DZSM

Gelistet in:

  • Research Alert
  • Focus On: Sports Science & Medicine
  • SciVerse Scopus
  • CrossRef
  • EBSCO SPORTDiscus
  • Google Scholar
  • Chemical Abstracts Service

Die Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin behandelt die klinische Praxis und deren angrenzende Felder im Sinne translationaler Forschung, die den Einfluss von körperlicher Aktivität, Bewegung, Training und Sport sowie Bewegungsmangel von gesunden Personen und Patienten aller Altersgruppen erforscht. Dies umfasst die Auswirkungen von Prävention, Diagnose, Therapie, Rehabilitation und körperlichem Training sowie das gesamte Feld der Sportmedizin und sportwissenschaftliche, physiologische und biomechanische Forschung.

Die Zeitschrift ist die führende und meistgelesene deutsche Zeitschrift für die gesamte Sportmedizin. Sie richtet sich an alle Ärzte, Physiologen und sportmedizinisch/sportwissenschaftlich interessierte Wissenschaftler aller Disziplinen sowie an Physiotherapeuten, Trainer, Praktiker und Sportler. Die Zeitschrift ermöglicht allen Wissenschaftlern online Open Access zu allen wissenschaftlichen Inhalten und viele Kommunikationsmöglichkeiten.

. .


Sportmedizin im Wandel
ORIGINALIA
SENSOMOTORISCHE FEEDBACKLEISTUNG

Sensomotorische Feedbackleistung bei adipösen und normalgewichtigen 11- 15-jährigen Schülerinnen und Schülern

Sensorimotoric Feedback Performance in Obese and Normal-Weight 11 to 15 Year-Old School Children

ZUSAMMENFASSUNG

Die sensomotorische Feedbackleistung adipöser Kinder und Jugendlicher wurde in bisherigen Studien noch kaum berücksichtigt. Untersuchungen belegen zwar, dass mit zunehmender Bewegungsintensität bei Testaufgaben die Unterschiede zwischen Adipösen und Normalgewichtigen zugunsten der Letztgenannten zunehmen, aber im Bereich der sensomotorischen Feedbackleistung gibt es bis dato kaum Ergebnisse. Das Ziel dieser Untersuchung ist es, ein Bild der statischen und dynamischen  Gleichgewichtsfähigkeit  von  adipösen  im  Vergleich  zu  normalgewichtigen Schülerinnen und Schülern zu erhalten. Material und Methode: Mittels eines sensomotorischen Feedbacktestgeräts wurden 11-15-jährige (n=20) adipöse Schülerinnen und Schüler (BMI>97. Perzentil) eines Adipositas-Rehazentrums gestestet und mit einer Gruppe von n=67 normalgewichtigen gleichaltrigen Jugendlichen  verglichen.  Ergebnisse:  Die  Gruppe  der  adipösen  Schülerinnen  und Schüler  erzielte  gegenüber  den  Normalgewichtigen  sowohl  bei  den  statischen als  auch  dynamischen  Testungen  signifikant  (p<0,05)  schlechtere  Ergebnisse. Die  Normalgewichtigen  erreichten  beim  Gesamtscore  mit  650±71  (SD)  Scorepunkten eine signifikant höhere Punktezahl als die Adipösen (492±90). Schlussfolgerung: Die schwachen Ergebnisse der adipösen Schülerinnen und Schüler bei statischen  und  dynamischen  Gleichgewichtsanforderungen  zeigen  die  Notwendigkeit eines gezielten und individuellen Bewegungsprogramms zum Abbau von sensomotorischen Schwächen auf. Da die Zunahme der Adipositas sehr stark mit der Zunahme der körperlichen Inaktivität korreliert und durch Bewegungsmangel grundlegende physische Funktionen eingeschränkt werden, müssen daher besonders bei adipösen Kindern und Jugendlichen Maßnahmen zur Prävention und Rehabilitation motorischer Schwächen und den damit vermutlich einhergehenden psychischen und sozialen Defiziten getroffen werden.

