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The German Journal of Sports Medicine is directed to translational science and clinical practice of Sports Medicine and its adjacent fields, which investigate the influence of physical activity, exercise, training and sports, as well as a lack of exercise affecting healthy people and patients of all age-groups. It addresses implications for prevention, diagnosis, therapy, rehabilitation and physical training as well as the entire Sports Medicine and research in sports science, physiology and biomechanics.

The Journal is the leading and most widely read German journal in the field of Sports Medicine. Readers are physicians, physiologists and sports scientists as well as physiotherapists, coaches, sport managers, and athletes. The journal offers to the scientific community online open access to its scientific content and online communication platform.

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Sportmedizin
KURZBEITRAG
STRETCHING IM LEISTUNGSSPORT

Dehnst Du noch oder grübelst Du schon? - Aktuelle Daten zu Akzeptanz und Verbreitung von Stretching im Leistungssport

Do You Still Stretch or Have You Started Wondering Yet? – Current Data on the Acceptance and Frequency of Use of Stretching in Competitive Sports

ZUSAMMENFASSUNG

Problemstellung:  In  der  Sportwissenschaft  werden  die  erwünschten  und  unerwünschten  Wirkungen  von  Dehnübungen  derzeit  kontrovers  diskutiert.  Im  Gegensatz zu den mittlerweile sehr umfangreichen und differenzierten Forschungsarbeiten zur Wirkung des Stretching existieren bis dato keinerlei Daten zu dessen Akzeptanz  und  Verbreitung.  Ziel  dieser  Studie  war  es,  die  aktuelle  Einstellung zu  Dehn übungen  und  deren  tatsächlichen  Einsatz  unter  Leistungssportlern  zu ermitteln. Methoden: Im Rahmen der Elite Athletes’ Health-Study (EliAH study) wurden im Jahr 2009 am Olympiastützpunkt Rhein-Neckar insgesamt 273 Leistungssportler aus 24 Sportarten standardisiert und anonym befragt. Ergebnisse: Insgesamt waren 68% der befragten Leistungssportler der Meinung, dass Stretching  nicht  nur  grundsätzlich,  sondern  sie  auch  persönlich  vor  Verletzungen schütze.  Drei  von  vier  Athleten  (75%)  setzen  Dehnübungen  tatsächlich  sowohl in  Training  als  auch  im  Wettkampf  ein.  Sportartspezifische  Auswertungen  belegen,  dass  Leichtathleten  und  Ballsportler  Dehnübungen  am  ehesten  durchführen, oft aber ohne von deren Sinnhaftigkeit überzeugt zu sein. Dagegen verzichtet  beispielsweise  jeder  Dritte  Gewichtheber  (29%)  und  Schwimmer  (34%) auf  Stretching.  Außerdem  fühlen  sich  74%  der  befragten  Leistungssportler  im Rahmen ihrer Betreuung nicht ausreichend über aktuelle sportwissenschaftliche Entwicklungen  und  disziplinspezifische  Empfehlungen  informiert.  Diskussion: Sowohl  zwischen  als  auch  innerhalb  der  einzelnen  Sportarten  wird  Stretching höchst  unterschiedlich  akzeptiert  und  eingesetzt.  Unsere  Daten  belegen  einen deutlichen Aufklärungsbedarf hinsichtlich individueller und disziplinspezifischer Empfehlungen zu Einsatz oder Verzicht. Innerhalb des Leistungssports sollte der differenzierte Forschungsstand in Form sportartspezifischer Empfehlungen besser kommuniziert werden.

Schlüsselwörter: Muskeldehnung, Übungen, Sport, Verhalten, Sportmedizin.

