DZSM

Gelistet in:

  • Research Alert
  • Focus On: Sports Science & Medicine
  • SciVerse Scopus
  • CrossRef
  • EBSCO SPORTDiscus
  • Google Scholar
  • Chemical Abstracts Service

Die Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin behandelt die klinische Praxis und deren angrenzende Felder im Sinne translationaler Forschung, die den Einfluss von körperlicher Aktivität, Bewegung, Training und Sport sowie Bewegungsmangel von gesunden Personen und Patienten aller Altersgruppen erforscht. Dies umfasst die Auswirkungen von Prävention, Diagnose, Therapie, Rehabilitation und körperlichem Training sowie das gesamte Feld der Sportmedizin und sportwissenschaftliche, physiologische und biomechanische Forschung.

Die Zeitschrift ist die führende und meistgelesene deutsche Zeitschrift für die gesamte Sportmedizin. Sie richtet sich an alle Ärzte, Physiologen und sportmedizinisch/sportwissenschaftlich interessierte Wissenschaftler aller Disziplinen sowie an Physiotherapeuten, Trainer, Praktiker und Sportler. Die Zeitschrift ermöglicht allen Wissenschaftlern online Open Access zu allen wissenschaftlichen Inhalten und viele Kommunikationsmöglichkeiten.

. .


Jubiläumskongress - 100 Jahre Deutsche Sportmedizin
EDITORIAL

Sport im Kindesalter – ist Hochleistungssport gesund?

High Competitive Sports in Childhood – is there a Risk?

