein systematischer Review kommt nach der Auswertung von 13 Studien mit 1520 Patienten ebenfalls zu dem Ergebnis, dass TA insbesondere für Subgruppen wie z. B. solche mit Interventionen an Knie und Hüfte in Ergänzung zur konventionellen Behandlung bessere Behandlungsergebnisse erzielt (1). Aktuell wird eine Reihe weiterer Projekte durchgeführt, um die Einsatzmöglichkeiten und Methoden zu eruieren (3).

Kostenübernahme? Bestehende Kostenstrukturen nutzen

Einen wichtigen Faktor im Einsatz von TA sieht Dr. John in der Motivation der Patienten. Die Rückmeldung aus mehreren Projekten zeige dies. Die Patienten seien motiviert, das System zu nutzen, und wollten das Programm gerne weiterhin durchführen. Auch wurde in internationalen Studien bereits vielfach belegt, dass telemedizinische Behandlungen gleichwertige und teilweise sogar bessere Ergebnisse erzielten. Es kann zudem davon ausgegangen werden, dass sie ein wichtiges Instrument zur Einsparung von Kosten wären. Im Hinblick auf die notwendige Dezentralisierung von Therapie und Pflege bietet die Telemedizin Wege, auch die medizinische Therapie an die technischen Voraussetzungen und digitalen Lebenswelten anzupassen. Noch gibt es keine gesonderte Abrechnungsziffer für Telemedizin. Die Maßnahmen lassen sich aber recht gut mit der bestehenden Kostenstruktur nutzen. Möglich ist das im Rahmen bestehender Nachsorgeprogramme, als Anschlussheilbehandlung oder im Kontext der Prävention.

Aktuell spielen telemedizinisch assistierte Lösungen noch eine untergeordnete Rolle in der täglichen Versorgungspraxis. Die in der jüngeren Vergangenheit entwickelten Systeme und deren positiven Effekte bei der Nutzung für Ärzte, Therapeuten und Patienten werden aber die Öffnung hin zu solchen Lösungen beschleunigen.

■ Hutterer C