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Die Deutsche Zeitschrift für Sportmedizin behandelt die klinische Praxis und deren angrenzende Felder im Sinne translationaler Forschung, die den Einfluss von körperlicher Aktivität, Bewegung, Training und Sport sowie Bewegungsmangel von gesunden Personen und Patienten aller Altersgruppen erforscht. Dies umfasst die Auswirkungen von Prävention, Diagnose, Therapie, Rehabilitation und körperlichem Training sowie das gesamte Feld der Sportmedizin und sportwissenschaftliche, physiologische und biomechanische Forschung.

Die Zeitschrift ist die führende und meistgelesene deutsche Zeitschrift für die gesamte Sportmedizin. Sie richtet sich an alle Ärzte, Physiologen und sportmedizinisch/sportwissenschaftlich interessierte Wissenschaftler aller Disziplinen sowie an Physiotherapeuten, Trainer, Praktiker und Sportler. Die Zeitschrift ermöglicht allen Wissenschaftlern online Open Access zu allen wissenschaftlichen Inhalten und viele Kommunikationsmöglichkeiten.

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Sportmedizin
EDITORIAL

Schrotschuss-Sportmedizin?

Scattershot Methods in Sports Medicine?

Wer aktiv in die sportmedizinische Betreuung von Leistungssportlern  involviert  ist,  wird  das  Problem  kennen:  Athleten fordern  diagnostische  und/oder  therapeutische  Leistungen, die  einer  seriösen  Begründung  entbehren.  Nicht  selten  berufen sie  sich  dann  auf  Personen  des  medizinischen  Umfelds,  die  eine bestimmte Untersuchung als „besonders wichtig“ oder eine Substitution  als  „unbedingt  erforderlich“  etikettiert  haben.  In  einer solchen Situation ist es nicht immer einfach, standhaft zu bleiben und  dem  betreffenden  Sportler  zu  erklären,  dass  man  ein  derartiges Vorgehen falsch oder gar als Humbug empfindet. Denn wer hat  nicht  gern  ein  ungetrübtes  Verhältnis  zu  seinen  SportlerPatienten?  Auch  wenn  sich  ein  derartiges  Phänomen  auf  vielen Ebenen wiederfindet, scheinen doch zwei Bereiche besonders angetan dafür: die Labordiagnostik aus dem Blut und die Einnahme von Nahrungsergänzungsmitteln.
Viele Menschen assoziieren mit einer Blutentnahme und den aus der nachgeschalteten Diagnostik resultierenden Informationen geradezu universelle Aussagemöglichkeiten über die menschliche Gesundheit  und  den  aktuellen  „Status“  des  Organismus.  Weder Athleten noch Trainer stellen hier eine Ausnahme dar. So hört man nicht von ungefähr im Leistungssport immer wieder die Forderung, doch einmal Blut zu entnehmen, um die aktuelle Belastbarkeit oder gar den Grad der „Übersäuerung“ zu beurteilen. In diesen Glauben an die weit reichende Aussagekraft der Blutdiagnostik gehört auch die  Frage,  warum  Dopingkontrollen  nicht  ausschließlich  anhand von  Blutentnahmen  erfolgen.  Eine  Belastbarkeitsdiagnostik  auf der Basis von Blutwerten unter seriösen Vorgaben kaum möglich ist, weiß zwar jeder solide ausgebildete Sportmediziner. Und dass Urin einige Vorteile in der Dopinganalytik besitzt, ist auch kein Geheimnis. Dennoch werden wir immer wieder mit derartigen Erwartungen konfrontiert.