Schlüsselwörter: Gleichgewichtsfähigkeit,  sensomotorische  Feedbackleistung, Fettleibigkeit, Schule.

SUMMARY

The  sensorimotoric  feedback  performance  of  obese  children  and  juveniles  has been subject of scientific analysis in a very limited way. Studies show that normalweight  children  score  higher  as  intensity  increases  when  testing  general  motor skills, but there are hardly any results on sensorimotoric feedback performance up to now. The aim of this study is to compare the static and dynamic balance of obese and normal-weight school children. Materials and Methodology: Obese school children (BMI>97. percentile) ages 11 to 15 (n=20) from an obesity rehabilitation centre were tested using a sensorimotoric feedback device and the results were compared to the results of a control group (n=67) of normal-weight school children of the same age. Results: The test group of obese school children achieved significantly lower (p<0.05) scores on tests for static and dynamic balance compared to the control group. Normal-weight school children: Total score 650±71 (SD); obese school children: Total score 492±90 (SD). Conclusion: The low results of obese school children and juveniles on static and dynamic balance show the necessity of a specific and individual movement program for obese children in order to counter the existing deficits that may cause restrictions in their everyday life.

Key Words: Balance, sensorimotoric Feedback Performance, obesity, school.

EINLEITUNG

Bei allen Altersgruppen hat die Prävalenz von Bewegungsmangel, Übergewicht und Adipositas in den vergangenen Jahrzehnten weltweit zugenommen. Zunehmende Verhäuslichung und körperliche Inaktivität kombiniert mit ständiger Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln, aber auch sozioökonomische Veränderungen werden dafür häufig als Ursache angeführt (12, 14, 21, 31, 35). Gegenüber ihren normalgewichtigen  Altersgenossen  tragen  adipöse  Kinder  und Jugendliche  ein  deutlich  erhöhtes  Risiko,  später  an  adipositasassoziierten Erkrankungen wie etwa Diabetes mellitus oder koronarer Herzkrankheit zu erkranken (32). Mehrere Untersuchungen (3, 4, 10, 22) belegen zudem, dass bei Kindern und Jugendlichen in den  vergangenen  Jahren  ein  starker  sportmotorischer  Leistungsrückgang zu erkennen ist. Neben schwächeren energetisch-konditionellen Ergebnissen kommt es auch verstärkt zu einem Rückgang der  koordinativen  Fähigkeiten  und  hierbei  vor  allem  des  motorischen Gleichgewichtsvermögens (3, 4). Zur motorischen Leistungsfähigkeit von übergewichtigen und adipösen Kindern und Jugendlichen  liegen  einige  Studien  vor  (2, 5, 11, 13, 19, 30).  Die  Ergebnisse dieser Untersuchungen zeigen, dass adipöse Kinder und Jugendliche meist schlechtere motorische Leistungen im Bereich Ausdauer und Koordination aufweisen. Über sensomotorische Feedbackleistungen von adipösen Kindern und Jugendlichen gibt es hingegen kaum Ergebnisse.
Unter  Koordination  versteht  man  eine  Reihe  von  Fähigkeiten, die einzelne Aspekte der Bewegungssteuerung darstellen (18). Koordinative  Fähigkeiten  ermöglichen  motorische  Aktionen  in vorhersehbaren  (Stereotyp)  und  unvorhersehbaren  (Anpassung) Situationen sicher und ökonomisch zu beherrschen und sportliche Bewegungen rascher zu erlernen (9). Als wichtigste Komponenten der  koordinativen  Fähigkeiten  gelten  neben  der  Gleichgewichtsfähigkeit  die  Orientierungsfähigkeit,  Differenzierungsfähigkeit, Rhythmisierungsfähigkeit,  Reaktionsfähigkeit,  Umstellungsfähigkeit und Koppelungsfähigkeit (34).
Ein gut ausgebildetes Gleichgewichtsvermögen ist sowohl für viele  Alltagsaktivitäten  als  auch  für  sportliche  Bewegungsabläufe eine Grundvoraussetzung und zudem eine wichtige Unfallprophylaxe (15, 17). Nach Fetz (7) wird mit sensomotorischem Gleichgewicht die Fähigkeit bezeichnet, einen intendierten Gleichgewichtszustand in Haltung (statisch) und/oder Bewegung (dynamisch) zu erreichen und/oder aufrechtzuerhalten.
Mit Hilfe eines Feedbacksystems werden Probanden sensomotorische Aufgaben gestellt und mittels optischer, akustischer oder taktiler Signale, Informationen über Umfang, Intensität und Geschwindigkeit ihrer motorischen Ausführungen rückgemeldet. Dabei erfolgt eine Abgleichung der internen Wahrnehmung mit dem Feedbacksystem, die  meist  durch  computergestützte  Programme  unter  Verwendung eines PCs oder Laptops erfolgt und somit eine Aufzeichnung der Ergebnisse durchgeführt werden kann (28). Ziel der vorliegenden Studie war es zu untersuchen, inwieweit sich das statische und dynamische Gleichgewichtsvermögen mittels sensomotorischer Feedbackleistung auf der MFT® Challenge Disc von adipösen 11- 15-jährigen Schülerinnen und Schülern im Vergleich zu normalgewichtigen Altersgenossen unterscheidet. Das in dieser Untersuchung verwendete Testgerät ermöglicht  gegenüber  herkömmlichen  einfachen  Gleichgewichtstestgeräten (z.B. T-Schiene für den Einbeinstand) eine verbesserte Objektivität und eine bessere Quantifizierbarkeit.

