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The German Journal of Sports Medicine is directed to translational science and clinical practice of Sports Medicine and its adjacent fields, which investigate the influence of physical activity, exercise, training and sports, as well as a lack of exercise affecting healthy people and patients of all age-groups. It addresses implications for prevention, diagnosis, therapy, rehabilitation and physical training as well as the entire Sports Medicine and research in sports science, physiology and biomechanics.

The Journal is the leading and most widely read German journal in the field of Sports Medicine. Readers are physicians, physiologists and sports scientists as well as physiotherapists, coaches, sport managers, and athletes. The journal offers to the scientific community online open access to its scientific content and online communication platform.

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Sportmedizin
ORIGINALIA
KOPFVERLETZUNGSRISIKO AUF DER SKIPISTE

Risikofaktoren von Kopfverletzungen auf österreichischen Skipisten

Risk Factors of Head Injuries on Austrian Ski Slopes

ZUSAMMENFASSUNG

Epidemiologische Daten aus Österreich und Deutschland zeigen, dass rund 10% aller  Skiverletzungen  den  Kopfbereich  betreffen.  Das  Tragen  eines  Skihelmes kann  jedoch  das  Risiko  einer  Kopfverletzung  um  bis  zu  60%  reduzieren,  wie verschiedene internationale Studien berichten.
Um  Kopfverletzungen  im  alpinen  Freizeitskilauf  präventiv  vorzubeugen,  ist  es notwendig,  potentielle  Risikofaktoren  zu  evaluieren,  die  zu  Kopfverletzungen führen  können.  Die  vorliegende  Untersuchung  wurde  als  Fall-KontrollStudie  konzipiert.  Dabei  wurden  Wintersportler  mit  Kopfverletzungen  und Wintersportler  mit  anderen  Verletzungslokalisationen  in  vier  österreichischen Skigebieten  in  der  Saison  2008/2009  verglichen.  In  die  Auswertung  gelangten nur  Unfälle  von  Skifahrern  und  Snowboardern,  die  in  einen  Sturz  oder  eine Personenkollision  verwickelt  waren  und  zu  denen  die  Pistenrettung  zu  Hilfe gerufen wurde. Das Risiko (adjustiertes Odds Ratio) einer Kopfverletzung ist bei einer Personenkollision um das 4,15-fache, in einem Funpark um das 1,69-fache, an  Vormittagen  um  das  1,43-fache,  bei  Männern  um  das  1,41-fache,  mit  einem Snowboard um das 1,41-fache, und an Wochenenden um das 1,38-fache erhöht. Das Tragen eines Helmes verringert das Kopfverletzungsrisiko signifikant um 28%. Zudem zeigt sich ein signifikant reduziertes Risiko einer Kopfverletzung in zwei der  untersuchten  Skigebiete.  Um  das  Kopfverletzungsrisiko  im  Freizeitskilauf möglichst  gering  zu  halten,  gilt  es  daher  die  verschiedenen  Risikofaktoren  zu beachten, das individuelle Verhalten auf der Piste darauf einzustellen und einen Skihelm zu tragen.

Schlüsselwörter: Alpiner Skilauf, Kopfverletzung, Risikofaktoren, Skihelm

SUMMARY

Epidemiological data from Austria and Germany demonstrate that head injuries account for about 10% of all skiing injuries. In alpine skiing, the use of helmets reduces the risk of head injuries up to 60% as shown in various studies.To prevent head injuries in recreational skiing and snowboarding, the evaluation of  potential  risk  factors  for  head  injuries  is  of  utmost  importance.  Therefore,  a case  control  study  was  conducted  using  ski  patrol  injury  reports  of  4  Austrian ski areas in the winter season 2008/2009. Only skiers and snowboarders involved in falls and collisions with other persons have been included. Persons with head injuries  were  compared  with  persons  with  other  injury  locations.  A  logistic regression  model  revealed  the  following  conditions  as  independent  risk  factors for head injuries in recreational skiers and snowboarders: collisions vs. falls (odds ratio, OR: 4.15), snowparks vs. slopes (OR: 1.69), before noon vs. afternoon (OR: 1.43), male vs. female gender (OR: 1.43), snowboarding vs. skiing (OR: 1.41), and weekends vs. during the week (OR: 1.38). Helmet use was associated with a 28% reduction in the risk for head injury (OR: 0.72). Additionally, two ski areas showed a reduced head injury risk. In conclusion, several risk factors increase the risk of head injuries and wearing a helmet is associated with a reduced risk of head injury among recreational skiers and snowboarders. Therefore, skiers and snowboarders should consider these risk factors and wear ski helmets.

