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Fortsetzung Sportverletzungen – Pech oder prognostizierbar?

In der Tat spielt für die Einschätzung auch das Präventionsparadox eine Rolle. Betrachtet man beispielsweise Verletzungen des vorderen Kreuzbandes, so weiß man, dass eine vorausgegangene Verletzung ein Risikofaktor für eine weitere Kreuzbandverletzung darstellt. Legt man Zahlen von Kreuzbandverletzungen bei Fußball- und Handballspielerinnen zugrunde (2), so liegt der positiv prädiktive Wert für eine erneute Verletzung bei 29 Prozent. Die meisten Verletzungen treten bei Athletinnen ohne vorherige Kreuzbandverletzung auf. Würden nur bereits in der Vergangenheit verletzte Athletinnen ein Präventionsprogramm durchführen, würde ein Großteil der Sportlerinnen davon ausgeschlossen. Die Zahlen zeigen aber auch, dass das Risiko, sich erneut zu verletzen, um das 3,6-Fache erhöht ist. Sollten folglich alle Athletinnen – zuvor verletzte und unverletzte – ein Präventionsprogramm durchführen? Sinnvoll wäre es, aber der Trainingsalltag sieht meist anders aus.

Die Schwierigkeit liegt darin, eingreifen zu können, bevor eine Verletzung auftritt. Neben messbaren und durch funktionale Tests sichtbaren Risiken spielen hier aber noch eine Reihe weiterer Punkte hinein – der Charakter des Sportlers, der Zeitpunkt in der Saison, Erfolge bzw. Misserfolge in der Vergangenheit, die psychische Verfassung, die Begeisterung oder der Wunsch, einen Wettkampf, ein Spiel oder ein Turnier zu bestreiten, die Situation der Mannschaft und weitere. Zudem spielen alle Risikofaktoren zusammen, sodass erst die Kombination aus einzeln nicht bedeutsamen Faktoren in der Komplexität zu einer Verletzung führt.

Wie viel und welche Anstrengung wird toleriert?

Eine interessante Untersuchung hat Tim Gabbett (1) durchgeführt. Für die interne Trainingsbelastung verwendet er die Session-RPE-Skala (Abb. 1) und multipliziert den Wert mit der Dauer der Trainingseinheit in Minuten. Für Trainingseinheiten mit niedriger Intensität belaufen sich die Werte im Fußball auf 300 bis 500 Einheiten (»Anstrengungsminuten«), für intensive Einheiten auf 700 bis 1000. In einer Untersuchung der Trainingsbelastung und des Verletzungsrisikos von Elite-Rugbyspielern stellte er fest, dass eine wöchentliche Anzahl von Anstrengungsminuten zwischen 3000 und 5000 in der Trainingsphase vor einer Saison mit einer 50- bis 80-prozentigen letzungsrisiko hat. Bei einer bis zu zehnprozentigen Steigerung bleibt es gleich. Dann steigt es deutlich an – bei einer um 15 Prozent erhöhten Trainingsbelastung um mehr als das Zweifache.

Abb. 1: RPE-Skala © DZSM 2019