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The German Journal of Sports Medicine is directed to translational science and clinical practice of Sports Medicine and its adjacent fields, which investigate the influence of physical activity, exercise, training and sports, as well as a lack of exercise affecting healthy people and patients of all age-groups. It addresses implications for prevention, diagnosis, therapy, rehabilitation and physical training as well as the entire Sports Medicine and research in sports science, physiology and biomechanics.

The Journal is the leading and most widely read German journal in the field of Sports Medicine. Readers are physicians, physiologists and sports scientists as well as physiotherapists, coaches, sport managers, and athletes. The journal offers to the scientific community online open access to its scientific content and online communication platform.

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Sportmedizin
ORIGINALIA
EINFLUSS DES SOZIALEN UMFELDS AUF MOTORIK UND AKTIVITÄT DES KINDES

Einfluss des sozialen Einzugsgebiets auf die motorische Leistungsfähigkeit und das Aktivitätsniveau im Kindergartenalter

Influence of the Social Environment in Motor Performance and Physical Activity at Preschool-age

ZUSAMMENFASSUNG

Problemstellung: Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden in Deutschland an Bewegungsmangel und ihre motorische Leistungsfähigkeit ist häufig unbefriedigend.  Die  aktuelle  Studie  untersucht,  ob  es  bereits  im  Kindergartenalter  Unterschiede  hinsichtlich  des  Aktivitätsverhaltens  und  der  motorischen  Leistungsfähigkeit  in  Abhängigkeit  vom  sozialen  Umfeld  der  Kinder  gibt.  Methode:  Aus  18 Kindergärten, von denen 9 in einem sozial schwachen und 9 weitere in einem sozial starken Einzugsgebiet lagen, wurden insgesamt 172 3-bis 5-jährige Kinder rekrutiert. Zur Erfassung der motorischen Leistungsfähigkeit wurde das Karlsruher Motorik-Screening (KMS 3-6) sowie der Tennisballtransport aus dem MOT 4-6 durchgeführt.  Anhand  eines  Elternfragebogens  wurde  das  Bewegungsverhalten der Kinder erfasst. Ergebnisse: Beim Seitlichen Hin- und Herspringen M=17,58, SD=6,9  vs.  M=13,47,  SD=6,6,  (F(3,9)=16,51;  p<0,05; η2=0,09),  dem  Stand  and Reach-Test M=5,5, SD= 5,0 vs. M=0,78, SD=8,7, (F(3,9)=20,14; p<0,05; η2=0,10) und dem Tennisballtransport M=15,13, SD=2,1 vs. 16,62, SD=3,1, (F(3,9)=14,28; p<0,05; η2=0,08)  zeigten  sich  signifikante  Unterschiede  zugunsten  der  Kinder aus sozial starkem Einzugsgebiet. Beim Standweitsprung ergaben sich keine signifikanten Leistungsunterschiede zwischen beiden Gruppen M=59,55, SD=20,8 vs.  M=53,70  vs.  SD=21.  Die  Fragebogenerhebung  ergab,  dass  hinsichtlich  des Fernsehverhaltens, der Sportgruppenzugehörigkeit, der Spielzeit im Freien sowie der sportlichen Aktivität innerhalb der Familie die Ergebnisse bei den Kindergartenkindern aus niedrigem sozialen Einzugsgebiet ungünstiger (p<0,05) ausfielen als bei jenen aus hohem sozialen Einzugsgebiet. Diese Studie zeigt, dass sich die motorische Leistungsfähigkeit und die körperliche Aktivität von Kindern im Kindergartenalter aus unterschiedlichen sozialen Einzugsgebieten statistisch bedeutsam unterscheiden. Es erscheint ratsam, vermehrt Bewegungsfördermaßnahmen in  Kindergärten  anzubieten  und  insbesondere  soziale  Brennpunktregionen  zu berücksichtigen.

Schlüsselwörter: Motorische Leistungsfähigkeit, körperliche Aktivität, Kindergartenalter, soziales Einzugsgebiet.

