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Die Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin behandelt die klinische Praxis und deren angrenzende Felder im Sinne translationaler Forschung, die den Einfluss von körperlicher Aktivität, Bewegung, Training und Sport sowie Bewegungsmangel von gesunden Personen und Patienten aller Altersgruppen erforscht. Dies umfasst die Auswirkungen von Prävention, Diagnose, Therapie, Rehabilitation und körperlichem Training sowie das gesamte Feld der Sportmedizin und sportwissenschaftliche, physiologische und biomechanische Forschung.

Die Zeitschrift ist die führende und meistgelesene deutsche Zeitschrift für die gesamte Sportmedizin. Sie richtet sich an alle Ärzte, Physiologen und sportmedizinisch/sportwissenschaftlich interessierte Wissenschaftler aller Disziplinen sowie an Physiotherapeuten, Trainer, Praktiker und Sportler. Die Zeitschrift ermöglicht allen Wissenschaftlern online Open Access zu allen wissenschaftlichen Inhalten und viele Kommunikationsmöglichkeiten.

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Prof. Dr. med. habil. Dr. h. c. Kurt Tittel wurde 96 Jahre alt

Zu seinem 96. Geburtstag am 19.Juli hatte er keine Einwände, dass die Gratulanten, zum 100. Geburtstag wiederzukommen, sodass uns sein schnelles Ableben am 20. August 2016 überraschte. Noch am 23. Juli 2016 erfuhr er eine Ehrung durch den Präsidenten der DTU, Prof. Dr. Martin Engelhardt in den Räumen des IAT (Institut für Angewande Trainingswissenschaft) in Leipzig. Prof. Tittel wurde für sein Lebenswerk als einer der Nestoren der gesamtdeutschen Sportmedizin geehrt.

Kurt Tittel zog vom Geburtsort Lübeck mit seinen Eltern 1936 nach Leipzig. Nach seinem Abitur 1938 begann er das Medizinstudium in Leipzig und war Doktorand beim berühmten Alternsforscher Prof. Dr. med. Dr. h. c. mult. Max Bürger. Am 14. April 1945, kurz vor Kriegsende, wurde Kurt Tittel zum Dr. med. an der Universität Leipzig promoviert und entkam dank der Fürsprache Bürgers einem Fronteinsatz als Feldunterarzt d. R.

Nach Kriegsende war er Assistent in einem kirchlichen Krankenhaus. Aufgrund einer Desinfektionsmittelunverträglichkeit musste er seine angestrebte chirurgische Laufbahn aufgeben und begann 1952 mit dem Aufbau einer sportmedizinisch orientierten Abteilung an der sich in Gründung befindenden DHfK (Deutsche Hochschule für Körperkultur) in Leipzig. Neben einer sportärztlich praktischen Tätigkeit interessierte er sich besonders für das Fach Anatomie. An der Martin-Luther-Universität Halle habilitierte er mit dem Thema. „Funktionelle Anatomie und Biotypologie des Leistungssportlers“. Die funktionelle Anatomie sollte ihn prägen und ihn später international Anerkennung erfahren lassen.

Ich begann 1964 meine Weiterbildung zum Facharzt für Sportmedizin an der DHfK bei Dr. med. Kurt Tittel, Facharzt für Anatomie. Noch im selben Jahr wurde Dr. Kurt Tittel Direktor des neu gegründeten eigenständigen Instituts für Sportmedizin an der DHfK. Aus heutiger Sicht war das eine perspektivisch weitsichtige Entscheidung, denn das Institut hatte Abteilungen für: Funktionelle Anatomie, Sportmedizin, Sportphysiologie, Biochemie, Funktionsdiagnostik, Röntgen, Tierstall und Bettenstation mit Küche. Bereits 1985 wurde Kurt Tittel zum Professor für funktionelle Anatomie an der DHfK berufen. Das Institut für Sportmedizin existierte von 1964 bis 1969. Wie verbunden er dem jungen Institut für Sportmedizin mit damals 220 Mitarbeitern war, zeugt die Tatsache, dass er zu Weihnachten jedem Mitarbeiter handschriftlich Glückwünsche zusandte. Seine hohe Kollegialität zeichnete Kurt Tittel ein Leben lang aus. Mit der Neugründung eines von der DHfK unabhängigen Instituts, dem Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS), wurde die institutionelle Entwicklung der Sportmedizin in der DDR unterbrochen. Die Hauptaufgabe des FKS war nicht die Lehre, sondern die Forschung für den Leistungssport in fast allen Olympischen Sportarten, unter der Leitung von Sportwissenschaftlern.

Mit der Gründung des FKS blieb Prof. Tittel weiter an der DHfK als Hochschullehrer tätig. An der DHfK wirkte Kurt Tittel als hervorragender Lehrer und Wissenschaftler und wurde durch sein Lehrbuch „Funktionelle Anatomie“ weltbekannt. Selten erlebt ein Autor mit einem Lehrbuch zu Lebzeiten 15 Auflagen.