SUMMARY

Problem: The desired and unwanted effects of stretching are currently the subject of controversial discussions in sports science. In contrast to the very comprehensive and detailed research on the effects of stretching, there is no data on its acceptance or frequency of use. This study aims at identifying the current opinions on  stretching  and  its  actual  use  by  competitive  athletes.  Methods:  In  2009,  273 competitive  athletes  training  for  24  types  of  sports  were  questioned  by  means of  standardised  and  anonymous  questionnaires  at  the  Olympic  training  centre Rhein-Neckar within the Elite Athletes’ Health Study (EliAH study). Results: 68% of the participating competitive athletes were of the opinion that stretching not only  generally  prevents  injuries  but  also  felt  personally  protected  by  practicing stretching. Three of four athletes (75%) use stretching during training as well as competitions. Assessment by type of sports shows that track-and-field and ball sports  athletes  are  most  likely  to  use  stretching.  Many  of  them  are  not,  however, convinced that stretching is actually helpful. In contrast, one in every three weightlifters or swimmers does not practice stretching. In addition, 74% of the athletes included in our study stated that they were not provided during training sessions with sufficient information on the latest developments in sports science or recommendations that are tailored to the type of sports they practice. Discussion: The acceptance and frequency of use of stretching vary widely both within a specific type of sports and among different types of sports. Our data show a significant demand for recommendations regarding the inclusion or exclusion of stretching in training and taking into account both the individual athletes and the type of sports they practice. Within competitive sports, better ways of communicating the latest research results are required in the form of specific recommendations for each type of sports.

Key Words: Muscle Stretching, Exercises, Sports, Behavior, Sports Medicine.

EINLEITUNG

Dieser Beitrag widmet sich einer der am weitesten verbreiteten Trainingspraktiken  im  Leistungs-  und  Breitensport:  dem  Stretching. Gleichzeitig ist sie auch eine der umstrittensten Trainingspraktiken. Unter dem Terminus „Stretching“ werden gemeinhin aktive  und  passive,  statische  und  dynamische  Techniken  zur Muskeldehnung  zusammengefasst  (5, 8).  In  den  letzten  Jahren hat  die  sportwissenschaftliche  Forschung  zu  den  erwünschten und  unerwünschten  Wirkungen  des  Stretching  deutlich  zugenommen (8, 9). Besonders kontrovers ist die Diskussion zu dem meist  primären  Ziel  einer  Verletzungsprophylaxe  (5, 7).  Aber auch bezüglich weiterer Wirkungen von Dehnübungen z.B. auf Beweglichkeit, Muskeltonus sowie Maximal- und Schnellkraft ist die Datenlage uneinheitlich (3, 5). Mittlerweile ist die Diskussion über Sinn und Unsinn von Dehnübungen auch im Breitensport angekommen,  wie  aktuelle  Kongress-  und  Seminarprogramme deutscher Sportverbände zeigen (4, 6).

PROBLEM- UND ZIELSTELLUNG

Zur  Analyse  und  Steuerung  gesundheitsrelevanter  Verhaltensweisen  wie  etwa  dem  Tabak-  und  Alkoholkonsum  oder  dem  Ernährungsverhalten sind durch medizinische Forschung stets zwei zentrale Fragen zu beantworten: Erstens die Frage nach deren Wirkung, also ob, in welcher Form und in welchem Ausmaß ein Verhalten der Gesundheit schadet oder nützt (Outcomeforschung). Zweitens  die  Frage  nach  der  Verbreitung  des  betreffenden  Verhaltens (Prävalenzforschung).  Nur  wenn  beide  Fragen  mit  ausreichender Evidenz beantwortet sind, können darauf aufbauend adäquate Präventions- und Verhaltensempfehlungen formuliert werden.
Für die oben angeführten klassischen Verhaltensaspekte existieren hierzulande große repräsentative Outcomestudien (z.B. die EPIC-Studie  für  das  Ernährungsverhalten  (1))  und  Prävalenzstudien (z.B. die Drogenaffinitätsstudien für den Tabak- und den Alkoholkonsum (2)). Dagegen widmet sich die Sportmedizin bisher vor allem der Outcomeforschung, hier also der Frage nach der Wirkung und  damit  der  Sinnhaftigkeit  von  Dehnübungen  (5, 7, 9).  Eine  adäquate Studie, welche sich explizit der zweiten Frage nach deren Verbreitung widmet, war nach unserer Recherche nicht zu finden. Lediglich allgemeine Vermutungen und Statements, dass „die überwiegende Mehrzahl aller Sportler gewissenhaft und mit Überzeugung dehn(e)“, sind zu finden (3). Ziel der vorliegenden Arbeit war es  deswegen,  exemplarisch  anhand  der  am  Olympiastützpunkt (OSP) Rhein-Neckar betreuten Leistungsportler die Einstellung zu Dehnübungen  und  deren  tatsächlichen  Einsatz  in  der  Praxis  zu ermitteln.  Von  besonderem  Interesse  waren  dabei  etwaige  sportartspezifische Differenzen.

