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Die Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin behandelt die klinische Praxis und deren angrenzende Felder im Sinne translationaler Forschung, die den Einfluss von körperlicher Aktivität, Bewegung, Training und Sport sowie Bewegungsmangel von gesunden Personen und Patienten aller Altersgruppen erforscht. Dies umfasst die Auswirkungen von Prävention, Diagnose, Therapie, Rehabilitation und körperlichem Training sowie das gesamte Feld der Sportmedizin und sportwissenschaftliche, physiologische und biomechanische Forschung.

Die Zeitschrift ist die führende und meistgelesene deutsche Zeitschrift für die gesamte Sportmedizin. Sie richtet sich an alle Ärzte, Physiologen und sportmedizinisch/sportwissenschaftlich interessierte Wissenschaftler aller Disziplinen sowie an Physiotherapeuten, Trainer, Praktiker und Sportler. Die Zeitschrift ermöglicht allen Wissenschaftlern online Open Access zu allen wissenschaftlichen Inhalten und viele Kommunikationsmöglichkeiten.

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Sportmedizin im Wandel
EDITORIAL

Sportmedizin im Wandel – Wandel durch Sportmedizin

Sports Medicine in Change - Change through Sports Medicine

2012  wird  DAS  sportmedizinische  Ereignis  gefeiert:  100  Jahre Deutsche Sportmedizin. Die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Rehabilitation (DGSP) ist damit weltweit die älteste sportmedizinische Vereinigung, zugleich eine der ältesten medizinischen Fachgesellschaften in Deutschland (1, 2, 6).

Rückblick
Im  ersten  Heft  diesen  Jahres  wurden  bereits  Aspekte  der  Geschichte  der  Deutschen  Sportmedizin  dargestellt  (1).  Die  Sportphysiologie und Sportmedizin ist naturgemäß schon älter als die Gesellschaft selber (2, 6). Schon griechische Ärzte haben den Wert der körperlichen Aktivität hervorgehoben. Später wurde das Konzept  dann  im  deutschen  Sprachbereich  von  vielen  Ärzte,  unter anderem Paracelsus, Friedrich Hoffmann (2), Christoph Wilhelm Hufeland (7) und Carl Friedrich Lutheritz (8) übernommen. Physiologen wie Antoine Laurent Lavoiser (9) oder Nathan Zuntz (3) initiierten  sportphysiologische  Verfahren,  die  später  in  Deutschland, Skandinavien und England weiterentwickelt wurden.
Gegründet wurde, wie Prof. Dr. K.-H. Arndt ausführte, die Gesellschaft 1912 in Oberhof als „Deutsches Reichskomitee zur wissenschaftlichen Erforschung des Sportes und der Leibesübungen“ (1, 6).  Später  wurde  daraus  der  „Deutsche  Ärztebund  zur  Förderung der Leibesübungen“. 1933 wurde dieser in den „Nationalsozialistischen  Ärztebund“  eingegliedert.  Nach  dem  II.  Weltkrieg wurden  zunächst  Landesverbände  gegründet  in  Anlehnung  an die jeweiligen Ärztekammern. Aus diesem ging dann der Dachverband „Deutscher Sportärztebund“ hervorging, später umbenannt in „Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention“ (1, 6).
Die DGSP hat sich bis heute als Dachverband von 18 regionalen  Verbänden  gehalten.  Unter  den  deutschen  medizinischen Fachgesellschaften ist sie noch eine der wenigen mit dieser Struktur.

Aspekte aus dem Gründungsjahr
Die Bedeutung der Herzfunktion und der Gefahren für das Herz im  Sport,  die  Rolle  der  „körperlichen  Ertüchtigung  der  Frau  im Sport“ (Frl. PD Dr. Rahel Hirsch) waren Themen des Gründungskongresses in Oberhof (1912). Ein Beispiel:
„Die  Frau,  die  ihren  Körper  kräftig  und  gesund  gestaltet, wird sich und ihre Familie länger gesund und frisch erhalten.“[…]„Die  Erledigung  der  häuslichen  Besorgungen  als  eine  hygienisch zweckmässige  Bewegung  anzusehen,  ist  unrichtig."[….]„Die  gesunde Frau kann ebenso Sport treiben wie der gesunde Mann“(4).
Ebenso wurden bereits zur damaligen Zeit von den Sportärzten erste Warnungen vor Doping im Sport ausgesprochen (2).
Die weitere Entwicklung der Sportmedizin verlief stürmisch. 1928 wurde die FIMS gegründet, die „Internationale Vereinigung für Sportmedizin“. Eine große internationale Bedeutung erlangte E. Jokl (5), zunächst in Breslau. Dann emigrierte er nach Südafrika und wurde später Lehrstuhlinhaber in Lexington, USA. Seine Publikationen zu "Synkope im Sport" und zu "Alter und Sport" sind auch heute noch von hoher Aktualität.