MATERIAL UND METHODE

Das Probandenkollektiv bestand aus 87 Schülerinnen und Schülern im Alter von 11 bis 15 Jahren einer Mittelschule. 20 dieser Schülerinnen  und  Schüler  waren  zur  Behandlung  ihres  extremen  Übergewichtes zugleich Patienten eines Adipositas-Rehazentrums. Bei den  restlichen  67  Probanden  handelte  es  sich  um  ortsansässige Schülerinnen und Schüler (sowohl die Schule als auch das Adipositas-Rehazentrum „Insula“ befinden sich im Gemeindegebiet von Bischofswiesen/Bayern). In das Rehazentrum werden ausschließlich Jugendliche und junge Erwachsene mit einem BMI >97. Perzentil aufgenommen.  Der  Body-Mass-Index  (BMI)  über  dem  97.  alters- und  geschlechtsspezifischen  Perzentil  nach  Kromeyer-Hauschild (24) war in dieser Studie das Basiskriterium für die Gruppenzuordnung „Adipös“. Dieser Sachverhalt wurde durch Erhebung anthropometrischer Daten nochmals geprüft und bestätigt. Beim Vergleichskollektiv wurden ebenfalls anthropometrische Daten erhoben. Schülerinnen und Schüler mit einem BMI zwischen >90.  und  <97.  Perzentil  wurden  aufgrund  der  geringen  Stichprobengröße (n=8) von der Untersuchung ausgeschlossen. Schülerinnen  und  Schüler  mit  einem  BMI  oberhalb  des  97.  und  unterhalb des  10.  Perzentil  fanden  sich  nicht  in  diesem  Vergleichskollektiv. So verblieben letztendlich als Vergleich 67 normalgewichtige ortsansässige  Schülerinnen  und  Schüler,  die  dem  Adipositaskollektiv (n=20)  aus  dem  Rehazentrum  „Insula“  gegenübergestellt  wurden (Tab. 1). Die Untersuchung wurde von den zuständigen Trägern der Schule genehmigt.