Key Words: Alpine skiing, head injury, risk factors, helmet use

EINLEITUNG

Jährlich wiederkehrend wird die mediale Berichterstattung in den Wintermonaten  von  Skiunfällen  mit  schweren  Kopfverletzungen, zum Teil mit Todesfolge, beherrscht. Ebenso regelmäßig wird in Österreich eine Helmpflicht für Kinder unter 15 Jahren diskutiert, wie es sie in Italien seit dem 01.01.2005 gibt. Während das Land Niederösterreich aufgrund mehrerer tödlicher Skiunfälle in der Wintersaison 2008/2009 bereits  eine  Helmpflicht  mit  März  2009  implementierte,  führten  die anderen Bundesländer - mit Ausnahme von Tirol und Vorarlberg - eine Helmpflicht für unter 15-Jährige mit der Wintersaison 2009/2010 ein.
Die Österreichischen Skipisten werden jährlich von rund 8 Millionen  Wintersportlern  bevölkert,  wobei  die  Verletzungsrate  unter  2 Verletzte  pro  1000  Skitage  liegt  [5, 6].  Dabei  stellt  das  Knie  mit  rund einem Drittel aller Verletzungen die dominante Verletzungslokalisation dar [4, 5, 6, 23]. Der Anteil an Verletzungen im Kopfbereich beträgt in Österreich und Deutschland in den letzten Jahren ca. 10% [5, 6, 10, 24;, 26]. Dabei weisen Kinder im Skilauf eine doppelt so hohe Inzidenz von Kopfverletzungen auf wie andere Altersklassen [8, 17]. Kopfverletzungen gelten nach Herz-Kreislauf-Versagen als eine der Hauptursachen bei Todesfällen auf der Skipiste [15, 27], besonders auch bei Kindern [30]. Internationale Studien zeigen, dass das Tragen eines Helmes das Risiko einer leichten bzw. mittelschweren Kopfverletzung deutlich reduziert [13, 18, 29]. Der präventive Effekt eines Skihelmes scheint jedoch bei schweren und schwersten Kopfverletzungen eingeschränkt, da die Anzahl der tödlichen Kopfverletzungen in den USA trotz steigender Helmtragequote konstant blieb [27]. Skihelme, die herkömmlichen Industriestandards entsprechen, sind nur für einen Aufprall bis ca. 22 km/h konstruiert, sodass bei Stürzen und Kollisionen mit höheren  Geschwindigkeiten  nur  ein  bedingter  Schutz  gewährleistet  ist [19, 28]. Zum Vergleich, die Durchschnittsgeschwindigkeit von Skiläufern und Snowboardern liegt in Studien bei rund 45 km/h [21, 28].
Um  geeignete  Präventivmassnahmen  zur  Unfallverhütung von Kopfverletzungen initiieren zu können, gilt es in einem ersten Schritt,  potentielle  Risikofaktoren  zu  eruieren.  Dies  geschieht  in vorliegender  Studie  anhand  der  Unfalldaten,  die  im  Rahmen  der Österreichischen Skiunfallerhebung 2008/2009 erhoben wurden.

