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Fortsetzung Schmerzen im Leistungssport: Biopsychosoziale Behandlungskonzepte

Um alle für die künftige Behandlung relevanten Parameter quantifizieren zu können, haben sich verschiedene Fragebögen etabliert, darunter der Avoidance-Endurance Questionnaire (AEQ), der Athlete Fear Avoidance Questionnaire (AFAQ) oder der PainDETECT Score. Sie sind zum Teil auch für die Bestimmung der Schmerzqualität geeignet, welche Prof. Kleinert als essenziell betrachtet: »Die sensorische Schmerzqualität gibt Aufschluss darüber, wie der Schmerz rational wahrgenommen wird: Spitz? Dumpf? Pochend? Das lässt oft sogar erste medizinische Rückschlüsse zu. Im Gegensatz dazu steht die affektive Schmerzqualität, die die emotionale Dimension der Beschwerden beschreibt: Bezeichnet der Athlet sie etwa als ,schrecklich‘ oder nur als ,nervig‘? Beide Rubriken haben in der ganzheitlichen biopsychosozialen Schmerztherapie ihren Platz.« Das Ziel ist immer eine nachhaltige Rekonzeptionalisierung des Dauerthemas Schmerz. Welche Maßnahmen die begleitenden Ärzte, Physio- und Psychotherapeuten im Einzelfall verordnen, ergibt sich in der interdisziplinären Versorgung. Schmerztagebücher etwa sind laut
Prof. Kleinert ein sehr probates und wirksames Tool.

Das »Avoidance-Endurance-Modell« nach Hasenbring et al.
Abb. 1: Das »Avoidance-Endurance-Modell« nach Hasenbring et al. (2) © DZSM 2019

Sport gegen chronischen Schmerz

Das Avoidance-Endurance-Modell (2) zeigt deutlich: Je früher nach Beginn des Schmerzes gehandelt wird, desto geringer ist die Gefahr einer Chronifizierung. Dies trifft nicht nur nach Sportverletzungen zu, sondern auch für andere chronische Schmerzen, etwa bei Arthrose, Morbus Sudeck (CRPS), lumbalen Rückenschmerzen oder rheumatischen Erkrankungen. Professionell angeleitete Bewegungstherapie und Sport in vernünftigen Maßen können hier einen vielversprechenden Beitrag leisten – einerseits durch die rein physische Kräftigung bzw. Mobilisierung, andererseits durch die Auslösung schmerzlindernder Prozesse im Gehirn und natürlich durch die mannigfaltigen bereits erwähnten biopsychosozialen Zusammenhänge.

Die meisten Schmerzpatienten profitieren von aeroben »Low-impact-Ausdauerklassikern« wie Schwimmen, Laufen, Radfahren oder Nordic Walking. Studien zeigen jedoch, dass etwa bei Fibromyalgie Vorsicht walten sollte; hier ist der Grat zu einem erschöpfenden und damit hyper­sensibilisierenden Bewegungsausmaß schmal. Sportarten mit hohem Mental-Anteil wie z. B. Tai Chi scheinen hier, regelmäßig ausgeübt, die bessere Wahl zu sein.(3) Sich bei akuter Verletzung in den Schmerz hineinzubewegen, wird allgemein nicht empfohlen.

Schmerzmittelgebrauch und Doping

Wo Schmerz ist, sucht der Mensch Linderung, und oft geht es nicht ohne Medikamente. »Im Leistungs- und Wettkampfsportbereich ist der Konsum von Nichtsteroidalen Antirheumatika laut Studien oft substanziell«, berichtet Prof. Valderrabano. Derzeit sind gemäß Dopingrichtlinien Paracetamol und die meisten NSAR erlaubt, eine Vielzahl stärkerer Opioide und Cannabisprodukte jedoch verboten. Jegliche adjuvante Analgesie ist deshalb in Abstimmung mit den gültigen Listen der Welt-Dopingagentur WADA sowie der nationalen Dopingagenturen zu planen (5). (Weiter im Text auf der nächsten Seite)