Testgerät
Als Testgerät stand das sensomotorische Feedbacktrainingsgerät MFT® Challenge Disc zur Verfügung (Abb. 1). Dieses besteht aus einer  runden  Standplatte  mit  einem  Durchmesser  von  420mm und ist durch vier Gummipuffer mit einer Bodenplatte verbunden. Durch  diese  Konstruktion  ist  die  Platte  in  alle  Ebenen  kippbar. Der  maximale  Kippwinkel  beträgt  12°.  Gleichgewichtsregulationen einer auf der Platte stehenden Person führen zu Kippbewegungen der Standfläche, die durch einen dreidimensionalen Neigungssensor  erfasst  werden.  Der  Messbereich  des  Sensors  liegt bei 20°, bei einer Messgenauigkeit von 0,5° und einer Abtastrate von 100Hz. Über ein USB-Kabel werden die Daten in eine Software eingelesen (28). Auf einem vor der übenden Person positionierten Bildschirm werden die Gleichgewichtsbewegungen durch die Software mittels eines Steuerkreises visualisiert. Dieser Steuerkreis  soll  durch  feinmotorische  Regulationen  möglichst  lange im vorgegebenen Zielkreis gehalten werden. Die Testungen wurden alle in der leichtesten Schwierigkeitsstufe (=Level 5) durchgeführt. Der genaue Ablauf der Testaufgaben wird in Tabelle 2 beschrieben. Um eine neuromuskuläre Erschöpfung zu vermeiden erfolgte zwischen den einzelnen Übungen eine über die Software standardisierte  Pause  von  10  sec.  Die  MFT®  Challenge  Disc  ähnelt in ihrer Funktionsweise dem Testgerät für sensomotorisches Gleichgewicht „Biodex Balance Systems“®. Dieses quantifiziert die dynamische  und  statische  Gleichgewichtsfähigkeit  der  Probanden auf einer instabilen Unterlage und liefert objektive, valide und reliable Messdaten (1).
Bei jeder der neun Testübungen kann je nach Zeitdauer des Steuerkreises  im  Zielkreis  eine  maximale  Punktezahl  von  100  erreicht werden. Für die Auswertung wurde die erreichte Punkteanzahl der statischen Übungen (3, 6 und 9) als auch jener der dynamischen Übungen (1, 2, 4, 5, 7 und 8) gesondert addiert und für die weitere  Auswertung  herangezogen.  Weiters  wurde  bei  allen  Probanden die Gesamtpunktezahl (Gesamtscore) notiert.

Untersuchungsdurchführung
Die  adipösen  und  normalgewichtigen  Schülerinnen  und  Schüler wurden einzeln und barfuss in einem ruhigen Raum der Schule getestet um eine optimale Konzentration zu sichern. Der Testablauf wurde  erklärt  und  ein  Gewöhnungsversuch  vor  der  eigentlichen Testung  durchgeführt.  Die  Testpersonen  standen  beidbeinig  und mit  leicht  gebeugten  Kniegelenken  auf  dem  Testgerät,  wobei  die Fußpositionierung  (leichte  Grätschstellung)  durch  eine  Markierung auf der Standplatte vorgegeben wurde (Abb. 1).

Statistik
Die  Analyse  der  erhobenen  Daten  erfolgte  mit  dem  Statistikprogramm  SPSS,  Version  15.  Die  Daten  wurden  mithilfe  des  Kolmogorov-Smirnov-Tests auf ihre Normalverteilung geprüft. Vergleiche zwischen den adipösen und normalgewichtigen Jugendlichen wurden mittels eines unabhängigen T-Tests durchgeführt. Das Signifikanzniveau wurde mit p≤0,05 festgelegt.

