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Fortsetzung In Balance bleiben: Sturzprophylaxe bei Senioren

Kombination aus Gleichgewichtstraining und Muskelkräftigung

In Studien wurde untersucht, welche Vor­aussetzungen erfüllt sein müssen, damit ein Training zur Sturzprävention wirksam ist. Das international am besten untersuchte Modell mit der meisten Evidenz ist das Otago Exercise Programme (2). Es wurde in Neuseeland als Programm zum Training zu Hause entwickelt und als Ulmer Modell zur Sturzprävention für das Training in der Gruppe angepasst. In Deutschland wird dieses Programm von den Krankenkassen gefördert. Auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat zwei Broschüren zur Sturzprophylaxe im Programm, deren Inhalte auf den Erkenntnissen des Otago-Programms beruhen.

Im Kontext der Sturzprävention ist besonders die Verbesserung des Gleichgewichts von großer Bedeutung (4). Die Übungen müssen individuell fordernd und progressiv sein, also mit abnehmenden Festhalte- und Unterstützungsmöglichkeiten. Außerdem muss das Gleichgewichtstraining im Stehen erfolgen. Es sollten darüber hinaus Elemente zur Gangschulung und zur Kräftigung der Bein- und Haltemuskulatur enthalten sein. Diese Ziele können entweder über ein gezieltes Gleichgewichts- und Funktionstraining erfolgen oder auch über ausgewählte Trainingsinhalte wie etwa Tai-Chi-Chuan. Erstrebenswert ist ein Dauerangebot, denn die erworbene gesteigerte Funktionsfähigkeit lässt nach, wenn das Training ausgesetzt wird. Besonders hohe Effekte brachten Programme, bei denen zwei Stunden pro Woche über einen Zeitraum von sechs Monaten trainiert wurde. Ausdauerbelastungen und Dehnungsübungen haben für die Gesundheit älterer Menschen zwar ebenfalls sehr wünschenswerte Effekte, doch tragen sie nicht dazu bei, das Sturzrisiko zu verringern.

Neue und andere Trainingsinhalte

Neben dem Otago-Programm gibt es mittlerweile eine Reihe von Modellen und Untersuchungen zur Sturzprophylaxe. Die internationale vivifrail-Studie hat zum Ziel, bestehende Programme zur Sturzprophylaxe weiter zu verbessern und noch mehr darüber zu lernen, mit welchen Trainingsinhalten die besten Effekte erzielt werden können. So wird darin auch Widerstandstraining mit guten Ergebnissen eingesetzt. Ein wichtiger Aspekt des Projekts liegt darin, das Wissen in regionalen Schulungskursen zu vermitteln, so dass eine größere Reichweite erzielt wird und die Kurse die Zielgruppen besser erreichen. Bislang werden evidenzbasierte Kurse für alte Menschen in Deutschland noch nicht flächendeckend angeboten – unter anderem deswegen, weil es zu wenig Sportwissenschaftler, Trainer und Übungsleiter gibt, die sich für die Arbeit mit alten Menschen interessieren und spezielle Weiterbildungen besuchen. Zugleich wird die Komplexität der Sturzproblematik unterschätzt.

Denn nicht nur harte Faktoren wie die bereits benannten spielen eine Rolle, auch das individuelle Verhalten hat einen Einfluss. Menschen, die im Alter (oder schon immer) sportlich inaktiv waren, befeuern den Teufelskreis des Sturzrisikos und fallen, weil die nötigen Fähigkeiten grundsätzlich fehlen. Andererseits überschätzen sich sehr aktive betagte Menschen leicht und gehen daher ein zu hohes Risiko ein oder verdrängen, dass bestimmte Dinge nicht mehr so funktionieren wie früher.

Die Studien zeigen, dass ein Training zur Sturzprophylaxe dauerhaft das Risiko für Stürze und alle damit verbundenen Folgen verringern kann. Nun braucht es noch verstärkt Motivatoren aus der Ärzteschaft, die diese frohe Botschaft an die Zielgruppe herantragen sowie gut ausgebildete Trainer, Übungsleiter und Betreuer … und natürlich Senioren, die fleißig trainieren.

■ Hutterer C

Quellen:

  1. American Geriatrics Society, British Geriatrics Society, and American Academy of Orthopaedic Surgeons Panel on Falls Prevention. Guideline for the Prevention of falls in older persons. J Am Geriatr Soc. 2001; 49: 664-672.

  2. Campbell AJ, Robertson MC, Gardner MM, Norton RN, Tilyard MW, Buchner DM. Randomised controlled trial of a general practice programme of home based exercise to prevent falls in elderly women. BMJ. 1997; 25; 315: 1065-1069.

  3. Heinrich S, Rapp K, Rissmann U, Becker C, König HH. Cost of falls in old age: A systematic review. Osteoporos Int. 2010; 21: 891–902. doi:10.1007/s00198-009-1100-1

  4. Sherrington C, Whitney JC, Lord SR, Herbert RD, Cumming RG, Close JC. Effective exercise for the prevention of falls: a systematic review and meta-analysis. J Am Geriatr Soc. 2008; 56: 2234-2243. doi:10.1111/j.1532-5415.2008.02014.x

  5. Sylliaas H, Idland G, Sandvik L, Forsen L, Bergland A. Does mortality of the aged increase with the number of falls? Results from a nine-year follow-up study. Eur JEpidemiol. 2009; 24: 351–355. doi:10.1007/s10654-009-9348-5