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Das geht an die Nieren – Sporttherapie bei chronischen Nierenerkrankungen

Chronische Nierenerkrankungen können verschiedene Ursachen haben, beispielsweise Glomerulopathien, interstitielle Nephritis oder Autoimmunerkrankungen. Ein individuelles Sportprogramm kann die Therapie unterstützen.

Das geht an die Nieren – Sporttherapie bei chronischen Nierenerkrankungen
©benschonewille/fotolia

Der Jahresbericht des Gemeinsamen Bundesausschusses benennt als häufigste Ursachen Diabetes (vor allem Typ 2) mit 23 Prozent und Hypertonie mit ca. 21 Prozent. Schätzungsweise acht Millionen Deutsche leiden an eingeschränkter Nierenfunktion, 85.000 bis 90.000 von ihnen erhalten Dialyse und 13.000 jährlich erleiden ein terminales Nierenversagen. Besonders die Anzahl an Dialysepatienten im Alter von mehr als 60 Jahren ist in den letzten zehn Jahren deutlich gestiegen.

Den Teufelskreis der Inaktivität durchbrechen

Die Niere fristet, entgegen ihrer Bedeutung für den Organismus, eher ein Schattendasein. Man merkt nicht, dass sie da ist und was sie leistet; mit Schmerzen meldet sie sich in aller Regel auch erst spät. Zu hohe Blutzuckerwerte oder zu hoher Blutdruck sind die Hauptursachen für Arteriosklerose. Die Veränderungen der Gefäße machen auch vor den kleinen und empfindlichen Gefäßen der Niere nicht Halt. Das Ziel der Therapie bei chronischen Nierenerkrankungen besteht daher vor allem darin, die vorhandene Restfunktion möglichst lange zu erhalten und die Schädigung der Gefäße zu stoppen.

Zum einen wird dazu die Grunderkrankung behandelt, zum anderen wird mit spezieller protein- und salzarmer Diät sowie entwässernden Medikamenten die Niere entlastet. Viele Jahrzehnte lang wurde chronisch Nierenkranken empfohlen, sich zu schonen, um die Belastungen für das Organ möglichst gering zu halten. Inzwischen weiß man, dass das der falsche Weg zur Erhaltung von Nierenfunktion ist – auch unter Dialyse. Die körperliche Leistungsfähigkeit leidet unter der fortschreitenden Erkrankung stark, während Kraft, Ausdauer und Durchblutung immer weiter abnehmen und den Stoffwechsel zusätzlich belasten. Unter dem körperlichen Abbau leidet auch die Seele, so dass psychische Folgeerkrankungen oder Depressionen keine Seltenheit sind.

Aus zahlreichen Untersuchungen ergab sich in den letzten Jahren das deutliche Bild, dass individuell dosierter Sport nicht nur die körperliche Leistungsfähigkeit erhalten oder wiederherstellen kann, sondern auch positive Wirkungen auf Wohlbefinden, Psyche und krankheitsbedingte Komplikationen hat. Doch wie immer stellt sich die berechtigte Frage, wie man den Patienten zum Sport bzw. den Sport zum Patienten bringt.

Patienten zum Sport bringen

Mit der Umstellung von Lebensgewohnheiten ist das so eine Sache. Meist hält der Elan – sofern dieser überhaupt vorhanden war – nur kurzzeitig an. Es ist jedoch auch gut untersucht, dass eine Arteriosklerose, wie sie bei über 60 Prozent der Betroffenen vorhanden ist, durch körperliche Aktivität und Ausdauersport aufgehalten werden kann.

Besser als ein lapidares »Sie sollten mehr Sport treiben« ist das »Rezept für Bewegung«. Die European Federation of Sports Medicine Associations (EFSMA) hat die »EPH« (Exercise Prescription for Health) inzwischen europaweit implementiert. Auch die globale Gesundheits­initiative Exercise is Medicine (EIM), die von der DGSP und weiteren Fachgesellschaften und Verbänden unterstützt wird, blasen ins gleiche Horn. Das Rezept empfiehlt dem Patienten die Teilnahme an qualitätsgesicherten bewegungsfördernden Trainings- oder Übungsgruppen entsprechend der vom Arzt festgestellten Indikation.

Bild Kirsten Anding-Rost
Dr. Kirsten Anding-Rost, ärztliche Leiterin des KfH-Nierenzentrums, Bischofswerda © Anding-Rost

Sport zum Patienten bringen

Doch auch ein Rezept bringt viele Patienten nicht zur Bewegung. »Es ist schon schwer genug, Leute dazu zu bewegen, ihre Medikamente zu nehmen. Mit Sport ist das, vor allem bei alten Menschen, noch viel schwieriger«, sagt Dr. Kirsten Anding-Rost, ärztliche Leiterin des KfH-Nierenzentrums in Bischofswerda und zweite Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft Rehabilitationssport für chronisch Nierenkranke e. V. (ReNi).

Darum hat sie zusammen mit Kollegen vor einigen Jahren ein Dialyse-Sportprogramm entwickelt, das seine gute Wirksamkeit in einer Studie bewiesen hat (1). Das liegt unter anderem daran, dass der Sport zum Patienten kommt. Die Patienten machen während ihrer Dialyse zwei- bis dreimal pro Woche je eine halbe Stunde Ausdauertraining mit einem Bett-Ergometer sowie eine halbe Stunde Krafttraining für acht verschiedene Muskel­gruppen. In diesem Setting zeigte sich eine hohe Adhärenz zu dem regelmäßigen Training – und das, obwohl die Patienten immerhin 63,2 ± 16,3 Jahre alt waren. Die körperliche Leistungsfähigkeit, Kraft und Lebensqualität verbesserte sich signifikant.