MATERIAL UND METHODEN

Datensatz und Studienpopulation
Im  Rahmen  der  Elite  Athletes’  Health-Study  (EliAH  study  2009) wurden  zwischen  Juni  und  Dezember  2009  sämtliche  am  OSP Rhein-Neckar  medizinisch  betreute  Leistungssportler  schriftlich und anonym befragt. Nach Ausschluss stichprobenneutraler Ausfälle ergab sich ein Bruttosample von 664 Athleten. Davon sendeten 273 Sportler den Fragebogen vollständig ausgefüllt zurück, was einer Ausschöpfungsquote von 41% entspricht. Dieses Nettosample bestand aus 105 männlichen und 168 weiblichen Leistungssportlern im Alter zwischen 15 und 48 Jahren (Mittelwert: 21,7 Jahre). Ein positives Votum der Ethikkommission Heidelberg lag ex ante vor (AZ S-294/2008).

Erfassung von Stretching-Einstellung und Stretching-  Praxis
Die persönliche Einschätzung der allgemeinen und der  individuellen Bedeutung  disziplinspezifischer  Dehnübungen  wurde  durch  die Fragen  „In  meiner  Disziplin  schützen  adäquate  Dehnübungen grundsätzlich vor Verletzungen“ und „Mich persönlich schützen adäquate Dehnübungen grundsätzlich vor Verletzungen“ erfasst. Das Wort „grundsätzlich“ sollte eine Beeinflussung der Antwort durch die aktuelle Situation oder durch eine individuelle Problematik (wie aktuellen Muskelschmerz, Zustand nach Verletzung) verhindern.
Neben der individuellen Einstellung zu Dehnübungen wurde deren tatsächlicher Einsatz in der täglichen Praxis getrennt davon erfragt: Hier war eine Differenzierung in Trainings- und Wettkampfkontext nötig. Der Fragewortlaut war demnach „Ich mache Dehnübungen  vor  bzw.  während  des  Trainings“  respektive  „Ich  mache Dehnübungen vor bzw. während des Wettkampfes oder Spiels.“ Alle Fragen  hatten  einheitlich  die  Antwortkategorien  „trifft  gar  nicht zu“, „trifft eher nicht zu“, „trifft eher zu“ und „trifft voll und ganz zu“. In allen Fällen wurden die ersten beiden Antworten als Ablehnung und die letzten beiden als Zustimmung bewertet. Erfassung der Sportart und anderer FaktorenDie  273  Athleten  stammten  aus  insgesamt  24  verschiedenen Sportarten.  Sportarten  mit  einer  Fallzahl  von  n<20  wurden  im Sinne  eines  konservativen  Vorgehens  in  der  Kategorie  „sonstige Sportarten“ zusammengefasst (z.B. Eishockey, Tischtennis, Kanurennsport,  Fechten,  Eislaufen,  Judo,  Fußball,  Tennis,  Curling, Sportschießen,  Skispringen  und  Dressurreiten).  Zusätzlich  zu soziodemographischen  und  leistungsspezifischen  Angaben  wurden alle Athleten außerdem gefragt, ob sie sich im Rahmen ihrer Betreuung ausreichend über aktuelle sportwissenschaftliche Entwicklungen  und  disziplinspezifische Empfehlungen informiert fühlen.