Die Entwicklung
Nach  dem  zweiten  Weltkrieg dauerte es einige Zeit, bis die sportmedizinische  Institute und Forschungseinrichtungen wieder arbeitsfähig wurden.
Der  Wandel  der  Sportmedizin war mitunter ein Auf und  Ab.  Zahlreiche  Institute bestanden  in  Ost  und  West. Bereits  vor  der  Wende  wurden im Westen einige Institute geschlossen bzw. Lehrstühle  nicht  wieder  neu  besetzt. In  den  neuen  Bundesländern wurden nach der Wende weitere  Lehrstühle  und  Institute geschlossen,  obwohl  sie  in keinem  Zusammenhang  mit  Dopingaktivitäten  standen.  Die  Anwendung von verbotenen Substanzen durch einige wenige Sportärzte haben den Ruf der Sportmedizin auch im Westen geschadet. Wohingegen  der  Einsatz  von  Doping  durch  Ärzte  außerhalb  der Sportmedizin sowie durch Betreuer und Trainer wenig Beachtung fand.
Unbeschadet dieser negativen Schlagzeilen haben sportmedizinische Einrichtungen bedeutende Forschungsergebnisse erzielen können.  Die  Praxis,  Lehre  und  leistungsmedizinische  Betreuung konnte  etabliert  und  auf  einem  hohen  Niveau  weiterentwickelt werden (2, 6).
Beispielhaft für wichtige wissenschaftliche Ergebnisse ist die Rolle der Rehabilitation in der Medizin. Sie wäre ohne sportmedizinische Studien nicht denkbar (z.B. Herzsportgruppen). Zur Prävention zahlreicher Krankheiten ist körperliche Aktivität unabdingbar (2, 6, 11). Orthopädie und Traumatologie sind Vorreiter für frühzeitige Mobilisation, Physiotherapie und Nachbehandlung.
Die „klinische Sportmedizin“ hat große Bedeutung erlangt: Bewegung als Therapie. Kaum ein medizinisches Fachgebiet kommt heute ohne Training, Bewegung und körperliche Aktivität aus. Eigene sportmedizinische Arbeitsgruppen haben sich beispielsweise in Kardiologie, Neurologie, Psychiatrie oder Ophthalmologie gebildet.
Besonders  eindrucksvoll  sind  zwei  „Kehrtwendungen“  in  der Medizin:  Patienten  mit  Herzinsuffizienz,  wie  auch  mit  schwerer chronisch  obstruktiver  Atemwegserkrankung,  wurden  früher  geschont,  teilweise  mit  langen  Bettruhezeiten.  Und  heute?  Diese Patienten  werden  auftrainiert  und  profitieren  davon.  Bewegung verbessert  die  kardiale  und  pulmonale  Funktion,  ausgehend  von einer positiven Beeinflussung der Sarkopenie. Mancher operativer Eingriff  nach  komplexen  Knieverletzungen  wäre  ohne  den  sportmedizinischen Hintergrund der Operateure kaum entwickelt worden.  Die  orthopädische  Rehabilitation  wäre  ohne  Sportmedizin und Betreuung der Spitzensportler kaum denkbar. Einrichtungen wie Medicos auf Schalke belegen dies und sind wegweisend.

Ein Beispiel für Wandel durch Sportmedizin

Ausblick
Die Zukunft der Sportmedizin beinhaltet aber auch Probleme. Die Zahl der Mitglieder in den Landesverbänden ist rückläufig, ebenso wie bei den Fortbildungslehrgängen. Herzsportgruppen suchen dringend  Ärzte  und  der  Abbau  sportmedizinisch  wissenschaftlicher Einrichtungen macht große Probleme (10).
Bei  den  Mitgliederversammlungen  in  den  Landesverbänden liegt  die  Teilnahme  meist  zwischen  0,5- 1%  der  Mitglieder.  Hier ist mehr aktive Mitarbeit notwendig. Im Rahmen der Fortbildung werden Ärzte mit Fachwissen für Fitnessstudios oder die Sportkardiologie  gesucht.  Die  Zusammenarbeit  zwischen  orthopädischtraumatologischen  und  internistisch  ausgerichteten  Sportärzten in Form von sportmedizinischen Zentren ist empfehlenswert. Die weitere  Kooperation  von  Ärzten  der  verschiedenen  Fachrichtungen,  z.B.  Neurologie,  Gynäkologie,  Pneumologie,  Onkologie  oder Psychiatrie mit den Sportärzten ist ein wichtiger Schritt in die Zukunft.