METHODIK

Die  vorliegende  Untersuchung  wurde  als  Fall-Kontroll-Studie  konzipiert.  Dabei  wurden  Wintersportler  mit  Kopfverletzungen  und  Wintersportler mit anderen Verletzungslokalisationen in vier repräsentativen Skigebieten verglichen. In die Auswertung gelangten nur Unfälle von Skifahrern und Snowboardern, die in einen Sturz oder eine Personenkollision verwickelt waren und zu denen die Pistenrettung zu Hilfe gerufen wurde.
Folgende Faktoren wurden von den Pistenrettern bei Wintersportlern  mit  einer  Kopfverletzung  und  bei  solchen  mit  anderen Verletzungslokalisationen erfasst:

  1. Personenbezogene  Faktoren  wie  Geschlecht,  Alter  (kleiner  15 Jahre vs. größer/gleich 15 Jahre), Herkunft (Österreich vs. Ausland) und Skigebiet;
  2. Unfallrelevante  Faktoren  wie  Unfalllokalisation  (im  Funpark vs. auf der Piste), Unfallursache (Kollision vs. Sturz), Unfallzeit (Vormittag  vs.  Nachmittag),  Unfalltag  (Samstag/Sonntag  vs. Montag-Freitag);
  3. Ausrüstungsfaktoren  wie  das  verwendete  Sportgerät  (Snowboard vs. Ski) und ob ein Helm getragen wurde;
  4. Umweltfaktoren wie Steilheit der Piste (blau, rot oder schwarz), Pistenbreite  (<  20  m  vs.  >  20  m),  Schneebedingungen  (Neuschnee, griffig, eisig, sulzig/weich) und Sichtbedingungen (sonnig vs. schlechte Sicht).

Der Erhebungszeitraum erstreckte sich von Dezember 2008 bis Ende April  2009.  Verletzungen  im  Kopfbereich  beinhalteten  dabei  sowohl Gesichts-  als  auch  Schädelverletzungen.  Es  erfolgte  keine  weitergehende Differenzierung nach dem Schweregrad der Verletzung.

Statistik
Die Daten werden als absolute oder relative Häufigkeiten dargestellt. Altersunterschiede  zwischen  Wintersportlern  mit  Kopfverletzungen und  Wintersportlern  mit  anderen  Verletzungslokalisationen  wurden mittels  Mann-Withney-U-Test  geprüft.  Die  Prüfung  von  Häufigkeitsunterschieden der erhobenen Parameter beider Gruppen erfolgte anhand von Chi-Quadrat-Tests.
Entsprechend  der  Ergebnisse  dieser  Analyse  wurden  Faktoren mit p<0, 2 zusätzlich mit einer stufenweise vorwärtsgerichteten logistischen Regressionsanalyse zur Berechnung adjustierter Odds-Ratios (OR) und deren 95% Vertrauensintervalle (CI) evaluiert. P-Werte <0, 05 werden als statistisch signifikant angesehen.

ERGEBNISSE

In der Saison 2008/2009 wurden in vier Skigebieten 2908 verletzte Skifahrer und Snowboarder (49, 9% Männer und 50, 1% Frauen; Durchschnittsalter: 35,3 +/- 16,1 Jahre) erfasst, die in einen Sturz oder  eine  Personenkollision  verwickelt  waren.  Als  Unfallursache tabelle 1:Prüfung von Häufigkeitsunterschieden mittels Chi-QuadratTest von personenbezogenen und unfallrelevanten Risikofaktoren bei Wintersportlern mit Verletzungen im Kopfbereich.galten in 92% der Fälle der selbstverschuldete Einzelsturz und zu 8% Personenkollisionen. Eine Kopfverletzung zogen sich insgesamt 278 Wintersportler oder 9,6% aller Verunfallten zu. Wintersportler mit einer Kopfverletzung unterschieden sich hinsichtlich des Alters nicht signifikant von der Kontrollgruppe (35,1 +/- 17,8 vs. 35,3 +/- 15,9 Jahre, p>0,05).