 

 

ERGEBNISSE

Vergleicht  man  die  sensomotorischen  Testergebnisse  der  beiden  Gruppen  (Adipös  versus  Normalgewicht)  hinsichtlich  der Gesamtpunktezahl (Gesamtscore) so erkennt man, dass ein statistisch  signifikanter  Unterschied  vorliegt.  Die  Gruppe  der  Normalgewichtigen  erreichte  beim  Gesamtscore  mit  650±71  (SD) Scorepunkten  eine  signifikant  (p<0,01)  höhere  Punktezahl  als die  Gruppe  der  Adipösen  (492±90)  (Tab.  3).  Die  Ergebnisse  der normalgewichtigen und adipösen Jugendlichen, aufgeteilt in statische und dynamische Gleichgewichtsleistungen, sind ebenfalls der Tabelle 4 zu entnehmen. Sowohl bei der statischen als auch bei der dynamischen Gleichgewichtstestung erzielten die adipösen Jugendlichen signifikant (p<0,01) schlechtere Ergebnisse. Die Gleichgewichtsfähigkeit  wurde  durch  das  Geschlecht  nicht  beeinflusst (p>0,1).

DISKUSSION

In  der  hier  vorgestellten  Studie  wurden  die  sensomotorischen Feedbackleistungen von normalgewichtigen und adipösen 11- bis 15-jährigen  Schülerinnen  und  Schülern  untersucht.  Die  adipösen Jugendlichen schnitten in allen Testungen (Gesamtscore, statische und dynamische Gleichgewichtsleistungen) gegenüber ihren normalgewichtigen  Altersgenossen  signifikant  (p<0,01)  schlechter ab. Als Ursache wird die schwächere Gleichgewichtsfähigkeit der getesteten adipösen Schülerinnen und Schüler angesehen. Die Ergebnisse  dieser  Untersuchung  stehen  in  Einklang  mit  den  Ergebnissen anderer Autoren (20, 23). In deren Studien wurde beispielsweise mithilfe des Körperkoordinationstests für Kinder (KTK) ein allgemeines Defizit in der Gleichgewichtsfähigkeit adipöser Kinder ermittelt.  Prätorius  und  Milani  (27)  kritisieren  jedoch  in  diesem Zusammenhang den Körperkoordinationstests für Kinder, denn es werden nicht nur rein koordinative Anforderungen an die Probanden gestellt, wodurch die Ergebnisse verfälscht werden können.
Bei  isolierten,  statischen  Gleichgewichtsaufgaben  müssen übergewichtige und adipöse Kinder und Jugendliche laut einer Studie von Bappert et al. (2) nicht unbedingt ein niedriges Leistungsniveau aufweisen. So ließen sich in deren Studie bei übergewichtigen Kindern beim Einbeinstand (statisches Gleichgewicht) keine signifikanten  Unterschiede  gegenüber  Normalgewichtigen  feststellen. In unserer Untersuchung konnte dies jedoch nicht bestätigt werden, da auch bei statischen Gleichgewichtsaufgaben die adipösen Jugendlichen signifikant schlechtere Leistungen als die Normalgewichtigen erzielten.
Das in dieser Querschnittsuntersuchung verwendete Testgerät gab den Jugendlichen ein visuelles Feedback über ihre statisch und dynamisch  erbrachten  sensomotorischen  Gleichgewichtsleistungen. Ein gutes Gleichgewichtsvermögen ist eine Grundvoraussetzung für fast alle Aktivitäten im täglichen Leben. Einschränkungen der  Gleichgewichtsfähigkeit  resultieren  häufig  in  einem  höheren Sturzrisiko  und  damit  verbundenen  Folgeverletzungen  (28).  Xiang  et  al.  (35)  bestätigten  in  ihrer  Untersuchung  eine  doppelt  so große Unfallgefahr von Adipösen im Vergleich zu Normalgewichtigen. Gut ausgeprägte koordinative Fähigkeiten sind daher äußerst wichtig und haben laut Hirtz (17) neben einer erfolgreichen Bewältigung des Alltags präventive Eigenschaften zum Schutz vor Unfällen und Missgeschicken. Daneben spielen für adipöse Kinder und Jugendliche aber auch psychosoziale Einschränkungen eine große Rolle. Sie werden häufig als Außenseiter behandelt und von ihrer Umgebung, vor allem im Schul- und Freizeitsport, isoliert. Dadurch verlieren sie die Lust an der Bewegung und leiden an einem niedrigen Selbstwertgefühl. Adipöse Kinder und Jugendliche leiden somit nicht nur an an gesundheitlichen Auswirkungen, sondern auch an erheblicher psychischer Belastung (16, 25, 26).
Da die Zunahme der Adipositas sehr stark mit der Zunahme der  körperlichen  Inaktivität  korreliert  (6, 8, 29)  und  durch  Bewegungsmangel  grundlegende  physische  Funktionen  eingeschränkt werden,  müssen  besonders  bei  adipösen  Kindern  und  Jugendlichen Maßnahmen zur Prävention und Rehabilitation motorischer Schwächen  und  den  damit  vermutlich  einhergehenden  psychischen  und  sozialen  Defiziten  getroffen  werden.  Zeuschner  und Freidl (36) verweisen in diesem Zusammenhang auf die Wichtigkeit der interdisziplinären Zusammenarbeit von Medizin, Psychologie, Ernährungs- und Sportwissenschaft. Wie verschiedene interaktive Videospiele verfügt auch das in dieser Untersuchung verwendete Testgerät  über  diverse  aktive  Spielformen  zur  Gleichgewichtsverbesserung.  Diese  könnten  möglicherweise  bei  adipösen  Kindern und  Jugendlichen  spielerisch  für  ein  Gleichgewichtstraining  genutzt  werden,  was  neben  einer  Verminderung  des  Unfallrisikos auch zu einer Steigerung des Selbstwertgefühls führen könnte.