Sein unermüdliches Wirken für die Sportmedizin in der DDR führte dazu, dass er von 1973-1989 Präsident der Gesellschaft der Sportmedizin der DDR war. In dieser Funktion pflegte er eine weitsichtige Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Präsidenten der Sportmedizin der BRD, Prof. Dr. Wildor Hollmann. In Zeiten des kalten Krieges und der parteipolitischen Regulierung der Sportmedizin in der DDR war das Aufrechterhalten einer vernünftigen Ost-West-Beziehung keine leichte und mitunter brisante Aufgabe. Einzelheiten dieser Beziehung sind dem gemeinsam geschriebenen Buch von Hollmann und Tittel zu entnehmen, welches unter dem Titel: „Geschichte der deutschen Sportmedizin“ 2008 erschien. Der Akribie von Prof. Tittel ist es zu verdanken, dass viele historische Belege erhalten wurden und den Jüngeren zugängig blieben. Auch ist seine 2009 verfasste Biographie „Zwischen gestern und morgen“, mit 248 Seiten sehr beeindruckend.

Als Präsident der Sportmedizin bekleidete Kurt Tittel zahlreiche internationale Ämter. Von 1970-1983 war er Mitglied des Forschungskomitees der CIEPSS/ICSSPE (International Council of Sport Science and Physical Education), dessen Vorsitz seinerzeit Prof. Ernst Jockl (USA) hatte. In der FIMS (Fédération Internationale de Médicine du Sport) war Kurt Tittel von 1980-1986 in der Exekutive und von 1984-1988 Vorsitzender der Wissenschaftskommission. In dieser Funktion wirkte er maßgeblich an der Herausgabe des „Olympic Book of Sports Medicine“ mit, eine für die damalige Zeit bedeutende internationale Publikation zum Leistungssport. Im Publishing Advisory Committee des IOC war er von 1987-1993 Mitglied.

Zu bemerken ist, dass Prof. Tittel nicht nur Ämter bekleidete, sondern aktiv gestaltete. Für sein besonderes Wirken in den ehrenamtlichen Funktionen bekam er zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen. National bekam er die Verdienstmedaille der DDR (1960), den Titel Verdienter Meister des Sports (1961), die Hufelandmedaille in Gold und den GutsMuths-Literaturpreis (1963), die Pestalozzi-Medaille in Silber (1970), den Nationalpreis der DDR (1972), den Titel Verdienter Arzt des Volkes (1978),die Friedrich-Ludwig-Jahn-Medaille (1983) und viele weitere Ehrungen. Auch international wurde sein Wirken für die Sportmedizin gewürdigt: So bekam er den Philip-Noel Baker Research Price des CIEPSS der UNESCO (1974), den Distinguished Service Award der United States Sports Academy (1984), den Honour-Price of International Olympic Committee (IOC) in the field of Sports Medicine (1989) und die FIMS-Gold-Medaille. Er erhielt die Ernennung zum FIMS-Fellow (2002) und bekam zahlreiche internationale Ehrungen.

Kurt Tittels rege wissenschaftliche Aktivität äußert sich in über 520 Publikationen, wobei neben seinen Anatomielehrbüchern, die in 4 Sprachen erschienen, die Herausgabe der Sportmedizinischen Schriftenreihe in 26 Bänden besonders hervorzuheben ist.

Seine Lieblingssportart war der Handball. Mit der Mannschaft nahm er als betreuender Arzt an 4 Olympischen Spielen und zahlreichen Weltmeisterschaften teil. Die Spieler verehrten ihn bis ins hohe Alter, kein Wunder, bei 270 aktiven Einsätzen als Mannschaftsarzt.

Nach seiner Emeritierung 1985 hielt er zahlreiche Vorträge und Gastvorlesungen im In- und Ausland. Von der Universität Leipzig wurde ihm 1996 die Ehrendoktorwürde (Dr. h. c.) zuerkannt. Er übernahm von 1996 bis über das 90. Lebensjahr hinaus die Schriftleitung der Orthopädiezeitschrift „Die Säule“. Der Sächsische Sportärztebund ernannte Prof. Tittel 2010 zum Ehrenmitglied.

Seine Ausstrahlung als Hochschullehrer war immer wieder beeindruckend, da er mit seiner angenehmen Stimme frei sprechend und wortgewandt die Zuhörer zu begeistern vermochte. Selbst bei seiner Ehrung am 23. Juli 2016 fasste er frei redend die historische Entwicklung der Sportmedizin an der DHfK zusammen und beeindruckte die Anwesenden.

Ich denke, dass viele Sportmediziner und Sportwissenschaftler, Kurt Tittel als aufrechten und gütigen Menschen sowie fleißigen Wissenschaftler und Hochschullehrer stets in Erinnerung behalten.

Prof. Dr. med. habil. Georg Neumann

Im Namen des Sächsischen Sportärztebundes e.V.

 
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