Gesamt trugen 50,7% aller Verletzten einen Helm (51,5% Männer vs. 50,2% Frauen; p>0,05). Wintersportler, die jünger als 15 Jahre waren, trugen häufiger einen Skihelm als ältere Skifahrer und Snowboarder (77,7% vs. 47,2%; OR: 3,9; CI: 2,9-5,1).
In  Tabelle  1  werden  Häufigkeitsunterschiede  zwischen  Wintersportlern  mit  Kopfverletzungen  und  solchen  mit  anderen  Verletzungslokalisationen hinsichtlich personenbezogener und unfallrelevanter  Faktoren  dargestellt.  Bezüglich  der  Alterseinteilung  in unter und über 15 Jahre zeigt sich kein signifikanter Unterschied im Kopfverletzungsrisiko (p>0,05). Mehr Männer als Frauen und mehr Einheimische als ausländische Skigäste zogen sich eine Kopfverletzung  zu  (p <0,02).  Die  Kopfverletzungsrate  differiert  signifikant zwischen  den  Skigebieten  (p <0,01).  Kopfverletzungen  treten häufiger in einem Funpark auf als auf der Skipiste, häufiger bei Personenkollisionen als bei selbstverschuldeten Stürzen, eher am Vormittag als am Nachmittag sowie häufiger am Wochenende als unter der Woche auf (p <0,005).


Tabelle  2  zeigt  die  Häufigkeitsunterschiede  hinsichtlich Ausrüstungs- und Umweltfaktoren. Signifikant mehr Snowboarder  als  Skifahrer  zogen  sich  eine  Kopfverletzung  zu  (12  vs.  9%; p <0,03).  Bei  Kopfverletzungen  wurde  nicht  signifikant  (p >0,1) seltener ein Helm getragen als bei anderen Verletzungen (46 vs. 51%).
Während die Steilheit und Breite der Piste sowie die Schneebedingungen  keine  Auswirkungen  auf  das  Kopfverletzungsrisiko zeigten, zogen sich signifikant mehr Wintersportler ihre Kopfverletzung bei Sonnenschein im Vergleich zu schlechten Sichtbedingungen zu (11 vs. 8%; p<0,005).
In  das  Regressionsmodell  wurden  daher  Geschlecht,  Herkunft,  Skigebiet,  Unfalllokalisation,  Unfallursache,  Unfallzeit, Unfalltag, Sportgerät, Helm und Sichtbedingungen (p <0,2) miteinbezogen. Tabelle 3 zeigt das Ergebnis der logistischen Regressionsanalyse.  Es  konnten  insgesamt  8  unabhängige  Risikofaktoren identifiziert werden. Das Risiko einer Kopfverletzung ist bei einer Personenkollision um das 4,15-fache, in einem Funpark um das 1,69-fache, an Vormittagen um das 1,43-fache, bei Männern um das 1,41-fache, mit einem Snowboard um das 1,41-fache und an  Wochenenden  um  das  1,38-fache  erhöht.  Das  Tragen  eines Helmes verringert das Kopfverletzungsrisiko signifikant um 28%. Zudem zeigt sich ein signifikant reduziertes Risiko einer Kopfverletzung in zwei der untersuchten Skigebiete. Herkunft und Sichtbedingungen stellen keine unabhängigen Risikofaktoren dar.