Limitationen der Untersuchung
Die  Generalisierbarkeit  der  Untersuchungsergebnisse  weist  aufgrund der geringen Probandenzahl (n=87) Limitationen auf. Zudem wurden in dieser Querschnittsuntersuchung die Parameter lediglich zu einem Zeitpunkt erhoben. Konsistente Ergebnisse in wiederholten Untersuchungen würden deren Validität zusätzlich stützen.

Angaben zu finanziellen Interessen und Beziehungen, wie Patente, Honorare oder Unterstützung durch Firmen: Keine.

LITERATUR

  1. Arnold BL, Schmitz RJ: Examination of balance measures produced by the Biodex stability system. J Athl Train 33 (1998) 323 - 327.
  2. Bappert S, Woll A, Bös K: Motorische Leistungsunterschiede bei über- und normalgewichtigen Kindern im Vorschulalter. Haltung und Bewegung 23 (2003) 35 - 37.
  3. Bös K, Mechling H: Dimensionen sportmotorischer Leistungen im Längsschnitt, in: Ludwig G (Hrsg.): Koordinative Fähigkeiten – Koordinative Kompetenz. Univ. Gesamthochschulverlag, Kassel, 2002, 50 - 58.
  4. Crasselt W: Entwicklung der körperlich-sportlichen Leistungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen im Zeitraum von 1981-1991, in: Rostock J, Zimmermann K (Hrsg): Bericht zum Kolloquium „Theorie und Empirie sportmotorischer Fähigkeiten“. Chemnitz, Institutsbericht, 1998, 50 - 59.
  5. D`Hondt E, Deforche B, De Bourdeaudhuij I, Lenoir M:: Childhood obesity affects fine motor skill performance under different postural constraints. Neurosci Lett 440 (Issue 1) (2008) 72 - 75.
    doi:10.1016/j.neulet.2008.05.056
  6. Ehrsam R, Stoffel S, Mensink G, Melges T: Übergewicht und Adipositas in den USA, Deutschland, Österreich und der Schweiz. Dtsch Z Sportmed 55 (2004) 278 - 285.
  7. Fetz F: Bewegungslehre der Leibesübungen. Österreichischer Bundesverlag, Wien, 1989.
  8. Fogelholm M, Stigman S, Huisman T, Metsämuuronen J: Physical fitness in adolesents with normal weight and overweight. Scand J Med Sci Sports 18 (2008) 162 - 170.
    doi:10.1111/j.1600-0838.2007.00685.x
  9. Frey G: Zur Terminologie und Struktur physischer Leistungsfaktoren und motorischer Fähigkeiten. Leistungssport 7 (1977) 339 - 362.
  10. Gaschler P: Motorik von Kindern und Jugendlichen heute – Eine Generation von „Weicheiern, Schlaffis und Desinteressierten“? (Teil 3). Haltung und Bewegung 21 (2001) 5 - 17.
  11. Graf C, Koch B, Kretschmann-Kandel E, Falkowski G, Christ H, Coburger S, Lehmacher W, Bjarnason-Wehrens B, Platen P, Tokarski W, Predel HG, Dordel S: Correlation between BMI, leisure habits and motor abilities in childhood (CHILT-Project). Int J Obes 28 (2004) 22 - 26.
    doi:10.1038/sj.ijo.0802428