Statistische Analysen
Im Rahmen logistischer Regressionsanalysen  wurden  der  Einfluss  der Sportart  und  weiterer  athletenbezogene Faktoren auf die Dehnpraxis untersucht.  Die  Datenanalyse  erfolgte mit SPSS/PASW 18 (SPSS Inc., Chicago,  USA).  Alle  Tests  wurden  zweiseitig  mit  der  Signifikanzgrenze  p≤0,05 durchgeführt. In die Analysen flossen standardgemäß  nur  vollständige  Datensätze ein.

ERGEBNISSE

Sieben  von  zehn  Leistungssportlern sind  der  Meinung,  dass  Stretching vor Verletzungen schütze: So stimmt die  Mehrheit  der  Aussage  zu,  dass derartige Übungen in der ausgeübten Disziplin grundsätzlich (76% Zustimmung)  und  für  sie  persönlich  (72% Zustimmung)  protektiv  wirken.  Beiden Aussagen stimmen 68% zu. Verbreiteter  als  eine  prinzipiell  positive Einstellung  zu  Dehnübungen  ist  die tatsächliche  Praxis:  So  geben  jeweils 80%  der  befragten  Leistungssportler an, disziplinspezifische Dehnübungen im Training respektive vor oder während des Wettkampfs durchzuführen. Drei von vier (75%) tun dies sowohl in Training als auch im Wettkampf.
Der  bivariate  Vergleich  von  Einstellung  und  tatsächlicher   Praxis zeigt,  dass  immerhin  49  von  86  Athleten  (55%)  mit  einer  negativen Einstellung  zum  Stretching  solche Übungen  dennoch  sowohl  im  Training  als  auch  im  Wettkampf  ausführen. Umgekehrt wird eine positive Einstellung nicht in allen Fällen umgesetzt:  Lediglich  155  aller  187  Athleten  mit  einer  positiven Einstellung zum Stretching praktizieren dies auch in Training und Wettkampf,  die  übrigen  32  (17%)  verzichten  darauf  (Daten  nicht graphisch dargestellt).
Die  Bedeutung  funktioneller  Dehnübungen  variiert  deutlich zwischen den Sportarten (Abb.1). Nahezu alle Leichtathleten dehnen  sich  in  Training  und  Wettkampf,  und  auch  die  meisten Ballsportler  (Basketballer,  Handballer,  Volleyballer)  tun  dies.  Der Anteil an Athleten, die sich regelmäßig dehnen, ist unter Schwimmern mit 66% und Gewichthebern mit 71% am geringsten (Abb. 1). Darüber hinaus lassen sich auch deutliche disziplinspezifische Diskrepanzen  zwischen  Einstellung  und  Praxis  erkennen:  In  der Leichtathletik  und  in  den  Ballsportarten  finden  sich  besonders viele  Athleten,  die  Dehnübungen  zwar  regelmäßig  durchführen, von der protektiven Wirkung aber nicht überzeugt sind (vgl. die jeweilige  Differenzen  zwischen  den  hell-  und  dunkelgrauen  Balken in Abb.1).

