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Fortsetzung Individualisiertes Training – ein biopsychosozialer Ansatz

Dynamik der „biopsychosozialen Identität“ im Kontext der Trainingsanpassung

Für zukünftige interdisziplinäre Arbeiten im Bereich der individuellen Trainingssteuerung stellt sich die Herausforderung, Epigenetik, Soziologie und Psychologie in sinnvolle forschungsmethodische Programme zu integrieren. Hier bieten Konzepte wie das Modell der fluiden bio-sozialen Identität (15) hilfreiche Ansatzpunkte. So postulieren Wiese et al. (15), dass „in congruence with social and psychological understandings of identity, biological identity is much more dynamic than any static genome can represent“. Mehr noch, die Dynamik der biologischen Identität eines Individuums hat Wiese et al. (15) zufolge immer einen biographischen Hintergrund. Dabei geht es nicht nur darum, dass sich der menschliche Körper im Laufe der Zeit verändert, sondern insbesondere darum, dass der Körper durch die singulären, sich ständig verändernden Beziehungen zu der Welt, in der er sich befindet, einzigartig wird (15).

Ein zu lösendes forschungsmethodisches Problem in diesem Zusammenhang ist die systematische Erfassung der Wirkung mannigfaltiger, chaotischer und deshalb letztendlich auch unvorhersehbarer Umwelteinflüsse auf die Trajektorie vom Genotyp zum Phänotyp. Relton und Smith betonen zurecht, dass es angesichts dieser hochgradigen Unordnung wenig Sinn macht, generative Mechanismen epigenetischer Variation auf der Ebene des Individuums zu charakterisieren. Vielmehr sind Systematisierungen auf Gruppenebene anzustreben, um biopsychosoziale Hauptdeterminanten der Entwicklung von Gesundheits- und Krankheit zu identifizieren (12).

In der Beziehung zwischen dem Biologischen und dem Sozialen sind noch viele Fragen offen, so z. B. nach dem Verhältnis „between early-life events and adult epigenetic drift, the relative contribution of environmental mediation of the epigenome at different life stages, and importantly, the reversibility of all these epigenetic changes“ (8).

Fasst man mit Loi et al. die Epigenetik als Biomarker einer „brute luck-disadvantage“ auf (9), also einer Benachteiligung, für die man selbst keine Verantwortung trägt, dann ist es für eine biopsychosoziale Forschungsperspektive besonders bedeutsam, die systematischen Bedingungen solcher Benachteiligungen zu identifizieren. Die Relevanz einer solchen Forschung ist nicht zuletzt auch deshalb extrem groß, weil die Plastizität des Epigenoms erwarten lässt, dass epigenetische Veränderungen unter Umständen auch reversibel sein können. Diese Perspektive eröffnet wiederum ganz neue therapeutische Möglichkeiten. So ist denkbar, dass eine frühzeitige epigenetische Diagnose von „sozial vererbten“ Gesundheitsschäden nicht nur Ansatzpunkte für frühzeitige pharmakologische Interventionen zur Vermeidung von langfristigen Gesundheitsschäden liefert, sondern auch Hinweise auf eine gezielte Intervention in die Lebenswelten der Heranwachsenden gibt (9).

Eine solche Forschungsperspektive stellt auch für die Sportwissenschaft eine Herausforderung dar. Eine individuelle Trainingssteuerung, die den Eigenheiten der Individuen, auf die Trainingsprogramme zugeschnitten werden sollen, gerecht werden will, wird nicht darum herumkommen, sich mit der für die Umwelt-Epigenetik zentralen Frage auseinanderzusetzen, wie soziale Struktur und soziale Regulation kausal mit Genomstruktur und Genregulation verbunden sind (8). In der sportwissenschaftlichen Trainingsforschung sind wir von solch umfassenden Fragestellungen und entsprechenden methodischen Ansätzen allerdings noch ein ganzes Stück weit entfernt.

Munz B, Thiel A