SUMMARY

During  the  last  decades,  a  continuous  decrease  in  physical  activity  and  fitness among  children  and  adolescents  has  been  observed  in  Germany.  The  present study  was  conducted  to  evaluate  the  motor  skills  and  physical  activity  of  preschool-aged children in correlation to their social environment. Method: 172 3-5 year-old children were recruited for the study in 18 nursery schools in Berlin (9 located in a low social environment, 9 in a high social environment). The motor tests comprised jumping, running, flexibility, coordination and balance skills. The physical activity of the children was determined with a parent-questionnaire. Results: Preschool- aged children raised in a low social environment performed worse in three out of four motor tests compared to children from a privileged social environment. In the results of the jumping skills, M=17,58, SD=6,9 vs. M=13,47, SD=6,6, (F(3,9)=16,51; p<0,05; η2=0,09), the stand and reach-test M=5,5, SD=5,0 vs. M=0,78, SD=8,7, (F(3,9)=20,14; p<0,05; η2=0,10) and the ball skills M=15,13, SD=2,1 vs. 16,62, SD=3,1, (F(3,9)=14,28; p<0,05; η2 =0,08) differences between the  two  groups  were  significant  (p<0,05).  There  was  no  significant  difference between  the  two  groups  in  the  standing  long  jump  test  M=59,55,  SD=20,8  vs. M=53,70 vs. SD=21. Pre-school-children from a low social environment were less physically  active  than  their  counterparts  (p<0,05):  Their  TV-consumption  was higher, while their participation in organized sports activities, outdoor-play time and sports activities within the family were lower. Conclusion: The results show that motor skills and physical activity in pre-school-aged children are significantly different due to the social environment. Consequently, prevention programs for children should be implemented more often in nursery schools, with a special focus on socially deprived areas.

Key Words: Motor performance, physical activity, pre-school-aged children, social environment.

EINLEITUNG

Es  ist  unbestritten,  dass  sich  die  kindliche  Bewegungswelt  in  den letzten  Jahrzehnten  in  Industrienationen  wie  Deutschland  einschneidend verändert hat (16) und sich zunehmend häufiger durch Bewegungsarmut  auszeichnet.  Hiervon  scheinen  laut  einer  finnischen  Studie  vermehrt  Jugendliche  mit  niedrigem  Sozialstatus betroffen zu sein (29). Einerseits ist Kindern und Jugendlichen durch kinderfeindliche  Wohnbedingungen  Bewegungsraum  genommen und  andererseits  wird  körperlich  aktives  Freizeitverhalten  zunehmend häufiger durch passiven Medienkonsum ersetzt. So verbringen beispielsweise Berliner Schüler im Durchschnitt drei Stunden täglich vor dem Fernseher (25). Durch eine damit einhergehende Verhäuslichung ist das aktive Spielen im Freien immer unbedeutender geworden. Folglich überrascht es nicht, dass die Untersuchung des Robert - Koch- Instituts (25) ergab, dass gemäß der Richtlinien der Weltgesundheitsorganisation  (30)  sich  nur  40%  der  Jungen  und ein Viertel der Mädchen ausreichend bewegen, obwohl Sport weiterhin  zu  den  beliebtesten  Freizeitbeschäftigungen  zählt  (11).  Anscheinend kann das wachsende Sportengagement die nachlassende Alltagsmotorik  nicht  ausgleichen  (6),  sodass  immer  mehr  Kinder und Jugendliche eine reduzierte körperliche Fitness und motorische Defizite  aufweisen  (6, 7, 12, 14, 15, 17, 33).  Ein Vergleich von 50 Untersuchungen zeigt, dass bei  Kindern  und  Jugendlichen  eine  Leistungsverschlechterung um durchschnittlich 10% in den letzten 20 Jahren erfolgt ist (4). Auch die WIAD- Studie (18) kam zu ernüchternden  Ergebnissen.  So  schnitten  nur  7% der 11- bis 19-Jährigen beim Münchner Fitnesstest  mit  guten,  jedoch  39%  mit  ausreichenden Leistungen ab.
Neben der nachlassenden körperlichen Fitness scheint sich der Bewegungsmangel auch negativ auf die Prävalenz von Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen auszuwirken (9, 15). Die KIGGS- Studie belegt, dass bereits 15% der Kinder in Deutschland übergewichtig sind und somit die Anzahl Übergewichtiger in den letzten 10- 20 Jahren um 50% zugenommen hat. (9).
Besonders betroffen von diesen Problemen sind bekanntermaßen sozial benachteiligte Kinder und Jugendliche (20). Sie schneiden sowohl bezüglich des Übergewichts als auch hinsichtlich der Motorik,  der  Sprachentwicklung  sowie  der  intellektuellen  Entwicklung schlechter ab als Kinder und Jugendliche mit mittlerem oder hohem Sozialstatus (25). Auch die IDEFIKS- Studie und eine Berliner Untersuchung  stellten  bezüglich  der  motorischen  Leistungsfähigkeit signifikante Unterschiede zu Gunsten höherer Schultypen bzw. der höheren  sozialen  Lage  verschiedener  Stadtquartiere  (13, 26)  fest. Andere  Studien  wiederum  (12, 19)  konnten  den  Zusammenhang zwischen  sozialen  Einflussvariablen  und  der  motorischen  Leistungsfähigkeit  nicht  bestätigen.  Mit  der  folgenden  Untersuchung sollte daher geprüft werden, wie es sich mit diesem Sachverhalt im Kindergartenalter verhält, indem anhand einer Querschnittsanalyse in zwei sehr unterschiedlichen sozialen Einzugsgebieten die motorische  Leistungsfähigkeit  und  das  Aktivitätsverhalten  von  Kindergartenkindern evaluiert wurden.