Aus sportwissenschaftlicher Sicht ist aber nicht nur eine disziplinspezifische Betrachtung wichtig, sondern auch die Differenzierung  nach  dem  Kontext  „Training“  versus  „Wettkampf“.  Deswegen  haben  wir  untersucht,  welche  soziodemographische  und sportspezifische Eigenschaften neben der ausgeübten Sportart die Stretchingpraxis beeinflussen. Demnach integrieren insbesondere weibliche Athleten Dehnübungen in Training und Wettkampfvorbereitung  (Tab.1).  Darüber  hinaus  verzichten  Einzelsportler  im Vergleich zu Teamsportlern eher auf solche Maßnahmen. Dagegen spielen in diesem Zusammenhang weder das Alter und Bildungsstand noch das Leistungsniveau (gemessen über die Kaderzugehörigkeit) oder die Dauer der Sportkarriere eine Rolle.  Weiterführende Berechnungen  unter  Konstanthaltung  möglicher  Konfounder  belegen,  dass  sich  diese  soziodemographischen  und  leistungsspezifischen  Faktoren  auch  dann  nicht  als  signifikant  erweisen,  wenn nach  den  jeweils  anderen  adjustiert  wird.  Im  Übrigen  verdeutlichen die Regressionsanalysen, dass die in der Abb.1 dargestellten sportartspezifischen Differenzen auch unter Konstanthaltung von Alter und Geschlecht erhalten bleiben.
Fragt  man  die  Athleten  nach  ihrem  Informationsbedarf,  so fühlen  sich  74,4%  nicht  ausreichend  über  aktuelle  sportwissenschaftliche Entwicklungen und disziplinspezifische Empfehlungen informiert.  Konkret  wünschten  sich  38,5%  mehr  schriftliche  und 24,5% mehr mündliche Informationen. Zudem würden 45,4% der Befragten  gerne  (mehr)  multimediale  Trainingsinformationen (DVDs, Schulungsfilme u.ä.) nutzen.

DISKUSSION

Zentrales Ergebnis
Stretching  ist  unter  Leistungssportlern  unterschiedlich  akzeptiert und verbreitet. Etwa ein Viertel steht Stretching zur Verletzungsprophylaxe skeptisch gegenüber. Etwa ebensoviele Eliteathleten verzichten im Training oder Wettkampf auf Stretching. Dennoch sind Skepsis und Verweigerung keinesfalls deckungsgleich: Der Vergleich der Antworten zu Einstellung versus tatsächlicher Praxis zeigt nämlich einerseits, dass einige Athleten trotz positiver Einstellung auf Stretching verzichten. Andererseits praktizieren einige Athleten offenbar entgegen  der  eigenen  Überzeugung  regelmäßig  Dehnübungen.  So findet sich letzteres Muster auffällig oft bei Ballsportlern. Hier spiegeln  sich  gruppenspezifische  Handlungsmuster  wie  etwa  das  gemeinsame Aufwärmen vor einem Spiel und das typische Teamtraining wider. Diese nicht nur zwischen den Sportarten, sondern auch innerhalb der Sportarten höchst unterschiedlichen Muster könnten Indikator  einer  gewissen  Verunsicherung  sein.  Tatsächlich  äußern viele Athleten akuten Informationsbedarf zu aktuellen sportmedizinischen Entwicklungen.

Schwächen und Stärken der Studie
Methodische  Einschränkungen  der  vorliegenden  Studie  betreffen vor  allem  die  Selektivität  des  Studienkollektives  und  die  Validität der Selbstangaben. So erhebt unsere Studie nicht den Anspruch der Repräsentativität für den gesamten Leistungssport. Da aber bis dato keinerlei  ähnliche  Studien  (weder  für  Deutschland  noch  für  andere  Länder)  publiziert  wurden,  kann  die  EliAH-Studie  exemplarisch erste  Einsichten  zu  dieser  Problematik  liefern.  Darüber  hinaus  ist ein  so  genannter  Social  Desirability  Bias  nicht  auszuschließen.  Sozial erwünschtes Antwortverhalten spielt insbesondere bei Studien zu gesundheitsrelevantem Verhalten wie etwa Tabakkonsum, Alkoholkonsum und Sexualverhalten eine bedeutende Rolle. Anders als dort gibt es bei der deutlich unproblematischeren Frage nach dem Stretchingverhalten keinen Grund, einen solchen Bias in relevantem Ausmaß anzunehmen. Die Stärken dieser Studie liegen in der Inklusion  eines  sehr  breiten  Sportlerkollektives,  welches  24  Sportarten aus  allen  Kaderstufen  und  einen  breiten  Altersrange  umfasste.  Die Behandlung eines sowohl für den Leistungs- wie auch für den Freizeitsport hoch relevanten und sehr kontrovers diskutierten Themas dürfte  ein  weiteres  Alleinstellungsmerkmal  dieser  Studie  sein.  Wir hoffen, die eingangs dargestellte Forschungslücke ein kleines Stück geschlossen zu haben und glauben, dass unsere Befunde die Notwendigkeit  sportmedizinischer  Aufklärungsarbeit  gegenüber  unseren Leistungssportlern unterstreicht.

