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Fortsetzung Problemzone Beckenboden: Inkontinenz bei Sportlerinnen

Vier Aspekte wirken zusammen

Prof. Schulte-Frei hat über die Jahre, in denen sie sich mit der Thematik beschäftigt, vier Faktoren herausgearbeitet, die im Wettkampfsport zusammentreffen und die erhöhte Prävalenz von Inkontinenz erklären können.

1. Belastung durch die sportliche Aktivität
2. Hormonelle Situation
3. Strukturelle Gegebenheiten
4. Psychische Situation

Wie bereits eingangs erwähnt, stellen hohe biomechanische Belastungen bei Sprüngen und Drehbewegungen, wie sie bei vielen Ballsportarten (Basketball, Handball, Volleyball, Fußball), beim Turnen, rhythmischer Sportgymnastik, Trampolin, Ballett, in der Leichtathletik beim Kugelstoßen, Weit- und Dreisprung, aber auch bei Kraftsportarten typisch sind, eine große Belastung für den Beckenboden dar. Abhängig von Trainingshäufigkeit und Intensität können die auftretenden Kräfte die Beckenbodenmuskulatur überlasten. Auch zum Ende eines intensiven Trainings hin kann die ermüdete Muskulatur häufig nicht mehr so gut gegenhalten.

Die drei weiteren Faktoren hängen eng miteinander zusammen und beeinflussen sich gegenseitig. In vielen Sportarten wird der Körperfettanteil möglichst weit reduziert. Dadurch werden jedoch auch die Fettpolster im Beckenbereich kleiner, die die Beckenbodenmuskulatur stabilisieren. Geringes Körpergewicht und Untergewicht führt obendrein zu einem Östrogenmangel. »Östrogene sind wichtig für die Kontinenz und wirken lokal an Harnröhre und Scheide. Haben Frauen durch intensives Training einen Östrogenmangel, verschlechtert das die Kontinenz und fördert Inkontinenz«, erklärt Prof. Schultz-Lampel.

Eine weitere wichtige Rolle für den Verschluss der Harnröhre spielt der Catecholaminspiegel. In Sportarten, in denen das Körpergewicht gezielt kontrolliert werden muss, erkranken Frauen häufiger an Essstörungen und leiden unter großem psychischem Stress. Ein möglicher Zusammenhang zwischen Essstörungen und Inkontinenz bei Leistungssportlerinnen wurde in einigen Studien untersucht. Eine davon zeigte, dass die Wahrscheinlichkeit für eine Inkontinenz bei Athletinnen mit Essstörungen dreimal so hoch war wie ohne Essstörungen (2). Zusätzliche psychische Belastungen oder Ängste, z. B. Versagensängste, können sich wiederum negativ auf Essverhalten, Körpergewicht und Hormonstatus auswirken.

Beckenbodentraining – aber wie?

Im klassischen Beckenbodentraining geht es vorwiegend darum, die Beckenbodenmuskulatur in einem ersten Schritt wahrzunehmen. In einem zweiten Schritt wird sie durch gezieltes Anspannen und Lockerlassen gekräftigt und diese Fähigkeit in kritischen Alltagssituationen, beispielsweise beim Husten und Niesen, durch willentliche Anspannung des Beckenbodens gezielt eingesetzt. Dieses Prozedere ist während des Sports aber nicht praktikabel. Vielmehr muss die zuständige Muskulatur bedarfsgerecht und entsprechend der akuten Belastung reagieren können.

»Ein Beckenbodentraining für Sportlerinnen muss also auch reflexive Elemente wie gezielte Sprünge enthalten. Insgesamt braucht es einen spezifischen Trainingsplan, der an die Fähigkeiten der Sportlerin angepasst ist. Doch weil es keine einfach anzuwendenden Messinstrumente gibt, ist es schwer abzuschätzen, ob ein Training die Frau unter- oder überfordert«, gibt Prof. Schulte-Frei zu bedenken. Dabei gibt es Geräte, mit denen einzelne Stränge der Beckenbodenmuskulatur gezielt trainiert werden können. »Man könnte solche Geräte einfach in den Kraftraum stellen. Das wäre ein weiteres Gerät wie andere auch und hat nichts Peinliches«. Ergänzt werden kann ein solches Training durch Vibrationstraining auf einer Power Plate, bei symptomatischen Frauen auch mit Elektrotherapieverfahren oder Biofeedback. (Weiter im Text auf der nächsten Seite)