MATERIAL UND METHODE

Mit einer Zwei-Gruppen-Querschnittsanalyse in 18 Berliner Kindergärten  (9  in  Moabit,  9  in  Friedenau)  sollte  untersucht  werden,  ob bereits  im  Kindergartenalter  das  soziale  Einzugsgebiet  einen  Einfluss  auf  die  motorische  Leistungsfähigkeit  und  das  Aktivitätsver -halten hat.
Die zweifach gestufte Zufallsstichprobe bestand aus 172 3- bis 5-jährigen  Kindergartenkindern  (einfache  Zufallsstichprobe),  die aus  zufällig  ausgewählten  Einrichtungen  (Cluster - Stichprobe,  aus der Urliste aller Kindertageseinrichtungen mit öffentlichen Trägern in den beiden Bezirken gezogen) in zwei sozioökonomisch sehr unterschiedlichen Bezirken Berlins kamen.Für die Datenauswertung wurde SPSS 15 verwendet. Als Irrtumswahrscheinlichkeit wurde ein alpha- Niveau von 5% gesetzt. Mögliche Unterschiede zwischen den Gruppen bezüglich motorischer Leistungsfähigkeit  bzw.  Aktivität  wurden  mittels  einfaktorieller Varianzanalysen  (ANOVA)  geprüft.  Bei  den  einzelnen  Items  wurden jeweils die Ergebnisse der Signifikanztests (ANOVA) und ggf. entsprechende Effektgrößen angegeben.
39 Mädchen und 41 Junge (M=3,89 Jahre, SD=0,56) waren aus dem sozial schwachen Einzugsgebiet Moabit und 47 Mädchen und 45  Jungen  (M=4,07  Jahre,  SD=0,52)  aus  dem  sozial  starken  Einzugsgebiet Friedenau). Während die Kinder aus dem sozial starken Einzugsgebiet zu 95% deutscher Herkunft waren, waren es bei den Kindern aus dem sozial schwachen Einzugsgebiet 34%.Für die Datenauswertung wurde SPSS 15 verwendet. Als Irrtumswahrscheinlichkeit wurde ein alpha- Niveau von 5% gesetzt. Mögliche Unterschiede zwischen den Gruppen bezüglich motorischer Leistungsfähigkeit  bzw.  Aktivität  wurden  mittels  einfaktorieller Varianzanalysen  (ANOVA)  geprüft.  Bei  den  einzelnen  Items  wurden jeweils die Ergebnisse der Signifikanztests (ANOVA) und ggf. entsprechende Effektgrößen angegeben.Für die Datenauswertung wurde SPSS 15 verwendet. Als Irrtumswahrscheinlichkeit wurde ein alpha- Niveau von 5% gesetzt. Mögliche Unterschiede zwischen den Gruppen bezüglich motorischer Leistungsfähigkeit  bzw.  Aktivität  wurden  mittels  einfaktorieller Varianzanalysen  (ANOVA)  geprüft.  Bei  den  einzelnen  Items  wurden jeweils die Ergebnisse der Signifikanztests (ANOVA) und ggf. entsprechende Effektgrößen angegeben.
Der Standort der Kindergärten war das Basiskriterium der sozioökonomischen Zuordnung, wobei der Sozialstrukturatlas Berlin (21)  als  Grundlage  der  sozialen  Einordnung  diente.  Mithilfe  einer siebenstufigen sozialen Indexbildung einzelner sozialräumlicher Indikatoren können Aussagen zur sozialen Lage der entsprechenden 447  Berliner  Planungsräume  getroffen  werden.  Nach  dieser  kleinräumigen  Gliederung  ist  die  Stichprobe  aus  dem  sozial  starken Einzugsgebiet  (Friedenau)  der  Verkehrszelle  0611  (zweithöchster Sozialindex) und die Stichprobe aus dem sozial schwachen Einzugsgebiet (Moabit) der Verkehrszelle 0021 (niedrigster Sozialindex) zuzuordnen (Tab.1).