  12. Graf C, Dordel S, Koch B, Predel HG: Bewegungsmangel und Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen. Dtsch Z Sportmed 57 (2006) 220 - 225.
  13. Graf C, Jouck S, Koch B, Staudenmaier K, von Schlenk D: Motorische Defizite - wie schwer wiegen sie? Übergewicht und Adipositas im Kinder- und Jugendalter. Monatsschr Kinderheilkd 155 (2007) 631-637.
    doi:10.1007/s00112-007-1502-0
  14. Graf C, Starke D: Prävention von Übergewicht und Adipositas im Kindes- und Jugendalter – vom Modell zur Anwendung. Dtsch Z Sportmed 60 (2009) 108 - 111.
  15. Greier K, Raschner CH: Sensomotorisches Feedbacktraining in der Volksschule. Bewegungserziehung 64 (2010) 10 - 15.
  16. Hauner H: Komorbiditäten und Komplikationen der Adipositas, in: Schusdziarra V (Hrsg): Adipositas-Moderne Konzepte für ein Langzeitproblem. Uni-Med Verlag AG, Bremen, 2003, 30 - 38.
  17. Hirtz P: Koordinative Fähigkeiten und Beweglichkeit, in: Meinel K, Schnabel G (Hrsg): Bewegungslehre-Sportmotorik. Meyer & Meyer Verlag, Aachen, 2007, 212 - 242.
  18. Hohmann A, Lames M, Letzelter M: Einführung in die Trainingswissenschaft. Limpert Verlag, Wiebelsheim, 2002.
  19. Kaspar T, Korsten-Reck U, Rücker G, Jotterand S, Bös K, Berg A: Sportmotorisches Fähigkeiten adipöser Kinder: Vergleich mit einem Referenzkollektiv und Erfolge des Therapieprogramms FITOC. Aktuell Ernaehr Med 28 (2003) 300 - 307.
    doi:10.1055/s-2003-42514
  20. Korsten-Reck U, Bauer S, Keul J: Sports and nutrition – an out-patient programm for adipose children (long- term-experience). Int J Sports Med 15 (1994) 242 - 248.
    doi:10.1055/s-2007-1021054
  21. Korsten-Reck U, Kromeyer-Hauschild K, Korsten K, Rücker G, Dickhut HH, Berg A: Freiburger Intervention Trial for Obese Children (FITOC): Ergebnisse einer klinischen Beobachtungsstudie. Dtsch Z Sportmed 57 (2006) 36 - 41.
  22. Korsten-Reck U, Kaspar T, Korsten K, Kromeyer-Hauschild K, Bös K, Berg A, Dickhuth H: Motor abilities and aerobic fitness of obese children. Int J Sports Med 28 (2007) 762-767.
    doi:10.1055/s-2007-964968
  23. Kretschmann E, Lawrenz A, Lawrenz W, Schmitz H, Nespethal K, Bjarnason-Wehrens B: Motorische Entwicklung und Leistungsfähigkeit bei adipösen Kindern und Jugendlichen [Abstract des 37. Deutschen Sportärztekongresses Heft 7/8]. Dtsch Z Sportmed 52 (2001) 26.
  24. Kromeyer-Hauschild K, Wabitsch M, Kunze D, Geller F, Geiss HC, Hesse V, von Hippel A, Jaeger U, Johnsen D, Korte W, Menner K, Müller G, Müller JM, Niemann-Pilatus A, Remer T, Scaefer F, Wittchen H, Zabransky S, Zellner K, Ziegler A, Hebebrand J: Perzentile für den Body-Mass-Index für das Kinder- und Jugendalter unter Heranziehung verschiedener deutscher Stichproben. Monatsschr Kinderheilkd 149 (2001) 807 - 818.