DISKUSSION

Ziel dieser Studie war es, potentielle Risikofaktoren von Kopfverletzungen bei Wintersportlern zu eruieren. Das Ergebnis der Regressionsanalyse weist 8 unabhängige Risikofaktoren aus. Das  Risiko  einer  Kopfverletzung  ist  signifikant  erhöht  bei  einer Personenkollision, im Funpark, am Vormittag, bei Männern, bei Snowboardern, am Wochenende, in bestimmten Skigebieten sowie bei Verzicht auf einen Skihelm.
In Übereinstimmung mit anderen Studien aus Österreich und Deutschland [6, 10, 24, 26] liegt die Kopfverletzungsrate in der vorliegenden  Untersuchung  bei  rund  10%,  wodurch  eine  valide  Datenbasis  gewährleistet  ist.  Der  Anteil  der  Personenkollisionen  an der Gesamtzahl der Skiverletzungen hat sich seit einigen Jahren in Österreich bei ca. 10% eingependelt [6, 24]. In Deutschland liegt die Zahl von Kollisionsunfällen bei rund 1,25 Verletzten pro 1000 Skifahrer [10].
Untersuchungen  berichten,  dass  zwischen  10  und  20%  der Kopfverletzungen durch eine Personenkollision verursacht werden  [12, 18].  Unser  Ergebnis  zeigt,  dass  in  25%  aller  Kollisionsunfälle mit anderen Wintersportlern eine Kopfverletzung resultiert, während dies nur in 8% der Einzelstürze der Fall ist. Hagel et al. [13] berichten sogar von 50% der Wintersportler, die sich ihre Kopfverletzung nach einem Aufprallunfall (Baum, Mast etc.) oder einer Personenkollision bzw. nach einem Sprung zugezogen haben. Das Risiko, sich eine Kopfverletzung bei einer Personenkollision zuzuziehen, ist in unserer Studie im Vergleich zu einem selbstverschuldeten  Sturz  um  das  4-fache  erhöht.  Eine  französische Studie [2] berichtet von einer 3,25-fach erhöhten Inzidenz von Kopfverletzungen bei Kollisionsunfällen. Burtscher et al. [7] zeigen,  dass  sich  „Opfer“  von  Personenkollisionen  häufiger  und schwerer verletzen als die „Verursacher“, da bei einem unerwarteten Zusammenprall keine rechtzeitige bzw. zweckmäßige Reaktion mehr möglich ist.
Insgesamt 4,4% aller Wintersportler in dieser Studie verletzten sich in sogenannten Fun- oder Snowparks, die mit Sprüngen, Halfpipes und anderen Geländeformen ausgestattet sind. Dieses Ergebnis ist vergleichbar mit Studien aus Frankreich und Norwegen,  wo  sich  2,8%  [1]  bzw.  4%  [9]  der  Wintersportler  in  einem Snowpark verletzten. Im Vergleich zu Verletzungen auf der Piste scheint die Schwere der Verletzungen in Fun- und Snowparks erhöht zu sein [1, 11]. Unser Ergebnis zeigt insgesamt ein 1,7-fach erhöhtes  Kopfverletzungsrisiko  in  einem  Funpark.  Dies  stimmt in etwa mit der Untersuchung von Goulet et al. [11] überein, in der Skifahrer ein 1,4-fach erhöhtes Risiko einer Kopfverletzung in Funparks aufweisen. Greve et al. [12] stellen zudem fest, dass das Risiko einer Kopfverletzung in Funparks erhöht ist, unabhängig davon, ob ein Helm getragen wird. Dies ist vermutlich mit einer größeren  Anzahl  an  Sprüngen  in  und  über  die  verschiedenen künstlichen Geländeformen sowie einem damit erhöhten Sturzrisiko zu erklären.
In Übereinstimmung mit anderen Studien zeigen Männer ein erhöhtes Risiko einer Kopfverletzung [5, 13, 18]. Während in der Untersuchung von Levy et al. [15] Männer ein 2,2-fach höheres Kopfverletzungsrisiko haben, weist unser Ergebnis ein 1,4-fach erhöhtes Risiko auf. Dies könnte auf eine höhere Risikobereitschaft und daraus resultierend auf eine rasantere Fahrweise von Männern [3, 21] bzw. auf eine defensivere Fahrweise bei Frauen [6] zurückzuführen sein. So gelten beispielsweise Männer zu 80% und nur zu 20% Frauen als Verursacher einer Personenkollision [7].Snowboarder haben in unserer Studie ein 1,4-fach höheres Risiko als Skifahrer, sich eine Kopfverletzung zuzuziehen. Zum Vergleich, Levy  et  al.  [15]  berichten  von  einem  3-fach  höheren  Kopfverletzungsrisiko beim Snowboarden. Ein möglicher Grund dafür ist der höhere Prozentsatz an Snowboardern in Funparks [1], wo Sprünge und waghalsige Kunststücke das Verletzungsrisiko erhöhen [1, 11]. Gleichzeitig gelten Sprünge beim Snowboarden deutlich häufiger als Verletzungsursache als beim Skifahren (26 vs. 6%) [25].
Während  die  Mehrzahl  der  Skiverletzungen  am  Nachmittag stattfindet [24], scheint dies nicht auf Kopfverletzungen zuzutreffen.  Ähnliches  gilt  für  Knieverletzungen  von  weiblichen  Skifahrern, die häufiger am Vormittag auftreten [4]. Unser Ergebnis zeigt ein  1,4-fach  erhöhtes  Risiko,  sich  die  Kopfverletzung  am  Vormittag zuzuziehen. Ein Grund dafür könnten die härteren Pisten am Vormittag  sein.  Hingegen  scheint  die  oftmals  zitierte  Ermüdung am  späten  Nachmittag  [14]  als  Grund  für  Kopfverletzungen  eine untergeordnete Rolle zu spielen. Ein 1,4-fach erhöhtes Risiko einer Kopfverletzung besteht zudem am Wochenende, wenn sich mehr Wintersportler auf den Pisten befinden [6].
Unsere  Studie  zeigt  eine  Abhängigkeit  des  Kopfverletzungsrisikos  von  den  jeweiligen  Skigebieten.  Unterschiedliche  Pistengestaltung und Pistenpräparation sowie das Vorhandensein eines Funparks sind möglicherweise für dieses Ergebnis verantwortlich.
Das Tragen eines Skihelmes verringert das Risiko einer Kopfverletzung in unserer Untersuchung signifikant um 28%. Internationale Studien zeigen ein zwischen 15-60% verringertes Kopfverletzungsrisiko, wenn ein Helm getragen wird [13, 18, 29].
Die Differenzen in den Odds Ratios der verschiedenen Studien sind zum Teil auf die Art der Kontrollgruppe (Skifahrer mit Verletzungen unterhalb  des  Kopfes  bzw.  unverletzte  Skifahrer)  zurückzuführen [16, 18]. So liegt der Gesamtprozentsatz an Helmträgern in unserer Studie bei rund 51%, während Daten von über 2000 unverletzten Wintersportlern,  die  im  März  2009  auf  Tiroler  Skipisten  erhoben wurden, eine Helmrate von 63% aufweisen [22]. Daher könnte die tatsächliche Risikoreduktion bei Tragen eines Helmes noch höher ausfallen. Dies zeigen auch Sulheim et al. [29], die beim Vergleich von  Kopfverletzten  mit  einer  unverletzten  Kontrollgruppe  eine Reduktion  des  Kopfverletzungsrisikos  um  60%  und  beim  Vergleich mit Wintersportlern mit anderen Verletzungslokalisationen eine  Reduktion  des  Verletzungsrisikos  um  55%  berechnet  haben. Gleichzeitig stellte Sulheim et al. [29, 26] in einer Befragung von 700 unverletzten Kontrollpersonen fest, dass risikobereite Wintersportler öfter einen Helm tragen, wodurch der tatsächliche Helm-Effekt höher einzuschätzen ist als der berechnete.
In den letzten Jahren konnte ein kontinuierlicher Anstieg in der Helmtragequote  beobachtet  werden.  Schätzungen  zufolge  liegt  im deutschsprachigen  Alpenraum  die  Helmtragequote  von  Erwachsenen bei rund 60% [20, 22]. Dieser erfreuliche Trend ist möglicherweise auf zahlreiche Helmkampagnen in den verschiedenen Alpenländern, aber auch auf die öffentliche Diskussion, besonders bei prominenten Unfallopfern, zurückzuführen. So zeigen unsere Daten einen hoch signifikanten Zuwachs der Helmtragequote bei verletzten Wintersportlern zwischen Januar und April 2009 (Abb.1).

