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The German Journal of Sports Medicine is directed to translational science and clinical practice of Sports Medicine and its adjacent fields, which investigate the influence of physical activity, exercise, training and sports, as well as a lack of exercise affecting healthy people and patients of all age-groups. It addresses implications for prevention, diagnosis, therapy, rehabilitation and physical training as well as the entire Sports Medicine and research in sports science, physiology and biomechanics.

The Journal is the leading and most widely read German journal in the field of Sports Medicine. Readers are physicians, physiologists and sports scientists as well as physiotherapists, coaches, sport managers, and athletes. The journal offers to the scientific community online open access to its scientific content and online communication platform.

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Sportmedizin
ANTI-DOPING
KOMMENTARE/LESERBRIEFE/STELLUNGNAHMEN

Die Verantwortung der Sportmedizin im Leistungssport

KOMMENTAR

Die Verantwortung der Sportmedizin im Leistungssport
Kommentar  zum  Editorial  „Doping  im  Leistungssport  in  Westdeutschland“ (Stellungnahme der deutschen Hochschullehrer und des  Wissenschaftsrates  der  DGSP),  Dtsch  Z  Sportmed  62  (2011) 343.
Die Diskussion um eine konsensfähige Stellungnahme der Hochschullehrer der deutschen Sportmedizin zum Thema Doping hat gezeigt,  dass  sich  die  Sportmedizin  ihrer  diesbezüglichen  Verantwortung bewusst ist (11). Es muss aber die Frage erlaubt sein, warum  erst  jetzt?  Warum  hat  man  sich  nicht  bereits  früher  mit verschiedenen  Studien  kritisch  auseinander  gesetzt?  Der  wissenschaftlichen  Öffentlichkeit  sind  die  Anabolikastudien,  die jetzt verurteilt werden, seit langem zugänglich und den meisten auch bekannt.
Eine weitere Frage bleibt offen. Warum diese plötzliche Eile, obwohl durchaus noch Diskussionsbedarf bestand? Die Stellungnahme der Hochschullehrer bezieht sich u.a. auf die vom DOSB und Bundesinstitut für Sportwissenschaft in Auftrag gegebene Studie „Doping in  Deutschland  von  1950  bis  heute  aus  historisch-soziologischer Sicht  im  Kontext  ethischer  Legitimation“.  Die  Ergebnisse  für  den Zeitraum der 1970er und 1980er Jahre wurden am 27.9.2011 in Berlin und bei einem Pressegespräch, das einen Tag vorher stattfand, vorgestellt. Vorab hatte bereits der „Spiegel“ berichtet. Eine Analyse durch  den  wissenschaftlichen  Projektbeirat  war  zu  diesem  Zeitpunkt  noch  nicht  erfolgt.  Aus  meiner  Sicht  wäre  eine  gründliche Aufarbeitung  und  nachfolgende  Stellungnahme  nach  Vorlage  der schriftlichen Fassung dienlicher gewesen, als übereilt auf Berichte und Kommentare in den Medien zu reagieren.
Bei allen kritischen Einlassungen darf die wissenschaftliche Datenlage (nicht die veröffentlichte Meinung) zum jeweiligen Zeitpunkt nicht unberücksichtigt bleiben. Ich habe darauf bereits an anderer Stelle im Vorfeld der Diskussion um die Stellungnahme der Hochschullehrer  hingewiesen  und  werde  im  Folgenden  einige  dieser Ausführungen wiederholen.
Die 1970er Jahre waren geprägt durch eine wissenschaftliche Diskussion über Wirkungen und Nebenwirkungen der anabolen Steroide bei gesunden Sportlern. Die Wirkungen wurden von einigen Wissenschaftlern infrage gestellt. Auf einem Symposium der MaxPlanck-Gesellschaft  1977  bestritten  führende  Endokrinologen und  Grundlagenforscher  einen  leistungssteigernden  Effekt  und sprachen von einem Scheinproblem. Sie schlugen breit angelegte Untersuchungen vor, bei denen Sportler mit und ohne Anabolika über längere Zeit medizinisch beobachtet werden sollten. Bereits in  den  1960er  Jahren  waren  Nebenwirkungen  der  Anabolika  bekannt,  aber  diese  Studien  waren  Tierexperimente  oder  beinhalteten Befunde, die an Patienten erhoben worden waren. Ab Mitte der 1960er Jahre wurde eine Reihe von Studien über Wirkungen und Nebenwirkungen von Anabolika bei Gesunden, meist Sportlern, in renommierten internationalen Zeitschriften wie beispielsweise Journal of Applied Physiology 1965 (3), Science 1969 (7), British Medical Journal 1975 (4), The Lancet 1976 (5), Clinical Science 1981 (6) publiziert. Die Probanden waren nicht immer eindeutig charakterisiert  (Gewichtheber,  gut  trainierte  Athleten,  „athletic men“). Verwendet wurde in den meisten Studien Methandienon. Die tägliche Dosierung betrug 10 bis 25mg und in zwei Studien sogar 100mg. Die Befunde hinsichtlich einer Zunahme der Muskelkraft waren unterschiedlich. Die Nebenwirkungen (Beschwerden, Blutdruck, Leberwerte) wurden von keine Nebenwirkungen bis hin zum Verschwinden nach Absetzen des Anabolikums beschrieben.Bemerkenswert  ist  ein  Zitat  aus  einer  Publikation  aus  dem  Jahr 1988 (10): „Some investigators have suggested that the hazards of anabolic steroids may be overstated in the diseased population and are minimal or absent in healthy subjects. Yet, many questions are unanswered. Current data do not link life-threatening side effects with intermittent use of anabolic steroids. However, many concerns remain.