    doi:10.1007/s001120170107
  25. Must A, Jaques PF, Dallal G, Bajema CJ, Dietz WH: Long –term morbidity and mortality of overweight adolescents. A follow-up of the Harvard Growth Study of 1922 to 1935. N Engl J Med 327 (1992) 1350-1355.
    doi:10.1056/NEJM199211053271904
  26. Nething K, Stroth S, Wabitsch M, Galm C, Rapp K, Brandstetter S, Berg S, Kresz A, Wartha O, Steinacker JM: Primärprävention von Folgeerkrankungen des Übergewichts bei Kindern und Jugendlichen. Dtsch Z Sportmed 57 (2006) 42 - 45.
  27. Prätorius B, Milani TL: Motorische Leistungsfähigkeit bei Kindern: Koordinations- und Gleichgewichtsfähigkeit: Untersuchungen des Leistungsgefälles zwischen Kindern mit verschiedenen Sozialisationsbedingungen. Dtsch Z Sportmed 55 (2004) 172 - 176.
  28. Raschner C, Lembert S, Mildner E, Platzer HP, Patterson C: Entwicklung eines sensomotorischen Feedbacktrainingsgerätes für den begleitenden Einsatz in der neuronalen Rehabilitation. Bewegungstherapie und Gesundheitssport 24 (2008) 241-245.
    doi:10.1055/s-2008-1077044
  29. Reinehr T, Michael D, Kersting M: Therapie der Adipositas im Kindes- und Jugendalter. Hogrefe Verlag, Göttingen, 2010.
  30. Roth K, Roth C: Entwicklung koodinativer Fähigkeiten, in: Baur J, Bös K, Singer R (Hrsg): Handbuch Motorische Entwicklung. Hofmann Verlag, Schorndorf, 2009, 197 - 247.
  31. Steinacker JM: Übergewicht, Adipositas, Gesundheit und Prävention. Dtsch Z Sportmed 57 (2006) 213.
  32. Wabitsch M, Denzer C: Examination and Diagnostic Procedure, in: Kiess W, Marcus C, Wabitsch M (Hrsg): Obesity in Childhood and Adolescense. Karger Verlag, Basel, 2004, 30-40.
  33. Wang Y, Lobstein T : Worldwidetrendsinchildhoodoverweightandobesity. Int J Pediatr Obes 1 (2006) 11 - 25.
    doi:10.1080/17477160600586747
  34. Weineck J: Optimales Training. Leistungsphysiologische Trainingslehre unter besonderer Berücksichtigung des Kinder- und Jugendtrainings. 15. Auflg., Spitta Verlag, Balingen, 2007.
  35. Xiang H, Smith GA, Wilkins JR, Chen G, Grim Hostetler S, Stallones L: Obesity and risk of nonfatal unintentional injuries. Am J Prev Med 29 (2005) 41 - 45.
    doi:10.1016/j.amepre.2005.03.013
  36. Zeuschner V, Freidl W: Ergebnisse eines Gesundheitsförderungsprogramms für Adipöse. Dtsch Z Sportmed 58 (2007) 138 - 143.
Korrespondenzadresse:
Dr. Klaus Greier
Bewegungs- und Sporterziehung
Pädagogische Hochschule (KPH) Stams
Stiftshof 1
6422 Stams
Österreich
E-Mail: klaus.greier@kph-es.at
 
zum Seitenanfang