Verschiedene  Studien  weisen  nach,  dass  Kinder  im  Skilauf eine  doppelt  so  hohe  Inzidenz  von  Kopfverletzungen  wie  andere Altersklassen aufweisen, was einerseits auf eine im Vergleich zum Erwachsenen  überproportionale  Kopfgröße  und  andererseits  auf mangelndes  skifahrerisches  Können  zurückgeführt  wird  [7, 8, 17]. Besonders  bei  Personenkollisionen  besteht  ein  höheres  Verletzungsrisiko für Kinder unter 11 Jahren [2]. So zog sich in der Studie von  Burtscher  und  Philadelphy  [7]  jedes  zweite  Kind,  das  unverschuldet in eine Personenkollision verwickelt war, eine Kopfverletzung zu. Sulheim et al. [29] berichten von einem um 29% höheren Risiko einer Kopfverletzung bei den unter 13 Jährigen im Vergleich zu den 13-20 Jährigen. Im Gegensatz dazu waren von 350 kopfverletzten Patienten in der Studie von Levy et al. [15] ca. 15% unter 15 Jahren, während 47% zwischen 16 und 25 Jahren alt waren.
Unser  Ergebnis  zeigt  kein  erhöhtes  Risiko  einer  Kopfverletzung für Wintersportler unter 15 Jahren. Dieses Ergebnis ist darauf zurückzuführen, dass die unter 15-Jährigen mit rund 78% signifikant  häufiger  einen  Helm  trugen  als  die  übrigen  Wintersportler mit ca. 47% (OR: 3,9; CI: 2,9- 5,1). Auch in anderen mitteleuropäischen  Ländern  wird  der  Helmanteil  der  unter  15-Jährigen  mittlerweile  auf  70- 90%  geschätzt  [20, 22].  Ob  eine  Helmpflicht,  wie sie in Italien seit 01.01.2005 für unter 15-Jährige gesetzlich vorgeschrieben ist, zu einer Erhöhung der Helmtragequote bzw. zu einer Reduktion der Kopfverletzungen führt, ist derzeit wissenschaftlich noch nicht erhoben.