Die  Untersuchung  wurde  von  den  Trägern  der  Kindertagesstätten und deren Leiterinnen genehmigt und die Eltern gaben ihr Einverständnis.
Zur Erfassung der motorischen Leistungsfähigkeit wurde das Karlsruher - Motorik- Screening  für  Kindergartenkinder  (KMS3- 6) (5) und der Tennisballtransport aus dem Motoriktest MOT 4- 6 (34) eingesetzt. Mit diesen standardisierten Testaufgaben (Test - Retest -Koeffizienten liegen zwischen 0,8- 0,9) wurden die motorischen Basisfähigkeiten  Gleichgewicht,  Schnellkraft,  Kondition  und  Beweglichkeit erfasst:
Einbeinstand auf einer T- Schiene: Eine Minute auf einem beliebigen Bein auf der Schiene die Balance halten. Das Spielbein darf den Boden nicht berühren. Es werden die Bodenkontakte des Spielbeins gezählt.
Seitliches  Hin-  und  Herspringen:  Beidbeinig  so  schnell  wie möglich innerhalb von 15 sec seitlich von einer Seite zur anderen über einen Mittelbalken springen. Die Anzahl der Sprünge aus zwei Versuchen wird summiert.
Standweitsprung:  Aus  dem  Stand  so  weit  wie  möglich  beidbeinig nach vorne springen. Gemessen wird der Abstand zwischen der Absprunglinie und der Ferse des hinteren Fußes. Die Messwertaufnahme erfolgt in Zentimetern. Von zwei Versuchen wird der bessere gewertet.
Stand and Reach: Sich auf einem Kasten stehend mit durchgestreckten Knien so weit wie möglich nach unten beugen. Gemessen wird der Abstand zwischen den Fingerspitzen und der Kastenoberkante (= Nullpunkt der Skala, Werte oberhalb der Standfläche sind negativ, Werte unterhalb sind positiv) in cm.
Tennisballtransport: Drei in einem Karton befindliche Tennisbälle nacheinander so schnell wie möglich über eine Distanz von 4 m in einen anderen Karton transportieren. Es wird die Zeit in Sekunden gewertet.
Die Berechnung des Body Mass Index erfolgte anhand der Körpergröße und des Körpergewichts (die Kinder wurden in Sportsachen gewogen).
Des  Weiteren  wurde  eine  schriftliche  Elternbefragung  durchgeführt,  um  das  Aktivitätsverhalten  der  Kinder  außerhalb  des Kindergartens  zu  ermitteln.  In  einer  verkürzten  Form  des  MoMoAktivitätsfragebogens der KIGGS- Studie (8) wurde nach der Sportgruppenzugehörigkeit und der Spielzeit im Freien der Kinder (Stunden pro Woche), dem Fernsehverhalten (Stunden pro Woche) sowie nach der sportlichen Aktivität innerhalb der Familie gefragt. Hierbei wurden  die  Belastungsnormative  Dauer,  Intensität  und  Häufig -keit ermittelt.

