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Fortsetzung In Balance bleiben: Sturzprophylaxe bei Senioren

Gefährdete Personen früh erkennen

Entscheidend ist, dass gefährdete Personen frühzeitig erkannt und entsprechende Kurse oder Anleitungen vermittelt werden. Hier sind die behandelnden Ärzte eindeutig in der Pflicht, denn alte Menschen sind sich häufig ihres erhöhten Sturzrisikos nicht bewusst. Sie erkennen mögliche Risikofaktoren bei sich selbst nicht und berichten deswegen dem Arzt auch nicht darüber. Es gibt die Empfehlung, dass jeder über 65 Jahre einmal pro Jahr gefragt werden soll, ob er/sie gestürzt oder gefallen ist. Dr. Ellen Freiberger, Privatdozentin am Institut für Biomedizin des Alterns an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, weiß aus eigener Forschung, dass weniger als einem Prozent der Senioren jemals diese Frage gestellt wurde: »Sowohl in der Bevölkerung als auch in der Ärzteschaft ist die Meinung noch weit verbreitet, dass Stürze im Alter normal wären. Doch dass Stürze nicht nur Knochen brechen, sondern auch das Selbstvertrauen älterer Menschen, ist den wenigsten bewusst. Mit einem selbst oder in der Peergroup erlebten Sturz kann bei alten Menschen eine Abwärtsspirale beginnen, die im Pflegeheim endet.« Denn ein Sturz führt zur Angst vor weiteren Stürzen. Der Betroffene bewegt sich weniger, dadurch nehmen Muskelmasse und -kraft ab, die Unsicherheit wird größer, das Gleichgewicht schlechter und er stürzt noch schneller. Irgendwann traut sich der Betroffene dann nicht mehr aus dem Haus, nimmt nicht mehr am öffentlichen Leben teil und muss fremdversorgt werden.

Fallen und Stürzen – ein wichtiger Unterschied

Im Deutschen gibt es eine sprachliche Besonderheit, die Ärzte bedenken müssen: Ein »Sturz« ist im Deutschen (besonders bei älteren Menschen) mit einer größeren Schwere des Ereignisses und mit einer Verletzung assoziiert. Ansonsten spricht man von »Hinfallen«. Über einfaches Hinfallen werden Senioren aber eben nicht berichten, wenn man sie nach Stürzen fragt! »Im Deutschen müssen daher unbedingt beide Begrifflichkeiten verwendet werden. Hier liegt auch eine Problematik der Sturz­prophylaxe: Viele Ärzte wissen nicht genau, wie ältere Menschen gefragt werden müssen, bzw. verzichten darauf, konkret nach einem Sturz oder Hinfallen zu fragen, wenn ein Patient mit einem Hämatom in die Sprechstunde kommt«, erklärt Dr. Freiberger.

Sturzprophylaxe – Kombination aus Gleichgewichtstraining und Muskelkräftigung

In Studien wurde untersucht, welche Vor­aussetzungen erfüllt sein müssen, damit ein Training zur Sturzprävention wirksam ist. Das international am besten untersuchte Modell mit der meisten Evidenz ist das Otago Exercise Programme (2). Es wurde in Neuseeland als Programm zum Training zu Hause entwickelt und als Ulmer Modell zur Sturzprävention für das Training in der Gruppe angepasst. In Deutschland wird dieses Programm von den Krankenkassen gefördert. Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat zwei Broschüren zur Sturzprophylaxe im Programm, deren Inhalte auf den Erkenntnissen des Otago-Programms beruhen.

Im Kontext der Sturzprophylaxe ist besonders die Verbesserung des Gleichgewichts von großer Bedeutung (4). Die Übungen müssen individuell fordernd und progressiv sein, also mit abnehmenden Festhalte- und Unterstützungsmöglichkeiten. Außerdem muss das Gleichgewichtstraining im Stehen erfolgen. Es sollten darüber hinaus Elemente zur Gangschulung und zur Kräftigung der Bein- und Haltemuskulatur enthalten sein. Diese Ziele können entweder über ein gezieltes Gleichgewichts- und Funktionstraining erfolgen oder auch über ausgewählte Trainingsinhalte wie etwa Tai-Chi-Chuan. Erstrebenswert ist ein Dauerangebot, denn die erworbene gesteigerte Funktionsfähigkeit lässt nach, wenn das Training ausgesetzt wird. Besonders hohe Effekte brachten Programme, bei denen zwei Stunden pro Woche über einen Zeitraum von sechs Monaten trainiert wurde. Ausdauerbelastungen und Dehnungsübungen haben für die Gesundheit älterer Menschen zwar ebenfalls sehr wünschenswerte Effekte, doch tragen sie nicht dazu bei, das Sturzrisiko zu verringern. (Weiter im Text mit Seite 3 von 3)