Prof. Dr. Holger SchmittDass sportliche Aktivität im Kindesalter einen positiven Einfluß auf die Entwicklung unterschiedlichster Komponenten hat, ist mittlerweile in zahlreichen Untersuchungen belegt. Die Leistungsfähigkeit kann in den Bereichen Ausdauer, Kraft, Koordination, Schnelligkeit und Flexibilität gesteigert werden. Der Körperbau kann verändert werden (Reduktion des Fettanteils, Vermehrung der Muskelmasse), Herz- und Lungenfunktion (Erhöhung des Schlagvolumens, Reduktion der Ruheherzfrequenz, evtl. Erhöhung der Vitalkapazität) können positiv beeinflußt werden. Sportliche Aktivität korreliert mit verbesserter schulischer Leistungsfähigkeit sowie gesteigertem Selbstvertrauen und adäquatem Sozialverhalten. Präventivmedizinische Effekte werden sportlicher Aktivität im Kindesalter ebenfalls zugeschrieben. Je nach Intensität sportlicher Belastung kann Infektionen vorgebeugt werden, das Risiko zukünftiger Rückenschmerzen reduziert werden sowie durch eine Steigerung der Knochendichte im Wachstumsalter einer Osteoporose vorgebeugt werden. Ebenfalls wird eine Reduktion der Unfallhäufigkeit durch Verbesserung koordinativer Eigenschaften diskutiert. Bei allen positiven Aspekten, die mit sportlicher Aktivität im Kindesalter verbunden sind, stellt sich die Frage, in wieweit derartige Effekte im Hochleistungssport noch zu finden sind – bzw. wo finden sich die Belastungsgrenzen, die nicht überschritten werden sollten, um den wachsenden Organismus nicht zu schädigen. Bei einem gesunden Organismus und einem Bewegungsapparat, der symmetrisch aufgebaut ist, keine Deformitäten oder Achsabweichungen vorhanden sind, kann unter Berücksichtigung der sportartspezifischen Belastung wie in manchen Sportarten üblich und erforderlich ein Trainingsvolumen von bis zu 20 Stunden pro Woche absolviert werden, ohne dass ein erhöhtes Risiko, einen Spätschaden zu erleiden, resultieren muß. Inwieweit die Qualität des Knorpels im Kindesalter individuell den Belastungen im Hochleistungssport genügt, ist Inhalt wissenschaftlicher Studien, die insbesondere durch die bildgebende Darstellung dieser Strukturen in der Kernspintomographie ermöglicht wird. Obwohl heute schon sehr genau die Quantität des Knorpels und bis zu einem gewissen Maße die Reaktion auf Belastung dargestellt werden kann, sind die Möglichkeiten, die Qualität individuell zuverlässig zu beurteilen, noch nicht ausreichend entwickelt. Hier wird aber sicherlich die Weiterentwicklung bildgebender Verfahren in den nächsten Jahren eine exaktere Vorhersage ermöglichen.Problematisch wird eine intensive Belastung, wenn die „Schwachstelle“ des wachsenden Bewegungsapparates, die Wachstumsfuge, den Anforderungen nicht gerecht wird und Überlastungsreaktionen auftreten, die häufig zu einer mehrere Wochen andauernden Reduktion der sportlichen Aktivität führen. Dass intensive körperliche Aktivität einen hemmenden oder auch wachstumssteigernden Effekt auf die Wachstumsfuge habe kann, ist an unterschiedlichen Athletenkollektiven untersucht und bestätigt worden. Exzentrische Belastungen können eher zu einer Verlängerung des Knochens durch Aktivierung der Wachstumsfuge führen (z.B. Schlagarm beim Tennis), wohingegen axiale und stauchende Belastungen eher zu einer Hemmung führen können (z.B. Ulna plus- Variante beim Kunstturner). Schwerwiegende Spätschäden resultieren dann, wenn Fehlstellungen oder intraartikuläre Inkongruenzen auftreten, die das Arthroserisiko erhöhen. So macht man das Auftreten eines femoroacetabulären Impingements an den Hüftgelenken (FAI) als Folge einer ungleichmäßigen Belastung der hüftgelenknahem Wachstumsfugen am Oberschenkel im Sinne einer milden Form einer Epiphyseolysis capitis femoris für das vermehrte Auftreten von Coxarthrosen bei jungen Fußballspielern verantwortlich. Problematisch sind darüber hinaus vorbestehende Veränderungen bei Kindern, die eine Deformität an Gelenken oder deutliche Achsfehlstellungen aufweisen und bei denen im Leistungssport Belastungsspitzen auftreten, die zu einem vorzeitigen Verschleiß und an den großen Gelenken zu frühzeitigen Arthrosen führen können. Die Belastungen im Schulsport werden als zu gering engeschätzt, um einen Folgeschaden zu hinterlassen. Die Möglichkeit, am Schulsport teilzunehmen, ist aber für die Entwicklung der Kinder aus verschiedenen Gründen wie oben aufgeführt wichtig. Der Anteil des Sportunterrichtes an der Gesamtstundenzahl der Schüler ist in vielen Schulformen eher rückläufig und kann im Bereich der Ganztagesschulen in vielen Fällen keinen vollwertigen Ersatz für den Vereinssport bieten. Mit der Gründung von Sportinternaten und Förderzentren wird in den vergangenen Jahren in zahlreichen Sportarten versucht, talentierten Kindern und Jugendlichen neben der Schulausbildung eine möglichst optimale Entwicklung im Sport zu ermöglichen und somit den Hochleistungssport zu fördern. Die Einrichtung einer Jugendolympiade führt dazu, dass den Athleten bereits in jungen Jahren Anreize geboten werden, intensiv zu trainieren. Die Einrichtung derartiger Veranstaltungen sind allerdings mit dem Risiko behaftet, in jungen Jahren im Grenzbereich und vielleicht darüber hinaus zu belasten. Dem betreuenden Sportmediziner kommt hier eine besondere Aufgabe zu. Neben der demographischen Entwicklung führen generationsabhängige gesellschaftliche Trends (u.a. der gesteigerte Medienkonsum) dazu, dass der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die die Voraussetzungen und Möglichkeiten haben, Leistungssport zu betreiben, deutlich zurückgehen wird. Schätzungen des DOSB ergeben, dass der Anteil der im Vereinssport organisierten Mitglieder unter 18Jahre alle 10 Jahre um 5- 10% abnehmen wird. Sicherlich ist eine unserer Hauptaufgaben für die Zukunft darin zu sehen, unseren Kindern und Jugendlichen zumindest ein Mindestmaß an körperlicher und sportlicher Aktivität zu ermöglichen, um der breiten Bevölkerung die positiven Aspekte des Sports zu vermitteln. Hier sind wir aufgerufen, die Bedeutung des Sports unter medizi-nischen Gesichtspunkten immer wieder herauszustellen. Genauso hat der Leistungssport in unserer Gesellschaft einen besonderen Stellenwert und unsere Aufgabe als Sportmediziner wird es sein, eine kleiner werdende Anzahl an Spitzensportlern bereits im Kindesalter möglichst optimal zu betreuen und sicher in die Zukunft zu führen.

 
zum Seitenanfang