Statistik
Für die Datenauswertung wurde SPSS 15 verwendet. Als Irrtumswahrscheinlichkeit wurde ein alpha- Niveau von 5% gesetzt. Mögliche Unterschiede zwischen den Gruppen bezüglich motorischer Leistungsfähigkeit  bzw.  Aktivität  wurden  mittels  einfaktorieller Varianzanalysen  (ANOVA)  geprüft.  Bei  den  einzelnen  Items  wurden jeweils die Ergebnisse der Signifikanztests (ANOVA) und ggf. entsprechende Effektgrößen angegeben.

ERGEBNISSE

Die  Überprüfung  der  motorischen  Leistungsfähigkeit  ergab  folgendes Resultat: Der Einbeinstand auf einer T- Schiene war für die gesamte Stichprobe zu schwierig, sodass die Ergebnisse nicht gewertet wurden. Beim Standweitsprung zeigten sich keine signifikanten Leistungsunterschiede  zwischen  beiden  Gruppen  (F(3,9) =3,51; p>0,05). Stattdessen ergaben sich bezüglich des Seitlichen Hin- und Herspringens (F(3,9) =16,51; p<0,05; η2=0,085) signifikante Unterschiede zugunsten der Kinder aus dem sozial starken Einzugsgebiet (Friedenau).
Ebenso verhielt es sich beim Stand and Reach- Test. Die Kinder aus Friedenau schnitten signifikant besser ab als die Kinder aus dem sozialen Brennpunkt Moabit (F(3,9) =20,14; p<0,05; η2=0,102).
Auch  beim  Tennisballtransport  waren  die  Leistungsunterschiede zwischen beiden Gruppen signifikant (F(3,9) =14,28; p<0,05; η2=0,075). Die Kinder aus Moabit erzielten signifikant schlechtere Leistungen als die Jungen und Mädchen aus dem sozial starken Einzugsgebiet (Tab.2).
Die Ergebnisse bezüglich des Body Mass Index der Kinder ergaben keine signifikanten Unterschiede zwischen beiden Gruppen M=16,43 (SD=1,50) vs. M=16,15 (SD=1,47), (F(3,91) =1,65; p>0,05). Abgesehen  von  einem  geringen  negativen  Zusammenhang  beim Testitem Stand and Reach bei den Jungen aus dem sozial starken Einzugsgebiet zeigte sich bei keinem Testitem ein signifikanter Zusammenhang zwischen Testleistung und BMI.
Grundlage  für  die  Bewertung  des  Aktivitätsverhaltens  der Kinder  waren  74  Elternfragebögen  aus  sozial  schwachem  und  79 aus  sozial  starkem  Einzugsgebiet.  Die  Rücklaufquote  betrug  89% (153  Elternfragebögen  der  172  Kinder).  Die  Auswertung  ergab  signifikante Unterschiede hinsichtlich des Aktivitätsverhaltens zwischen beiden Gruppen zu ungunsten der Kindergartenkinder mit sozial  schwachem  Einzugsgebiet.  Letztere  hatten  einen  höheren Fernsehkonsum  (F(3,91) =46,87;  p<0,05; η2=0,24),  waren  seltener in  Sportgruppen  vertreten  (F(3,91) =22,6;  p<0,05;  η2=0,13)  und verbrachten  weniger  Spielzeit  im  Freien  (F(3,91) =6,37;  p<0,05; η2=0,04) als die Kindergartenkinder aus dem sozial starken Einzugsgebiet.  Auch  hinsichtlich  der  sportlichen  Aktivität  innerhalb  der Familie (F(3,91) =17,36; p<0,05; η2=0,10) ließ sich ein signifikanter Unterschied  zwischen  beiden  Gruppen  zugunsten  der  Kindergartenkinder aus dem sozial starken Einzugsgebiet erkennen (Tab.3).