Insofern ist es kontraproduktiv, wenn in sportmedizinischen Settings zu Screeningzwecken Blutentnahmen erfolgen, aus denen Konzentrationen  von  Vitaminen,  Spurenelementen  und  andere nicht  etablierte  Parameter  bestimmt  werden,  deren  Referenzbereiche undefiniert sind oder an fraglichen Populationen gewonnen wurden. Allzu häufig führt das zu einer Defizitdiagnostik, die jeder Grundlage  entbehrt,  aber  von  Athleten  gern  angenommen  wird. Führt sie doch zur Erklärung mancher Formschwäche oder – nach Behebung des vermeintlichen Defizits – zu vermuteten Vorteilen gegenüber der Konkurrenz.
Auch  unbegründet häufige Blutentnahmen  erfüllen  den  Tatbestand des schrotschussartigen Vorgehens. Selbst wenn Sportler hochfrequente  Überprüfungen  wünschen,  gibt  es  keine  medizinisch gerechtfertigte Veranlassung, in enger zeitlicher Folge Blutkontrollen aus reinen Screeningzwecken durchzuführen. Dass ein solches diagnostisches Vorgehen sogar zu einer „Diagnostikabhängigkeit“ führen kann, darf eine angemessene Leistungssportbetreuung nicht aus den Augen verlieren. Das vom DOSB für Kaderuntersuchungen festgelegte jährliche Untersuchungsprogramm stellt eine  hinreichende  Grundlage  für  das  Screening beschwerdefreier Leistungssportler  dar,  die  nicht  ohne  gute  medizinische  Gründe verlassen werden sollte.
Beim  Thema  „Nahrungsergänzung“  gibt  es einige  Enthusiasten,  die sehr  offensiv  den  Einsatz empfehlen.  Ansonsten denken  wohl  viele:  „Kann ja kaum schaden, und vielleicht  besteht  ja  wirklich an der einen oder anderen Stelle  ein  Defizit.“  Das  ist natürlich  keine  angemessene  ärztliche  Sichtweise, denn  wo  kämen  wir  hin, wenn  Präparate  auch  auf anderen  Sektoren  unter solchen  Vorgaben  verordnet  würden?  Es  stimmt auch  nicht,  dass  kein Schädigungspotenzial  besteht.  Man  muss  nur  an  Interaktionen denken,  an  Vorerkrankungen  wie  Hämochromatose  oder  an  die Möglichkeit  von  Überdosierungen  („Viel  hilft  viel“,  ist  bestimmt kein seltener Gedanke bei Leistungssportlern). Eigentlich verfehlt selbst  der  Begriff  der  Polypragmasie  die  Praxis  der  Multi-Verordnung von Nahrungsergänzungsmitteln, setzt er doch implizit einen Behandlungsbedarf voraus.
Aber das vielleicht gravierendste Problem einer Schrotschussverordnung von Nahrungsergänzungen entsteht in der damit hervorgerufenen  Mentalität,  die  von  der  entsprechenden  Industrie natürlich  allzu  gern  befördert  wird:  „Eine  flächendeckende  Substitution  schützt  vor  allen  Defiziten  und  Nachteilen  gegenüber der Konkurrenz.“ Ich habe selbst erlebt, wie einer Juniorenfußballmannschaft  in  einem  privatwirtschaftlich  organisierten  Zentrum eine Substitutionsempfehlung auf individueller Basis (Laborwerte!) gegeben  wurde,  die  darin  gipfelte,  dass  einem  Sportler  10  (!)  verschiedene  Präparate  binnen  einer  Woche  empfohlen  wurden  ... Kommentar überflüssig!
Kommerziell  interessierte  Personen,  aber  gelegentlich  auch Kollegen aus dem erweiterten Kreis der Sportmedizin sind leider manchmal nicht immun gegenüber solchen Anwandlungen. Es ist jedoch nicht akzeptabel, wenn aus Gründen der Sportlerbindung, der Selbstüberhöhung oder gar des privatwirtschaftlichen Gewinns Schrotschuss-Sportmedizin  betrieben  wird.  Weder  die  inflationäre  Erhebung  von  Screening-Labordaten  ohne  Indikation,  noch die Verordnung einer Vielzahl an Supplementen ist mit seriösem sportmedizinischem  Vorgehen  vereinbar.  Wir  sollten  uns  dem aktiv entgegenstellen.

 
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