Schlussfolgerungen für die Praxis
Jeden Tag wenden hierzulande Tausende Leistungssportler und Millionen  Breitensportler  Dehnübungen  an.  Angesichts  der  Tatsache, dass insbesondere im Leistungssport oft eine Tausendstel Sekunde oder wenige Millimeter über Erfolg oder Misserfolg entscheiden, ist die Bedeutung von adäquat und von inadäquat eingesetzten Dehnübungen  nicht  zu  unterschätzen.  Nach  Jahren  intensiver  und  sehr differenzierter  Forschung  tun  nun  offenbar  die  Entwicklung  sportartspezifischer Empfehlungen und vor allem deren Kommunikation an die Athleten Not.

Angaben zu finanziellen Interessen und Beziehungen, wie Patente, Honorare oder Unterstützung durch Firmen:
Ohne die Unterstützung von Tatiana Yarmoliuk und Silke Röhrig (beide Mannheimer  Institut  für  Public  Health,  Sozial-  und  Präventivmedizin) bei der Datenaufbereitung wäre diese Arbeit nicht möglich gewesen. Diese Publikation wurde zwischen 2008 und 2010 finanziell gefördert durch den unabhängigen Forschungsfonds der Orthopädischen Universitätsklinik Heidelberg (F09-0022).

LITERATUR

  1. Boeing H, Wahrendorf J, Becker N: EPIC-Germany – A source for studies into diet and risk of chronic diseases. European Investigation into Cancer and Nutrition. Ann Nutr Metab 43 (1999) 195 - 204.
  2. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Die Drogenaffinität Jugendlicher in der Bundesrepublik Deutschland 2008. Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln, 2010, 5 - 40.
  3. Keil C: Ist Stretching sinnvoll? Z Physiother 59 (2007) 460 - 470.
  4. Landessportbund Hessen e.V.: 2. Sportkongress. Sport und Gesundheit. Landessportbund Hessen, Frankfurt, 2007, 21.
  5. McHugh MP, Cosgrave CH: To stretch or not to stretch: the role of stretching in injury prevention and performance. Scand J Med Sci Sports 20 (2010) 169 - 181.
  6. Sportbund Rheinland: 1. Sportwissenschaftliches Forum. Kräftigung und Stretching, Mythos und neueste Erkenntnisse. Sportbund Rheinland, Koblenz, 2007, 1.
  7. Thacker SB, Gilchrist J, Stroup DF, Kimsey CD, Jr: The impact of stretching on sports injury risk: a systematic review of the literature. Med Sci Sports Exerc 36 (2004) 371 - 378.
  8. Wiemeyer J: Dehnen und Leistung – primär psychophysiologische Entspannungseffekte? Dtsch Z Sportmed 54 (2003) 288 - 294.
  9. Young WB: The use of static stretching in warm-up for training and competition. Int J Sports Physiol Perform 2 (2007) 212 - 216.
Korrespondenzadresse:
Dr. phil. Sven Schneider
Mannheimer Institut für Public Health
Sozial- und Präventivmedizin
Medizinische Fakultät Mannheim
Universität Heidelberg
Ludolf-Krehl-Straße 7-11
68167 Mannheim
E-Mail: sven.schneider@medma.uni-heidelberg.de
 
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