SCHLUSSFOLGERUNG

Das  Risiko  einer  Kopfverletzung  hängt  von  mehreren  unabhängigen  Faktoren  ab.  Personenkollisionen,  das  Befahren  von  Funparks, das männliche Geschlecht, Snowboarden und der Verzicht auf einen Skihelm sind wesentliche Ursachen für eine Kopfverletzung. Außerdem zeigt sich, dass das Kopfverletzungsrisiko an Vormittagen,  am  Wochenende  und  in  einzelnen  Skigebieten  erhöht ist. Das Bewusstmachen dieser Risikofaktoren stellt einen ersten Schritt  zur  Verletzungsvorbeugung  dar.  Als  schon  bekannte  Präventivmaßnahmen werden das Tragen eines Skihelmes sowie ein entsprechendes  Fahrverhalten  auf  der  Piste  empfohlen,  um  Personenkollisionen  zu  vermeiden.  Diese  Untersuchung  zeigt  aber auch,  dass  die  generelle  Bereitschaft  einen  Helm  im  Skisport  zu verwenden deutlich zugenommen hat, wenn auch nicht alle Wintersportler  in  gleichem  Maße  durch  Informationskampagnen  erreicht werden. Daher sollten künftige Helmkampagnen bestimmte Risikogruppen wie z.B. ältere Skifahrer und Funparkbesucher verstärkt ansprechen.

Angaben zu finanziellen Interessen und Beziehungen, wie Patente, Honorare oder Unterstützung durch Firmen: Keine

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Korrespondenzadresse:
Dr. Gerhard Ruedl
Institut für Sportwissenschaft
Universität Innsbruck
Fürstenweg 185
6020 Innsbruck
Österreich
E-Mail: gerhard.ruedl@uibk.ac.at
 
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