“ Ich teile diese Ansicht nicht, weil ich meine, dass zu diesem Zeitpunkt die gesundheitlichen Risiken ausreichend bekannt waren. Man hat auch den Eindruck, dass in den meisten Studien die  Nebenwirkungen  eher  am  Rande  beschrieben  und  diskutiert wurden.  Andererseits  weist  diese  Publikation  darauf  hin,  dass auch 1988 noch kein wissenschaftlicher Konsens bestanden hat.In den 1980er Jahren kam ein weiteres Problem hinzu. Die These von einer angeblich notwendigen Substitution mit Testosteron insbesondere in Ausdauersportarten wurde verbreitet. Es wurde spekuliert, damit seien kürzere Regenerationszeiten und höhere Trainingsbelastungen möglich. Das war Anlass zur Durchführung einer multizentrischen, vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft bewilligten Studie, die diese Behauptungen wissenschaftlich überprüfen sollte. Ich habe mich mit meinem Institut an diesem Projekt beteiligt, da ich überzeugt war, dazu beitragen zu können, die bisherigen Behauptungen zu widerlegen und damit das Hineindriften von Testosteron in die Ausdauersportarten zumindest zu bremsen. In das Saarbrücker  Teilprojekt  wurden  keine  Kadersportler  eingeschlossen. In der internationalen Literatur der letzten 20 Jahre existieren mehrere Testosteronstudien, beispielsweise publiziert in The New England Journal of Medicine 1996 (2) oder JAMA 1999 (9). Besonders  erwähnenswert  ist  eine  Studie  aus  dem  Doping analyselabor Lausanne, veröffentlicht 2006 (1). In dieser Studie wurde ebenfalls der Einfluss von Testosteron auf Ausdauer und Regeneration untersucht. Es konnte kein Effekt nachgewiesen werden.
Die gegenwärtigen Diskussionen haben gezeigt, dass Studien mit Dopingsubstanzen  als  problematisch  und  sogar  a  priori  negativ betrachtet werden, insbesondere wenn sie von im Leistungssport tätigen  Sportmedizinern  durchgeführt  werden.  Deshalb  sollten verbindliche Richtlinien festgelegt werden, um gar nicht erst den Verdacht  von  Interessenkonflikten  aufkommen  zu  lassen.  Daher begrüße  ich  ausdrücklich  die  Erarbeitung  einer  „Conflict  of  Interest Policy“. Allerdings wird man auf sportmedizinisches Knowhow  nicht  verzichten  können.  Analoges  gilt  auch  für  die  Mitgliedschaft von leistungssportlich erfahrenen Sportmedizinern in Gremien der Sportverbände und Anti-Doping-Organisationen. Wer Sitzungen  solcher  Gremien  kennt,  wird  festgestellt  haben,  dass spezifisches  Wissen  um  die  Gegebenheiten  der  leistungssportlichen  Praxis  erforderlich  ist,  will  man  sachgerechte  Entscheidungen herbeiführen.
Überflüssig in der Stellungnahme der Hochschullehrer, weil missverständlich,  ist  die  Bemerkung,  „dass  Dopingmethoden  zur  Zeit der politischen Blockkonfrontation von der Politik teilweise gefordert und auch finanziell unterstützt wurden“. Selbst wenn man das so empfunden haben sollte, bleibt die ärztliche Verantwortung, die einem keiner abnehmen kann.
Ich habe bereits 1987 in einem Editorial in dieser Zeitschrift von einem  Bermuda-Dreieck  des  Hochleistungssports  gesprochen: Kommerzialisierung  –  Wettkampfinflation  –  Doping  (8).  Die  Tätigkeit im Hochleistungssport ist ein sensibles Feld und stellt besondere Anforderungen an den Sportmediziner. Ich hatte damals geschrieben, dass die Gefahr, in diesem Dreieck als Medizinmann verschlissen  zu  werden,  nicht  unerheblich  ist.  Deshalb  darf  man sich,  von  wem  auch  immer,  nicht  vereinnahmen  lassen.  Bemerkungen über Einflüsse außerhalb der Medizin sind in diesem Zusammenhang  nicht  dienlich,  auch  wenn  im  nachfolgenden  Satz eine  Rechtfertigung  vor  diesem  Hintergrund  verneint  wird.  Auf eine Nachteilvermeidungsstrategie, wie von Historikern des oben genannten  aktuellen  Forschungsprojekts  diskutiert,  sollten  sich ärztlich tätige Sportmediziner nicht berufen.
Die Stellungnahme der Hochschullehrer betont, dass eine qualifizierte medizinische Betreuung im Wettkampfsport zu den Aufgaben der universitären Sportmedizin gehört. Dem schließe ich mich uneingeschränkt an. Zweifellos hat dabei die Gesundheit oberste Priorität. Darüber hinaus können Athletinnen und Athleten erwarten, sportmedizinisch so betreut zu werden, dass sie im Wettkampf jene Leistung erreichen, zu der sie aufgrund ihres Talents und ihres Trainings befähigt sind. Dazu gehören beispielsweise leistungsphysiologische  Maßnahmen  wie  Leistungsdiagnostik  und  Trainingssteuerung. Die medizinische Betreuung von Leistungssportlern gehört zu den Kernkompetenzen der Sportmedizin. Allerdings sollte man  sich  –  insbesondere  materielle  –  Unabhängigkeit  bewahren und darf sich nicht instrumentalisieren lassen. Hauptamtliche Tätigkeiten im Leistungssport sind deshalb abzulehnen. Sportmedizin ist viel mehr als nur Leistungssport!