Positive Aspekte und Perspektiven
Weitere  positive  Aspekte  zeichnen  sich  ab.  Möglicherweise  wird auf europäischer Ebene der Facharzt für Sportmedizin eingeführt. Das Kursbuch Sportmedizin der Bundesärztekammer für die Zusatzbezeichnung ist abgeschlossen (11) und das Rezept für Bewegung eröffnet den Ärzten neue Möglichkeiten. Ebenso gibt es Kurse zur Gesundheitsvorsorge und Prävention der Bundesärztekammer mit einem hohen Anteil an sportmedizinischen Inhalten.
Die Prävention im betrieblichen Gesundheitswesen erhält einen zunehmend höheren Stellenwert. Die Gesunderhaltung durch regelmäßige körperliche Aktivität und gesunden Lebensstil ist bei längeren Lebensarbeitszeiten dringend erforderlich.
Sportmedizinische Aktivitäten zu Bewegung in Kindergarten, Schule  und  bei  Berufsanfängern  ist  aus  der  Sicht  der  Prävention dringlich. Die Epidemie von Übergewicht und Adipositas erfordern Maßnahmen, auch seitens der Sportmedizin.
Ein  gleiches  Interesse  gilt  den  älteren  Menschen.  Senioren brauchen  Training,  Übung  und  Bewegung,  womit  sie  in  der  Lage sein werden, die Pflegenotwendigkeit heraus zu zögern. Regelmäßige körperliche Aktivität ist derzeit die einzig wirksame Therapie bei beginnender Demenz und Morbus Alzheimer. Vor allem ermöglicht ihnen die regelmäßige Bewegung eine längere Selbständigkeit und Autonomie. Angesichts des demographischen Wandels ist dies von eminenter Bedeutung. Dies bedeutet, dass zunehmend mehr Übungsleiter und Trainer in die Senioreneinrichtungen notwendig sind.
Diese Beispiele zeigen, dass die ersten hundert Jahre erst der Anfang waren. In den kommenden (hundert) Jahren wird die sportärztliche  Kompetenz  weiterhin  verstärkt  benötigt  werden,  wahrscheinlich  dringender  denn  je.  Daher  laden  wir  Sie  herzlich  zum Jubiläumskongress ein.

LITERATUR

  1. Arndt KH: Tradition verpflichtet - 100 Jahre organisierte Sportmedizin. Dtsch Z Sportmed 63 (2012) 3.
  2. Arndt KH, Löllgen, H Schnell D: DGSP - 100 Jahre Deutsche Sportmedizin. Druckhaus Verlag Gera, 2012.
  3. Gunga HC: Nathan Zuntz - His life and work in the fields of high altitude physiology and aviation medicine. Academic Press, Burlington, 2009.
  4. Hirsch R: Körperliche Ertüchtigung der Frau 1. Sportärztekongress, Oberhof. Abstract. Münch med Wschr 59 (1912) 2700.
  5. Jokl E: Five Monographs. Lexington, Kentucky, 1981.
  6. Hollman W, Tittel K: Geschichte der Sportmedizin, Druckhaus Verlag Gera, 2008.
  7. Hufeland CW: Die Kunst das menschliche Leben zu verlängern. Akademische Buchhandlung, Jena, 1798.
  8. Lutheritz CF: Lebenserhaltungskunst oder Vollständiges System der Diätetik für alle Stände. Eine Anleitung wie man in allen Verhältnissen des Lebens ein hohes Alter erreichen und selbst bei Krankheitsanlagen das Lebensziel möglichst zu verlängern in Stand gesetzt werde. Verlag Goedsche, Meißen, 1828.
  9. Prinz JP: Die experimentelle Methode der ersten Gasstoffwechseluntersuchungen am ruhenden und quantifiziert belasteten Menschen. Academia, Sankt Augustin, 1992.
  10. Reer R: Quo vadis, DGSP. Dtsch Z Sportmed 62 (2011) 113 - 115.
  11. Völker K, Schnell D, Löllgen H: Kursbuch Sportmedizin. Dtsch Ärzteverlag, Köln, im Druck.
 
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