DISKUSSION

In der aktuellen Berliner Studie haben Kindergartenkinder aus Einrichtungen eines sozial schwachen Einzugsgebiets bei motorischen Testaufgaben wie Seitliches Hin-und Herspringen, Stand and Reach und  Tennisballtransport  signifikant  schlechter  abgeschnitten  als Kindergartenkinder eines sozial starkem Einzugsgebiets. Lediglich beim  Standweitsprung  zeichneten  sich  nur  tendenzielle  Unterschiede zugunsten der Kindergartenkinder aus dem sozial starken Einzugsgebiet  ab.  Diese  Resultate  gehen  sowohl  mit  Ergebnissen der KIGGS- Studie (32) als auch mit zwei internationalen Studien konform, die bei Kindern und Jugendlichen mit niedrigem Sozialstatus  eine  geringere  motorische  Leistungsfähigkeit  nachweisen konnten  (3, 10).  Ebenso  resümieren  auch  Prätorius/Milani  (24), dass bezüglich der Koordinations- und Gleichgewichtsfähigkeit bei 6- 13-Jährigen große Unterschiede darin bestehen, je nachdem ob die SchülerInnen aus sozialschwachen oder sozialstarker Einzugsgebieten kommen.
Während  internationale  Studien  belegen,  dass  ein  niedriger Sozialstatus mit der Prävalenz von Übergewicht assoziiert ist (27, 28), fanden sich bei den Kindergartenkindern der aktuellen Studie keine signifikanten Unterschiede zwischen beiden Gruppen bezüglich des Body Mass Index.
Des Weiteren lassen die Daten erkennen, dass bereits im Kindergartenalter das soziale Einzugsgebiet einen Einfluss auf das Aktivitätsverhalten der Kinder zu haben scheint. So verbrachten die Kindergartenkinder aus Moabit deutlich mehr Zeit vor dem Fernseher (p<0,05) und waren in ihrer Freizeit, egal ob in der Familie, draußen im Freien oder im Verein körperlich weniger aktiv als die Kindergartenkinder aus dem sozial starken Einzugsgebiet (p<0,05), (Tab.2). Auch  andere  Studien  konnten  bei  Kindern  der  Unterschicht  eine Korrelation  zwischen  Fernsehkonsum  und  Bewegungsmangel nachweisen (32). So verbringen beispielsweise Hauptschüler mehr Zeit vor dem Fernseher als Gymnasiasten (23). Im Gegensatz dazu üben Abiturienten im Vergleich zu Hauptschülern doppelt so viele sportliche  Aktivitäten  aus  (2).  Auch  9-  bis  13-jährige  Schüler  in den USA sind laut „CDC Report on pysical activity among children“ deutlich  inaktiver,  wenn  sie  aus  sozial  schwachen  Elternhäusern stammen (22).
Ergebnisse  einer  Hamburger  Studie  belegen,  dass  das  Maß an  sportlichen  Nachmittagsaktivitäten  bei  Grundschulkindern in  Abhängigkeit  von  der  sozialen  Herkunft  sehr  unterschiedlich ausfällt  (19).  So  sind  Kinder  aus  der  Unterschicht  in  Sportvereinen signifikant unterpräsentiert (19, 26, 31). Im Besitz eines Sport- bzw.  Schwimmabzeichens  sind  ebenfalls  deutlich  weniger  Unterschichtskinder als Mittel- und Oberschichtskinder. (19).
Eine  Erklärung  dieser  Phänomene  wird  neben  einer  oftmals geringeren  Auseinandersetzung  mit  der  Kindererziehung  bei  Eltern aus sozial schwachen Einzugsgebieten auch in einer weniger begünstigten Bewegungs- und Spielumwelt dieser Kinder gesehen, was sich in einem inaktiveren Lebensstil äußert (1, 26).
Zusammenfassung: Die aktuellen Ergebnisse geben Hinweise darauf, dass möglicherweise nicht erst im Schul- sondern bereits schon im Kindergartenalter die motorische Leistung und die körperliche Aktivität durch soziale Einflussgrößen mitbestimmt werden. Während dieser Sachverhalt bei älteren Kindern und Jugendlichen mehrfach belegt ist, (3, 10, 23, 32) muss durch weitere Studien mit größeren Kollektiven geprüft werden, ob dies generell auch für das Kindergartenalter zutrifft, wie es die aktuelle Studie gezeigt hat. Es  erscheint  ratsam,  vermehrt  Bewegungsfördermaßnahmen  in Kindergärten anzubieten und dabei insbesondere sozial schwache Einzugsgebiete zu berücksichtigen.

Angaben zu finanziellen Interessen und Beziehungen, wie Patente, Honorare oder Unterstützung durch Firmen: Keine.

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Korrespondenzadresse:
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Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Sportwissenschaft
Philippstr. 13
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