LITERATUR

  1. Baume N, Schumacher YO, Sottas PE, Bagutti C, Cauderay M, Mangin P, Saugy M: Effect of multiple oral doses of androgenic anabolic steroids on endurance performance and serum indices of physical stress in healthy male subjects. Eur J Appl Physiol 98 (2006) 329-340.
  2. Bhasin S, Storer TW, Bermann N, Callegari C, Clevenger B, Phillips J, Bunnel TJ, Tricker R, Shirazi A, Casaburi R: The effects of supraphysiologic doses of testosterone on muscle size and strength in normal men. N Engl J Med 335 (1996) 1-7.
  3. Fowler WM, Gardner GW, Egstrom GH: Effect of an anabolic steroid on physical performance of young men. J Appl Physiol 20 (1965) 1038-1040.
  4. Freed DL, Banks AJ, Longson D, Burley DM: Anabolic steroids in athletics: crossover double-blind trial on weightlifters. Br Med J 2 (1975) 471-473.
  5. Hervey GR, Hutchinson I, Knibbs AV, Burkinshaw L, Jones PRM, Norgan NG, Levell MJ: „Anabolic“ effcts of methandienone in men undergoing athletic training. Lancet 2 (1976) 699-702.
  6. Hervey GR, Knibbs AV, Burkinshaw L, Morgan DB, Jones PR, Chettle DR, Vartsky D: Effects of methandienone on the performance and body composition of men undergoing athletic training. Clin Sci 60 (1981) 457-461.
  7. Johnson LC, O’Shea JP: Anabolic steroid: effcts on strength development. Science 164 (1969) 957-959.
  8. Kindermann W: Editorial. Dtsch Z Sportmed 38 (Sonderheft 1987) 3.
  9. King DS, Sharp RL, Vukovich MD, Brown GA, Reifenrath TA, Uhl NL, Parsons KA: Effct of oral androstenedione on serum testosterone and adaptations to resistance training in young men: a randomized controlled trial. JAMA 281 (1999) 2020-2028.
  10. Windsor RE, Dumitru D: Anabolic steroid use by athletes. How serious are the health hazards? Postgrad Med 84 (1988) 37-38, 41-43, 47-49.
  11. Wissenschaftsrat der DGSP: Doping im Leistungssport in Westdeutschland. Stellungnahme der Hochschullehrer der deutschen Sportmedizin. Dtsch Z Sportmed 62 (2011) 343-344.
Korrespondenzadresse:
Prof. Dr. Wilfried Kindermann
Institut für Sport-und Präventivmedizin
Universität des Saarlandes
66123 Saarbrücken
E-Mail: w.kindermann@mx.uni-saarland.de
 
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