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The German Journal of Sports Medicine is directed to translational science and clinical practice of Sports Medicine and its adjacent fields, which investigate the influence of physical activity, exercise, training and sports, as well as a lack of exercise affecting healthy people and patients of all age-groups. It addresses implications for prevention, diagnosis, therapy, rehabilitation and physical training as well as the entire Sports Medicine and research in sports science, physiology and biomechanics.

The Journal is the leading and most widely read German journal in the field of Sports Medicine. Readers are physicians, physiologists and sports scientists as well as physiotherapists, coaches, sport managers, and athletes. The journal offers to the scientific community online open access to its scientific content and online communication platform.

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Bewegung und Sport im Kindesalter
EDITORIAL

Medienhype zum Doping in Deutschland

Media Hype about Doping in Germany

Prof. Dr. Jürgen M. Steinacker Sektion Sport- und Rehamedizin Universitätsklinikum UlmMit großem medialen Echo wurde der seit über einem Jahr vorliegende Bericht aus Münster und Berlin zum Forschungsauftrag des Bundesinstitutes für Sportwissenschaft thematisiert mit dem Vorwurf der Gruppe um Giselher Spitzer von der HumboldtUniversität Berlin, dass es im Westen Deutschlands ein flächendeckendes System von Dopingmaßnahmen gegeben habe, das dem im Osten ebenbürtig gewesen sei.
Dabei startete die öffentliche Diskussion mit der reichlich absurden Forderung der Spitzer-Gruppe, dass sich die Forscher für die Veröffentlichung vom Auftraggeber absichern lassen wollten für den Fall, dass ihre Feststellungen und Anschuldigungen sich als falsch oder als unwahr erweisen würden.
Bedauerlicherweise trägt auch der Berliner Bericht keinesfalls zu einer sachlichen und wissenschaftlich korrekten Bearbeitung dieses wichtigen Themengebietes bei. Ganz im Gegenteil dazu der Münsteraner Teilbericht, der wissenschaftlich gründlich mit entsprechenden detaillierten Quellenangaben einen Diskurs begründet und ermöglicht.
Im Spitzer-Bericht werden überwiegend Zeitzeugen befragt, was zwar hilfreich zur Hypothesenbildung sein kann, die Abfassung eines Berichtes überwiegend beruhend auf solchen Zeugenaussagen, die auch zu einem Teil unter dem Schutz der Anonymität gemacht wurden, ist überaus problematisch und wissenschaftlich nicht tragbar, sorgfältiges Quellenstudium wäre notwendig gewesen und dazu hätte auch die Bereitschaft gehört, übliche Nutzungsvereinbarungen mit den Archiven abzuschließen. Im Bericht werden dann überwiegend eigene Beobachtungen und Befragungsergebnisse zitiert und nur wenige Dokumente dargestellt, die größtenteils öffentlich nicht zugänglich sind. Daraus wird dann ein großes Gemälde der flächendeckenden Dopingverabreichung entwickelt.
Fatal ist sicher auch das Fehlen jeglichen biologischen, physiologischen oder medizinischen Sachverstandes. Alle Forschungen zu Fragen des Kreislaufsystems, der Anpassung des Herzens oder zur Biochemie oder hormonellen Regulationen des Körpers unter körperlichen Belastungen werden als Prädoping-Forschung klassifiziert, ohne dass die generelle Bedeutung solcher Forschungen für die Wissenschaft und die Gesundheit der Sportler und von Patienten überhaupt erkannt wird. Gesundheit und körperliche Leistungsfähigkeit bedingen einander und sind Voraussetzung für körperliches und geistiges Wohlbefinden.
Die DGSP hat sich schon in der Erklärung der Hochschullehrer von 2011 von einstmaligen Fehlentwicklungen distanziert, auch von Forschungen, die man aus heutiger Sicht so nicht durchgeführt hätte und die heutigen wissenschaftlichen und ethischen Ansprüchen nicht immer genügen würden. Leider trägt die Spitzer-Studie gar nichts zur Klärung offen gebliebener Fragen bei.
Nachdem von 1935 bis 1955 Stimulanzien immer häufiger im Sport eingesetzt wurden und Todesfälle beim Sport dieses hohe Risiko von Stimulanzien aufgezeigt hatten, haben die deutschen Sportmediziner den Einsatz von Stimulanzien verurteilt und bekämpft. Mit dem Aufkommen von Testosteron und Anabolika gab es intensive Diskussionen ob diese Medikationen wirksam seien und ob sie auch zulässig seien. Diese Diskussionen dauerten sicher bis in die 70er Jahre an.
Angesichts des Verbotes der Anwendung anaboler Steroide im Sport durch den Internationalen Leichtathletikverband 1970 und des Internationalen Olympischen Komitees 1974 war der Einsatz anaboler Steroide sicher nicht mehr zu rechtfertigen und das Festhalten am Einsatz unter ärztlicher Kontrolle über die Verbotszeitpunkte hinaus bis in die 1980er Jahre – anfänglich unter der Absicht der Leistungssteigerung und anschließend unter den Begriffen „Substitution“ und „Therapie“ – nicht erlaubt.
Die Substitutionstheorie, die darin begründet war, dass die Testosteronspiegel im Körper unter körperlicher Belastung und hartem Training abnehmen und spekulierte, das daraus entstehende Defizit an Testosteron bis zu einem normalen physiologischen Maße ausgeglichen werden müsse, wurde in einem Spiegelartikel vor zwei Jahren von Prof. Liesen ohne großen öffentlichen Widerspruch vertreten.
Gesichert erscheint, dass in den 80er Jahren durch Klümper eine teilweise polypragmatische und netzwerkartige Anwendung von Medikamenten und Anabolika im Spitzensport durchgeführt wurde und darüber zwischen Klümper und Keul heftig gestritten wurde. Trotzdem ist es dann in der „Erythropoietin-Ära“ zu unverständlichen und inakzeptablen Verfehlungen gekommen. Von einem flächendeckenden Doping kann nicht gesprochen werden. Der Deutsche Sportärztebund hat sich 1977 und später klar gegen eine Rechtfertigung jeglicher Abgabe von anabol-androgenen Steroiden, Erythropoietin und oder anderen leistungssteigernden Medikamenten mit Begriffen wie „Substitution“, „Regeneration“ oder „Therapie“ ausgesprochen und diese Position seither immer nachdrücklich vertreten.
Die Diskussion über Doping ist wichtig, weil nur dadurch die Gesundheit der Sportler gesichert werden kann. Die Freigabe von Dopingmaßnahmen würde einer hemmungslosen Anwendung von gefährlichen Methoden und Substanzen Tür und Tor öffnen, die Grundlagen eines freien und fairen Wettkampfsports und damit wichtige kulturelle Ideale verraten und damit auch Sport und körperliche Bewegung als eine der wichtigsten Gesundheitsmaßnahmen unserer modernen Zeit diskreditieren.

 
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